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Reiseberichte

Wo einst die Welt zu enden schien - Portugal
Ein Reiseland für Individualisten
Geheimtipp ist Portugal keiner mehr. Dafür aber ein Land, das dem Reisenden seine Geheimnisse nicht so einfach offenbart.

An Europas westlichem Rand haben trotz EU-Mitgliedschaft und Globalisierung Eigenarten überdauert, die anderswo längst verschwunden sind.
Dass in Portugal die Uhren anders gehen, zeigt das folgende vielzitierte Beispiel: Ein deutscher Unternehmer, der im Norden des Landes eine Schuhfabrik übernahm, versprach den Arbeitern, ihre Löhne zu vervielfachen, wenn sie nur die Produktion erhöhen würden. Die portugiesischen Beschäftigten lehnten ab, da die Mehrarbeit eine Verringerung ihrer Lebensqualität zur Folge hätte. Sieht man von den beiden Metropolen Lissabon und Porto sowie den
touristischen Zentren an der Algarve einmal ab, so scheinen in Portugal Hektik und Geschäftigkeit nicht zu existieren.
Dafür ist Zeit im Überfluss vorhanden. Und die Portugiesen gehen großzügig damit um. Sie nehmen sich trotz ihrer sprichwörtlichen Wortkargheit viel Zeit, um Fremden den Weg zu einer Sehenswürdigkeit zu erklären und lassen auch gleich noch ein Kapitel Landeskunde mit einfließen. Etwaige Sprachbarrieren werden manchmal beharrlich ignoriert. In Portugal fühlt sich der Reisende nicht als Objekt wertschöpferischer Begierde sondern als Gast. Die touristischen Infrastrukturen sind keineswegs so groß dimensioniert wie in anderen europäischen Ländern.
Fremdenverkehr wird nicht als Industriezweig betrachtet, wobei allerdings Teile der Algarve ausgenommen werden müssen. Hier wurden reizvolle Küstenabschnitte mit Hotels und Appartementburgen zubetoniert. Bleiben aber immer noch mehr als 700 Küstenkilometer.

Die (relative)Kühle des Atlantiks gewährleistet, dass auch in der Hauptsaison die Strände nicht überlaufen sind. Lediglich am portugiesischen Ende der Welt herrscht ein reges Kommen und Gehen. Immerhin repräsentiert das „Cabo da Roca“ den westlichsten Punkt Europas, „wo das Land endet und das Meer beginnt“, wie der Schriftsteller Luis Vaz Camoes einst meinte. Wagemutige Seefahrer wollten das Ende des Horizonts nicht einfach so hinnehmen und brachen in unbekannte Welten auf. Bartolomeu Dias umsegelte das von ihm benannte „Kap der Guten Hoffnung“, Vasca da Gama entdeckte den Seeweg nach Indien. Das kleine Portugal stieg zur Weltmacht auf. Gemeinsam mit den spanischen Nachbarn teilte man die Welt unter sich auf.

Die architektonischen Zeugen des einstigen Reichtums zählen heute zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten des Landes: vom Hieronymuskloster in Lissabon bis zum mächtigen Klosterkomplex in Batalha. Im manuelinischen Baustil, einer weiteren portugiesischen Eigenart, wurde das „goldene
Zeitalter“ zu Stein.
Der Status Weltmacht währte nur kurz. Längst zählt Portugal wieder zu den kleineren Staaten Europas. Dennoch bietet das Land dem Besucher eine Vielfalt an völlig unterschiedlichen Landschaften, deren Bandbreite vom kargen Alentejo bis zur feuchten Tropenvegetation um Sintra, von der rauen Atlantikküste im Norden bis zum „versteinerten Paradies“, wie die Algarve auch noch genannt wird, reicht. Zu den faszinierendsten Erlebnissen zählt zweifelsohne eine Reise
entlang der spanisch-portugiesischen Grenze. Malerische Flussdörfer, eine Vielzahl an Burgen, alte befestigte Städte und nahezu unberührte Landschaften lassen die Tour wie eine Reise in die Vergangenheit erscheinen. Einzige Voraussetzung: viel Zeit, denn 14 Tage müssten für die Fahrt von Faro nach Braganca auf jeden Fall eingeplant werden.

Schließlich soll es ja gelingen, doch das eine oder andere Geheimnis, das Portugal birgt, zu lüften.

diese seite | 18.06.2002 | 15:45

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