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Reiseberichte

Schwarze Katzen
24. Februar 2007
Warum erregte der Hintern einer Katze die Gemüter einer ganzen Stadt? Dass Architektur (auch) provozieren kann, erfuhren die Bewohner von Riga schon im Jahr 1909. Heute gilt Lettlands Hauptstadt Riga als die „Metropole des Jugendstils“.

Zwei schwarze Katzen sorgten vor knapp 100 Jahren in Riga wochenlang für   Aufregung und bescherten den Bewohnern der Hansestadt Gesprächsstoff. Nicht etwa nächtliche Paarungsschreie – zu solchen waren die in Bronze gegossenen Tiere gar nicht fähig – lösten eine wahre Beschwerdewelle aus, sondern deren „Allerwerteste“ galten als Stein des Anstoßes. Die Große Gilde der deutschen Kaufleute fühlte sich beleidigt und als Provokation waren die Skulpturen auch gedacht. Nachdem die altehrwürdige Vereinigung einem neureichen, lettischen Kaufmann die Aufnahme in ihren elitären Kreis verweigert hatte, ließ dieser direkt gegenüber dem Gildegebäude ein stattliches Haus bauen.

Ein Architekt namens Scheffel plante den Bau im späten Jugendstil. Auf das Dach ließ er zwei Katzen setzen, die ihre Gesäße respektlos in Richtung Gilde streckten. Das  war eine schlimme Beleidigung. Heute gilt das „Katzenhaus“ als das berühmteste Bauwerk von Riga und kein Stadtführer lässt es sich nehmen, seine Version der Geschichte – mit mehr oder weniger originellen Witzchen ausgeschmückt – zum Besten zu geben.

Was den Jugendstil betrifft, so hat die lettische Metropole wesentlich mehr zu bieten, als die Architektur gewordene Rache eines Kaufmanns. Keine andere europäische Stadt von Wien bis Paris weist eine derartige Dichte an erhalten gebliebenen Jugendstilbauten auf wie Riga. 800 Gebäude aus dieser Epoche sind im Stadtgebiet noch vorzufinden. Um diesen architektonischen Wert ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, erklärte die UNESCO die lettische Hauptstadt 1994 zur „Metropole des Jugendstils“.
Zwei Gründe waren dafür ausschlaggebend, dass diese spezifische Form der Baukunst das heutige Stadtbild von Riga prägt. Zur Jahrhundertwende, als sich der Jugendstil europaweit einer enormen Popularität erfreute, boomte die Hansestadt an der Daugava, was einen sprunghaften Bevölkerungsanstieg zur Folge hatte. Die Menschen benötigten Wohnungen, die am Rand des historischen Stadtkerns aus dem Boden schossen.

Geldmangel rettete den Rigaer Jugendstil

Die Architekten dieser Mietshäuser, die zumeist im Ausland studiert hatten und sich dort mit den Ideen des Jugendstils konfrontiert sahen, orientierten sich in ihren Plänen an der neuen Mode. Sechs bis sieben Jahrzehnte später, als Lettland Teil der Sowjetunion war und sich die dekorativ verspielten Bauten aus der Jahrhundertwende in einem desolaten Zustand befanden, standen weder finanzielle Mittel zur Sanierung noch zum Abriss zur Verfügung. Durch diesen Umstand „überlebte“ der Jugendstil in Riga nahezu unversehrt.

In Straßen wie der Elizabetes iela, der Strelnieku iela und am Brivibas bulvaris finden sich heute noch komplette Ensembles von Jugendstilbauten – zum Teil bereits restauriert, zum Teil in Sanierung befindlich. Hier wird das architektonische Erbe gepflegt. Weiter abseits vom Zentrum sieht es nicht mehr so rosig aus, denn da setzt der Zahn der Zeit den „Art Nouveau“-Bauten gehörig zu. Für nicht wenige dieser völlig desolaten Baudenkmäler dürfte jede Rettung zu spät kommen. Für die Alberta iela trifft dies glücklicherweise nicht zu. Diese Straße zählt zum schönsten und kompaktesten, was der Jugendstil in Europa noch zu bieten hat: Figuren, Reliefs, Masken, tierische und menschliche Gestalten der Götter und Sagenwelt, Ornamente mit Motiven aus der Volkskunst, Sphingen, Löwen und Drachen, bunte Kacheln mit floralen Mustern, kunstvolle Schmiedeeisengitter,  geometrische Formen sowie die so genannten Omega-Fenster – all dies lässt den Straßenzug wie ein Freilichtmuseum des Jugendstils erscheinen. Hier wird nachvollziehbar, weshalb die Letten diese Stilrichtung der Architektur als „Musik in Stein“ bezeichnen. Ihr „Komponist“ hieß übrigens Michail Eisenstein. Vom Vater des berühmten Regisseurs Sergej Eisenstein, der mit der Szene des herrenlos über die Treppe von Odessa hinunter rollenden Kinderwagens im Streifen „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925) Filmgeschichte schrieb, stammen Gebäude Alberta iela 2, 4, 6, 8 und 13.

Der „Allerwerteste“ zeigte nach Moskau

Wer auf Jugendstil-Entdeckungstour in den Außenbezirken von Riga herumstreunt, wird auf auffällig viele Katzen stoßen. Sie scheinen sich im selben Tempo zu vermehren, wie dies auch ihre schwarze Artgenossin aus Bronze im Stadtzentrum tut. Diese wird als Souvenir von Kunstmalern ebenso pausenlos repliziert wie von der Kitschindustrie. Wer einen Blick zum Original oben auf dem Dach des „Katzenhauses“ wirft, der wird sehen, dass sie ihren Allerwertesten nicht mehr in Richtung Große Gilde streckt. Um das Gerede und den Spott von der Vereinigung der Kaufleute abzuwenden, nahm diese den neureichen Kollegen letztlich doch auf. Dafür musste er die Katze auf dem Dach drehen, was auch geschah. Lange konnte sich der lettische Kaufmann über seine Mitgliedschaft in der Gilde, die übrigens damals mächtiger war als der Stadtrat von Riga, nicht freuen. Er starb wenig später.

Böse  Zungen behaupten übrigens, dass die   schwarzen Katzen von Riga  während der Sowjet-Herrschaft über Lettland ihre Gesäße provokant  in Richtung Moskau reckten.

INFORMATION

Anreise:  Tägliche Flugverbindungen zwischen Wien und Riga bieten Austrian Airlines und Air Baltic  (Flugzeit: 2 Stunden). Mit der Bahn vom Wiener Südbahnhof entweder über Minsk oder Warschau und Vilnius nach Riga (Fahrzeit: etwa 33 Stunden). 

Veranstalter:  Vom Freitag, dem 2. März, bis Sonntag, dem 4. März 2007 hat Geo Reisen einen dreitägigen Ausflug ins lettische Riga in das Programm genommen. Der Flug ab/bis Salzburg, zwei Übernachtungen im Doppelzimmer im Fünfsternehotel mit Frühstück, Transfers u.a.m. sind im Reisepreis ab 429 Euro inkludiert. Nähere Infos und Buchung im Reisebüro oder unter www.geo.at.

Lektüre:  „Lettland entdecken – Unterwegs im Herzen des Baltikums“ von Volker Hagemann, Verlag Trescher, 460 Seiten.
„Jugendstil in Riga“, Stadtführer, Verlag Jumava, 47 Seiten.

Währung: 1 Lat = 100 Santimi. Euro und US-Dollar werden empfohlen, die meisten gängigen Kreditkarten werden akzeptiert. In Lettlands Städten sind Geldautomaten vorhanden.

Autor: Michael Stadler

diese seite | 23.02.2007 | 11:12

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