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Wer bei Himalaja nur an Nepal oder Tibet denkt, vergisst leicht, dass auch Indien seinen Anteil am höchsten Gebirge der Welt besitzt.
Wenngleich die Bergwelt des Garhwal hinsichtlich der touristischen Infrastruktur weit hinter ihren frequentierten Nachbarländern liegt, so braucht sich der indische Teil des Himalaja was landschaftliche Reize anbelangt nicht zu verstecken.
Hup. Die Straße von Kausani nach Lohjung windet sich an steilen Felswänden entlang. Vier eingefleischte Trekker zwischen Anfang 30 und Mitte 50 und ich – Beobachterin, Quereinsteigerin. Im Minutentakt vergreift sich unser Fahrer an der Hupe seines Wagens, um fanfarenartige Tonstöße von sich zu geben. Ein bunt bemalter Lastwagen fährt vor uns, so nah, dass einem bange wird, so nah, dass ich entziffern kann, was unter Dreck und Staub geschrieben steht: Horn, please – bitte hupen. Die Gedanken lichten sich.
Wir ziehen an grünen Feldern und bunten Saris vorbei. Von den Frauen, die die Saris tragen, ist meist nur wenig zu sehen. Berge aus Heu und Holz verdecken Gesicht und Oberkörper. Nur Saris zu sehen, sonst nichts.
Hohe Gipfel, bunte Fauna
Nidhish Sharma leitet die Tour zu den „Höhepunkten Nordindiens“. Als Sohn des berühmten Bergsteigers K. P. Sharma wuchs er in und mit den Bergen auf. Im nördlichen Indien westlich von Nepal liegt seine Heimat, der Bundesstaat Uttarakhand (seit 1. 1. 2007; davor Uttaranchal). Das Gebiet erstreckt sich von der Gangesebene im Süden über die Ausläufer des Himalaja bis ins Hochgebirge mit dem Mt. Nanda Devi (7816 Meter), dem höchsten Berg Indiens, und setzt sich aus den beiden Bergregionen Garhwal und Kumaon zusammen. Hier pocht Nidhishs Herz, das neben den Bergen ganz seiner Gruppe gehört. Dass er hier bereits seit über 20 Jahren Touren organisiert und begleitet, merken wir nur an seinem tiefen Wissen über Region, Menschen und Traditionen, nicht aber an einer geminderten Leidenschaft – die lodert wie am ersten Tag und macht die Tour für alle Mitreisenden zu einem besonders intensiven Erlebnis.
Bekannte und unbekannte Gipfel überragen Uttarakhand und haben schon immer berühmte Bergsteiger aus aller Welt angelockt: Eric Shipton, Bill Tillman, Reinhold Messner und Heinrich Harrer, der im Zweiten Weltkrieg die hohen Pässe der Region auf seinem Weg in die verbotene tibetische Stadt Lhasa überquerte –, um nur einige zu nennen. Neben einer jungfräulichen Bergwelt finden Besucher Nordindiens aber auch eine beeindruckende Tier- und Pflanzenwelt vor. Der Corbett National Park am Fuße des Himalaja beherbergt auf 520 Quadratkilometern die größte Tigerpopulation weltweit; neben wilden Elefanten, Leoparden, Boas, Kobras und diversen Vogel- und Antilopenarten.

Hup. Wir erreichen Lohjung. Ein letztes vertontes Adieu von Ravi, unserem Fahrer. Letzte gemauerte Unterkunft vor Beginn des Trecks ist die „Patwal Tourist Lodge“. Ein grandioser Ausblick auf den Mt. Nanda Ghunti (6850 Meter) offenbart sich uns.
„Chalo-Chalei“ – wir brechen auf. Nidhish voran. Ein, zwei, drei vier Trekker und ich hinterher. Noch weiter hinten: Mulis, Gepäck, Kochutensilien, Zelte und die ganze Crew – sie alle werden uns wenig später einholen und als erste den Campplatz in Vikaltal auf 2900 Metern Höhe erreichen.
Die Etappen sind häppchenweise portioniert und mühelos zu bewältigen – selbst für Stadtspazierer wie mich. Wir finden einen Rhythmus, der Indien entspricht. „Hurry makes worry“, mahnten schon Straßenschilder auf dem Weg nach Lohjung. Neben anderen Wegweisheiten wie „Speed thrills, but kills“ und „Driving faster can cause disaster“ schätze ich besonders die universelle Anwendbarkeit von „Hurry makes worry“. Keine Eile im Garhwal-Himalaja!
Mehr als drei Jahrzehnte war das Gebiet für den Tourismus verschlossen. Grund dafür war das gespannte Verhältnis zum Nachbarland China. Heute ist Garhwal geöffnet und auf Grund seiner unberührten Routen besonders attraktiv für Trekker. Hoffentlich wissen Regierung und Touristen dieses Juwel besser zu schützen als manch andere umliegende Trekkinggebiete, in denen zurückgelassene Müllberge den Blick auf Bergpanoramen trüben.

Für Hindus ist Garhwal das „Land der Götter“ – dhev-bumi – umhüllt von Mythen und Spiritualität. Der heiligste aller Flüsse entspringt hier; ein Bad in Mama Ganga befreit von negativem Karma. Auch wir tauchen in das heilige Nass, beschreiten jedoch nicht den traditionellen Weg über die Ghats – rituelle Badeplätze –, sondern rutschen bei einer Raftingtour unverhofft über Bord. Gereinigt sind wir aber allemal. Als wir später die heiligen Pilgerorte Haridwar und Rishikesh erreichen und sehen, wie junge und alte Menschen, gesunde und gebrechliche, mit geschlossenen Augen ins Wasser tauchen und um göttlichen Segen bitten, sind wir alle – gläubig oder nicht – ergriffen und halten inne. Hier durchwandern wir eine dramatische Landschaft mit hohen Gipfeln, tiefen Tälern und einem Meer von alpinen Blumen.
„Der Gast ist wahrhaftig dein Gott“
Während des Trecks treffen wir nur eine einzige Frau. Sie kennt uns nicht, möchte aber, dass wir für diesen Tag ihre Gäste sind. „Atithi Devo Bhawa“ – später vermittelt uns Nidhish die hinduistische Philosophie, die der indischen Gastfreundschaft zugrunde liegt. „Der Gast ist dein Gott.“ Leider müssen wir weiter, um das Camp zu erreichen. Eiskörner säumen den Weg. In der Nacht hat es gehagelt. Eine Diskussion über Leistungsfähigkeit der mitgebrachten Schlafsäcke und optimale Dicke von Thermo-Matten entsteht. „Ihr könnt heißes Wasser in Flaschen füllen und in den Schlafsack stecken.“ Nidhish hat leicht reden. Sein Schlafsack protzt ja auch mit einem Kälteschutz von bis zu minus 30 Grad!
Der nächste Morgen bringt wärmende Sonnenstrahlen, die Crew wärmenden Chai-Tee. „Heute Mittag werden wir Brahmtal erreichen“ – wie jeden Morgen hält Nidhish ein kurzes Briefing. Mit seinen 3300 Höhenmetern ist Brahmtal sowohl geographischer als auch symbolischer Höhepunkt der Tour. Schnaubend, keuchend erklimmen wir das ernannte Ziel. Nach Luft ringend, den Himalaja bestaunend lassen wir uns fallen und genießen vor unglaublichen Panoramen die erste Yogastunde unseres Lebens. Wir sitzen im Schneidersitz, breiten die Hände aus und murmeln das Mantra, das Nidhish uns vorsagt: „Om bhur bhuvah swaha.“ „O höchste Wirklichkeit, erhelle mich, erleuchte mich!“ Man sagt, es gäbe nur zwei Arten von Menschen: die, die Indien lieben, und die, die es hassen. Was soll ich sagen? Ich bin verliebt.
DATEN & FAKTEN Veranstalter: Weltweitwandern, Burenstraße 136a, 8052 Graz, Telefon: 0316/58 35 04-0, Internet: www.weltweitwandern.at. Die Tour„Höhepunkte Nordindiens“ ist im Prospekt „Wandern weltweit“zu finden. Highlights: Rotes Fort, Tadsch Mahal und Fatepur Sikri in Agra. Zwei Tage Wildlife Safari im Corbett National Park. Viertägiges Trekking im Garhwal-Himalaja. Besuch der heiligen Pilgerorte Rishikesh und Haridwar und Rafting am Ganges.
Information: Am 2. Februar veranstaltet Weltweitwandern einen Informationsabend im indischen Restaurant„Mahatma“ in der Ignaz-Harrer-Straße 9 in Salzburg. Nidhish Sharma, seit 2004 lokaler Partner von Weltweitwandern, wird aus erster Hand informieren. Rechtzeitig anmelden unter sophie.borckenstein@weltweitwandern.at oder 0316/58 35 04-14. Beitrag für Essen (vor Ort zu bezahlen) ca. 10 Euro. Jeder Gast erhält einen 10-Euro-Northland-Professional-Gutschein.
Autor/in: Tina Eder

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