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Reiseberichte

Riesige Vulkane und Coca-Tee
29. April 2000
Der Lauca Nationalpark ist mit seinen schneebedeckten Vulkanen eine der atemberaubendsten Landschaften der Welt.

Am Fenster des Kleinbusses zieht die atemberaubende Landschaft der Atacama vorbei. Nicht alle Insassen können sich über den Anblick freuen. Die ersten Anzeichen der Höhenkrankheit, Kopfweh und leichte Übelkeit machen sich bemerkbar. An einem Tag 4500 Meter Höhenunterschied zu überwinden, ist halt einfach nicht so ohne weiteres zu verkraften.

Die Schönheit Chiles liegt in seiner Unberührtheit. Riesige Eismassen im Süden und eine unendliche Wüste im Norden, die Atacama, faszinieren die Besucher.

Die staubtrockene Landschaft im Norden Chiles zählt zu den faszinierendsten Gebieten in Südamerika. Im nördlichsten Zipfel liegt mitten in der Wüste Arica. Nur 18 Kilometer trennen die nördlichste Stadt Chiles vom Nachbarland Peru, zu dem sie bis zum Salpeterkrieg im 19. Jahrhundert gehörte. Von Arica aus führen wichtige Verkehrsverbindungen nach Bolivien und Peru. Heute wirbt Arica mit seinen wunderbaren Stränden und seinen das ganze Jahr über frühsommerlichen Temperaturen - und mit seinen Ausflugsmöglichkeiten. Arica ist der Ausgangspunkt für eine beliebte Tagestour, die über Putre mitten hinein in den kargen chilenischen Nordosten und den weltberühmten Lauca Nationalpark führt.

Ausflug auf 4500 Meter Höhe

Tagestour Arica-Parque Nacional Lauca-Arica: ein Angebot, das von allen Reisebüros in Arica angepriesen wird. Zwei Mal 4500 Meter Höhenunterschied an einem Tag zu überwinden, scheint ganz normal.

7.00 Uhr morgens, der VW-Bus ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Jorge, Buslenker und Reiseführer in einem, legt noch einen kurzen Stopp ein, um Brote und Wasser zu kaufen. Immerhin ist das Frühstück im Preis inbegriffen. Der Chilene schluckt schon mal ein Aspirin. Lachen und das bunt gemischte Sprachengewirr der Gruppe übertönen Jorges Ausführungen über den Vorbeugewert des Medikaments gegen die Höhenkrankheit.

Zuerst führt die Straße durch das Lluta-Tal vorbei an einem uralten Steinbild, das einen alten Mann und einen Adler darstellt. Wie ein grü-nes Band zieht sich das fruchtbare "Valle de Lluta" durch die wüstenhafte Umgebung. Der Anbau von Zwiebel, Tomaten, dem Lamafutter Alfalfa, Mais, Knoblauch und Nelken dienen der Versorgung der Region.

Der Bus stoppt vor der Iglesia de San Geronimo. Kleine senkrechte Phallussymbole bilden den Zaun. Die Fahrgäste nützen die Zeit, um sich im Friedhof hinter der Kirche die Beine zu vertreten. Wüstenbeständige Papierblumen und Stanniolgirlanden schmücken die Gräber.

Das Lluta Tal bleibt zurück. Die Straße schlängelt sich an den Hängen durch eine immer wildere Gegend. Versteinerte Muscheln bedecken den Boden. Nur vereinzelte Kandelaber-Kakteen lockern die Wüstenszenerie des Altiplano auf. Dann beginnen die Kordilleren.

Ein kurzer Fotostopp bei einem "tambo", während der Inkazeit Vorratshaus und Rasthaus für Boten mit wichtigen Nachrichten, wird eingelegt. Langsam macht sich bei den Businsassen die Höhe bemerkbar: 2950 Meter. Zeit für eine kurze Rast mit dem vom Reisebüro versprochenen Frühstück. In einem dunklen Raum voll mit lärmenden Schulkindern serviert eine Indigena trübes, lauwarmes Wasser, in dem Cocablätter schwimmen. Das ist der berühmte "mate de coca", der der Höhenkrankheit vorbeugen soll. Zum trockenen Käsebrot ist das Getränk jedenfalls nicht zu verachten.

Immer näher kommt die etwas bleich gewordene Reisegruppe ihrem Ziel. Die Vegetation ist polstrig und struppig. Ein kleines Rinnsaal fließt über die Moospolster. Kleine Vizcachas, die aussehen wie Hasen mit Rattenschwänzen, beäugen neugierig die Touristen, die sie auf Film bannen. Einzelne Lamas ergreifen die Flucht. Die Anzeichen von Übelkeit und Kopfweh haben sich bei einigen Touristen verstärkt. Auf Bitte einer besorgten Mutter stülpt der Reiseleiter einem Kind das für Notfälle bereitgehaltene Sauerstoffgerät über.

Endlich, nach fast 200 Kilometern anstrengender Fahrt am Ziel, wartet das überwältigende Panorama des Altiplano Chileno. Rot und grau gestreifte Vulkane mit gleißenden weißen Schneekappen umstehen wie Wächter den auf 4570 Meter höchstgelegenen Vulkansee der Welt, den Lago Chungara. 2100 Hektar groß liegt er an der bolivianischen Grenze im spektakulärsten Teil des Lauca Nationalparkes. Wasservögel, darunter Flamingos, bevölkern seine Ufer. Das tiefe Grün des Wassers lädt zu Rundgängen am Seeufer, immer an der Kippe zur Atemnot, ein. Und mit viel Glück lassen sich die von den Aymara gehüteten grasenden Llamas und Alpacas sogar streicheln.

Mehrere Busse mit Ausflüglern parken an dem See. Der Gipfel des Vulkans Parinacota, einem Heiligtum der Inkas, glänzt im Sonnenlicht. Er ist einer von zehn um die 6000 Meter hohen Gipfel, die aus der Hochsteppe des Lauca Nationalparks ragen.

Religiöse Feste und Geschäfte

138.000 Hektar umfasst das geschützte Gebiet. Mehr als 150 verschiedene Vogelarten, Vicunas, Vizcachas, kulturelle und archäologische Sehenswürdigkeiten sind die Sehenswürdigkeiten, die zu besichtigen sind. Auf dem Rückweg nach Arica passiert die kleine Gruppe das winzige Örtchen Parinacoto. Kaum aus dem Bus ausgestiegen, preisen Indios (Aymara) ihre Produkte an, und die Kinder wollen unbedingt ihr Schulhaus zeigen. Früher, in präkolumbianischer Zeit, lag Parinacota am Schnittpunkt zweier Handelsstraßen.

Heute ist es eigentlich kein Wohnort mehr. Die nomadisierenden Aymara versammeln sich hier nur noch zu religiösen Festen und um ihre Geschäfte abzuwickeln. In den kleinen grauen Steinhäusern leben mehrere Familien. Eine Sehenswürdigkeit, die Reisegruppen zum Anhalten veranlasst, ist die kleine Steinkirche. 1789 gebaut, mit weißem Kalk verputzt und mit Bordüren aus rosafarbenen Vulkansteinen geschmückt. Rotbemalte Pilaster und grüne und gelbe Säulen stützen die mit Fresken bemalte Decke.

Der letzte Stopp vor Arica wird im tiefer gelegenen Putre eingelegt. Der versprochene Lunch entpuppt sich zwar als ausgesprochen karg, aber schön langsam erwachen auch wieder die Lebensgeister. Die etwas blässlichen Gesichter bekommen Farbe und Gelächter, und Erzählungen über die von manchen versäumten Schönheiten des Lauca Nationalparkes erfüllen den Raum.

Autor/in: Claudia Hutticher

© SN.

diese seite | 19.06.2002 | 14:59

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