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Reiseberichte

Die Burgen des Gebets
27. Jänner 2007
Als Europäische Kulturhauptstadt 2007 steht Sibiu derzeit im Mittelpunkt des Interesses, aber auch das Hinterland der Siebenbürger Metropole bietet Einzigartiges: die mittelalterlichen Kirchenburgen.

Tizian, Tiepolo, Lombardo, Cranach, van Dyck - das Brukenthal-Museum hätte der Ernennung von Sibiu (dt. Hermannstadt) zur Europäischen Kulturhauptstadt gar nicht bedurft, um international auf die Bedeutung der Kunstsammlung aufmerksam zu machen. Was Samuel von Brukenthal, ein Freund Maria Theresias, im 18. Jahrhundert zusammengetragen hat, genießt unter Kunstfreunden weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Rumäniens ältestes Museum, das 1817 eröffnet wurde, beherbergt aber nicht nur Bildende Kunst. Einzelne Abteilungen sind den Naturwissenschaften, der Ethnographie, der Volkskunst und der Geschichte Siebenbürgens gewidmet. Im Bestand des Museums befindet sich auch der "Heltauer Schatz".

Weltweit einzigartige Dichte an Wehrkirchen

Weltweit einzigartige Dichte an Wehrkirchen Heltau, ein einst sehr reiches Sachsendorf, das heute Cisnadie genannt wird, zählt zu jenen 150 Orten in Siebenbürgen, in denen Kirchenburgen relativ unversehrt die Jahrhunderte überdauert haben. Befestigte Kirchen, die den Menschen ab dem 12. Jahrhundert Schutz vor äußerer Bedrohung boten, sind in Europa nur mehr vereinzelt vorzufinden. Die ständige Weiterentwicklung der Waffen ließ die alten Kirchenburgen zwecklos erscheinen. Ihre Wehrmauern wurden abgetragen und dienten zumeist als Baumaterial für neue Wohnhäuser. Nicht so in Siebenbürgen - die Dichte an unverändert erhalten gebliebenen Wehrkirchen ist weltweit einzigartig. Touristisch wird dieses Potenzial jedoch nur zögerlich genutzt. Deshalb gelten die Kirchenburgen als eine Art Geheimtipp.

Die Ursprünge der Kirche von Cisnadie sind romanisch, doch - wie bei vielen anderen Wehrkirchen auch - wurden in der gotischen Epoche Umbauten durchgeführt. Eine Mauer trennte fortan die südliche Apsis vom übrigen Gotteshaus und dahinter deponierten die Geistlichen ihre wertvollen Kultgeräte für Messfeiern.

Da diese im Zeitalter der Reformation wesentlich weniger prunkvoll zelebriert wurden, landeten die kunstvoll gearbeiteten, kirchlichen Gerätschaften meist im Schmelzofen, um die Edelmetalle zurückzugewinnen. Der in Heltau eingemauerte Kirchenschatz blieb erhalten, weil die Kirchenväter ihr Geheimnis streng hüteten. Dennoch tauchte irgendwann eine Legende auf, die von einer goldenen Henne erzählte, die in der Kirchenburg vergraben sei. Allerdings wurde auch das Gerücht von einem Fluch lanciert, der jenen treffe, der den Heltauer Schatz zu entwenden versuche.

Vier Kilometer von Cisnadie entfernt liegt Cisnâdioara (dt. Michelsberg), ein Dorf, dessen Kirchenburg sich als romanisches Kleinod entpuppt. Rätselhaft erscheinen die kugelförmigen Grabsteine auf dem Friedhof, doch der Grund für die seltsame Form ist ein einfacher: Die einstigen Verteidiger der auf einem Hügel gelegenen Kirchenburg ließen Steinkugeln auf etwaige Angreifer den Abhang hinunter rollen. Später wurde diese schwere "Munition" zu Grabsteinen umfunktioniert. Dafür genügte ein schlichtes Namensschild.

Langweilig wird eine Kirchenburgen-Tour nicht, weil kaum ein Bau dem anderen gleicht und jede Anlage mit eigenen Geschichten aufwartet - so auch Cristian (dt. Grossau). In dieser Kirche befindet sich das kuriose Beispiel einer architektonischen Gesundheitsprophylaxe. Der gemauerte Erker wird als "Pesthäuschen" bezeichnet und ist mit einer winzigen Fensteröffnung versehen. Durch diese predigte der vor seiner Gemeinde geschützte Pfarrer, als im 16. Jahrhundert die Pest in Grossau wütete.

Bei den Frauen-Bänken fehlen die Lehnen

Bei den Frauen-Bänken fehlen die Lehnen In der Wehrkirche von Hârman (dt. Honigberg), einer romanischen, dreischiffigen Basilika, fällt wiederum auf, dass bei den Sitzbänken für die Frauen die Lehnen fehlen. Der Grund dafür liegt nicht in einer Diskriminierung der weiblichen Kirchgänger. Vielmehr trachteten diese danach, die seidenen, gestickten Rückenbänder ihrer Trachten zu schützen. Dafür wurde die Unbequemlichkeit in Kauf genommen, während sich die Männer gemütlich zurücklehnen konnten.

Die Kirchenburg von Hârman weist ebenso wie jene in Prejmer (dt. Tartlau) Vorratskammern auf. Darin lagerten die Familien Lebensmittel sowie sonstiges Hab und Gut. Bei etwaigen Angriffen von Türken oder Tataren wurde das Dorf selbst aufgegeben und die Bewohner verschanzten sich in der Burg.

Zu den größten Kirchenburgen, welche die Siebenbürger Sachsen bauten, zählt jene von Biertan (dt. Birthälm). Sie weist mehrere Türme, Basteien und Wehrmauern auf. Im "Katholischen Turm", so wird erzählt, sollen streitende Eheleute so lange bei Wasser und Brot eingesperrt worden sein, bis sie sich wieder vertrugen. Diese Form der Ehe-Therapie war aber nicht der Grund für den aufwändigen Bau. Vielmehr fungierte Biertan drei Jahrhunderte als Bischofssitz Siebenbürgens - bis dieser nach Sibiu verlegt wurde.

Veranstalter:
U. a. bietet Kneissl Touristik eine  zwölftägige  Rundreise zu den großartigen Kunstschätzen und Naturschutzgebieten Rumäniens ab Salzburg mit HP, allen Eintritten und Ausflügen sowie österreichischem Reiseleiter um 1182 Euro an. Informationen und Buchungen bei  Kneissl Touristik Salzburg, Linzer Gasse 33, Tel. 87 70 70,  www.kneissltouristik.at.

Einreise & Währung:
Reisepass oder Personalausweis (noch mindestens sechs Monate gültig). 1 Euro = 3,4 neue Lei.

Anreise:
tägl. 1 AUA-Linienflug von Wien nach Sibiu (nonstop).

Informationen:
Rumänisches Fremdenverkehrsamt,  Währinger Str. 6–8, 1090 Wien, Telefon: 01/3173157, Fax: DW 4.

Autor/in: MICHAEL STADLER

diese seite | 29.01.2007 | 15:34

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