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Wer Antigua besucht, hat Guatemala noch nicht gesehen. Aber er hat den besten Ort gefunden, um damit anzufangen.
'Was? Nur vier Wochen?' Die unbändige Freude, dem Alltagsstress ganze vier Wochen entkommen zu sein, droht unter dem mitleidigen Blick des braungebrannten Australiers zu schwinden. Wer in Antigua nur vier Wochen Zeit hat, wird nicht für voll genommen. Und das Bekenntnis, einen fixen Job zu haben, stempelt einen endgültig zum Sonderling. Weltenbummler und Aussteiger sind in der kleinen Bergstadt im Hochland Guatemalas an der Tagesordnung.
Traveller - das ist hier das Maß aller Dinge. Das Wort ziert heruntergekommene Absteigen ebenso wie einschlägige Speisekarten. (Wer es noch raffinierter will, wählt statt dem Traveller- das Jack-Kerouac-Menü, die nahrhaft, aber billigen Ingredienzien - Bohnen und Reis - bleiben die gleichen.) Als gewöhnlicher Vier-Wochen-Tourist, der weder Chef noch Freundin für zumindest ein Jahr verlassen hat, sollte man keinen Anspruch auf die Bezeichnung Traveller erheben.
'Wer nicht ein Jahr Zeit hat, ist kein Traveller', stellt der offenkundig weit Südamerikaerprobtere Australier klar. Die anfängliche Bewunderung für die von ihm stets betonte Freiheit des Traveller-Seins weicht einem - jetzt gegenseitigen - mitleidigen Blick. Spätestens nach dem zweiten Gallo - dem einheimischen Bier - folgt der zweite Satz, der in den Bars Antiguas zum Standard-Repertoire gehört. 'Ich muss jetzt endlich weg von hier.'
In Antigua bleiben viele länger, als sie wollen. Dabei ist es oft weniger der unwiderstehliche Charme der Stadt, der sie hält, als die eigene Entscheidungslosigkeit, die sich in der Stadt mit dem für Guatemala doch recht westlichen Flair leichter verdrängen lässt. 'Antigua hat eine eigene Schwerkraft', hat es ein Israeli - eingepfercht zwischen mir und einer üppigen Guatemaltekin - auf der einstündigen Busfahrt vom Flughafen zu erklären versucht.
Dann ist es doch der Charme, der einen einfängt: ein wenig Märchenstadt, ein wenig Museum. Die überwachsenen Ruinen der 18 Klöster und 32 Kirchen, Kolonialhäuser und das Katzenkopfpflaster, das einen mit geschlossenen Augen durch das Rumpeln des Busses erkennen lässt, dass man in Antigua ist.
200 Jahre war Antigua als 'Santiago de Guatemala' Hauptstadt des damaligen Vizekönigreiches Guatemala, das von Chiapas in Mexiko bis Costa Rica reichte.
Die meisten kommen, um Spanisch zu lernen
Durch Erdbeben immer wieder zerstört, wurde die 1530 Meter hoch gelegene Bergstadt 1776 als Regierungssitz aufgegeben und erhielt den Namen 'La Antigua Guatemala', das alte Guatemala, oder kürzer: Antigua.
Was vom Glanz geblieben ist, wissen die 30.000 Einwohner zu nutzen. Die von der UNESCO als Weltkulturgut geschützten Ruinen und Kolonialhäuser locken Touristen an. Und der Blick auf die gewaltigen Vulkane macht durch überwältigende Schönheit vergessen, dass es die Vulkane sind, die immer wieder Zerstörung bringen.
Die meisten kommen, um Spanisch zu lernen. Dafür ist Antigua der ideale Ort: Man sitzt im kühlen Innenhof, lernt Vokabeln oder plaudert mit dem Lehrer. Am Nachmittag trifft sich alles im Schatten am Parque Central. Hier wird man so herzlich begrüßt wie schnell vergessen. Da kommt es vor, dass einen ein wildfremder Mensch innigst umarmt, um wenig später zu merken, dass er einen verwechselt. Ebenso selbstverständlich geht ein anderer grußlos vorbei, mit dem man am Vortag übers Leben philosophiert hat.
Den Reiz der Stadt haben die vielen Touristen nicht zerstören können. Selbst am Parque Central mischen sich Besucher und Einheimische bunt durcheinander und trinken Cappuccino - den einzig guten in meilenweiter Umgebung. Dabei ist Guatemala bekannt für die Qualität seines Kaffees - immerhin die größte Einnahmequelle des Landes. Doch der dürfte ausnahmslos ins Ausland verschifft werden. Was in den Kaffeetassen des eigenen Landes bleibt, wird so lang mit Wasser verdünnt, bis es bestenfalls als Tee zu bezeichnen ist. Das körnige Milchpulver schafft den Rest.
Am Markt verlässt man die touristische Einflusszone. Wo vom Truthahn bis zur Zahnpasta alles verkauft wird, ist kaum ein europäisches Gesicht zu entdecken. Eingepackt wird alles im Plastiksack - ob lebendige Küken oder Tomaten. Selbst das Cola (Pepsi hat hier das Match gegen Coke gewonnen) wird aus der Glasflasche in ein Sackerl geleert und einem samt Strohhalm in die Hand gedrückt. Die in riesigen Tonnen angebotenen Kutteln lassen einen den Atem anhalten. Dafür entschädigen die Berge von Tomaten und Bananen, die farblich mit den Trachten der einheimischen Frauen wetteifern. Mit einem Anteil von fast 50% zählt Guatemala zu den Ländern mit der höchsten Prozentzahl an Indigenas - den Nachfahren der Maya. Mit den Bussen, die die Dorfbewohner zum und vom Markt bringen, kann die Reise nach Guatemala beginnen.
Autor/in: Regina Reitsamer
© SN.
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