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Reiseberichte

Das verarmte Paradies
20. Jänner 2007
Glanz und Verfall, kubanische Lebensfreude und armselige Behausungen liegen in Havanna nah beieinander. 50 Jahre nach Fidel Castros Rückkehr aus dem mexikanischen Exil schwankt Kubas Kapitale zwischen Sozialismus und Tourismus.

Es sind nur ein paar Treppenstufen in einer alten Villa in Havannas Innenstadt, und doch scheint es wie eine Zeitreise durch die kubanische Geschichte. Im Erdgeschoß und im ersten Stock bröckeln Farbe und Putz von verdreckten, stuckverzierten Wänden. Nur eine Neonröhre spendet ein wenig fades Licht, wo einst Kronleuchter den Raum erhellten. Mit schwarzer Farbe an die Wände geschriebene Parolen künden vom Sieg der sozialistischen Revolution. Am Treppenaufgang steht eine steinerne, zierliche Frauenfigur mit abgeschlagenem Kopf.

Doch was wie eine Filmkulisse für einen Krimi wirkt, ist in Havanna lediglich der Aufgang zu einem Restaurant. Urgemütlich ist das Lokal, das sich unter dem Dach der alten Villa befindet. Was Kuba bewegte, hat in diesem Haus Spuren hinterlassen: Kolonialer Prunk, Revolution, Sozialismus – und schließlich Anfang der 80er Jahre die Öffnung für den Fremdenverkehr. Heute ist der Tourismus wichtigster Wirtschaftsfaktor des klammen Inselstaates. Dennoch ist Havanna  authentisch geblieben. Manchmal bedrückend authentisch.

Kubas Hauptstadt hat 2,2 Millionen Einwohner, doch wer den Airport abends verlässt, glaubt mitten in der Provinz gelandet zu sein. Denn Werbung und Leuchtreklamen gibt es so gut wie gar nicht, politische Parolen dafür zuhauf. Ein riesiges Plakat versichert, dass die Inselrepublik auf einem guten Weg ist – „Vamos bien“ heißt es dort in riesigen Lettern, daneben ist ein Bild von Fidel Castro aus besseren Tagen zu sehen. Vor dem Plakat fährt ein Mann mit einem klapprigen Pferdegespann vorbei.

„Betreten Sie eine Welt, in der alles möglich ist“ wirbt Havannas 20-stöckiges Luxushotel „Meliá Cohiba“ um Gäste. Und in der Tat scheint es, als beträte man eine andere Welt, wenn man am livrierten Portier vorbei geht. Sanfte Klaviermusik erklingt. Ein üppiges Blumengesteck ziert die riesige Hotelhalle. Doch spätestens der Blick aus dem Zimmerfenster holt den Gast gedanklich in den Sozialismus zurück. Unten plätschert ein rostiger Brunnen, umrahmt von zahlreichen achteckigen Betonbecken. Dahinter stehen heruntergekommene, graue Hochhäuser.

Noch in den 50er Jahren war Havanna ein Mekka für Vergnügungssüchtige. Spielhöllen, Nachtklubs und Cabarets reihten sich dicht an dicht. Wer Geld hatte, konnte es sich hier, nur 20 Autominuten von den kubanischen Traumstränden entfernt, gut gehen lassen. Die vielen Kolonialvillen der Innenstadt sind bis heute stumme Zeugen jener Zeit, in der das mondäne Leben der Eliten mit Korruption, Betrug und Gewalt einherging.

Zwei blutige Diktaturen, gepaart mit der Verarmung breiter Bevölkerungsschichten, bereiteten der Revolution ihren Nährboden. Fidel Castro und seine Getreuen investierten nach ihrem Sieg zwar in Bildung und Gesundheit. Nichtsdestoweniger: Arm sind die meisten Kubaner bis heute. Der offizielle Monatslohn liegt bei 20 Dollar. Wen wundert es da, dass viele mit den unterschiedlichsten Mitteln versuchen, an Devisen der Touristen zu gelangen – oder auch nur an etwas, das sie sonst nicht bekommen: Kugelschreiber etwa, oder ein Stückchen Hotelseife  – in Kuba, wo es sogar in guten Restaurants nicht einmal Toilettenpapier gibt, ein absoluter Luxusartikel.

Alte Frauen verkaufen kleine Tütchen mit Erdnüssen, junge ihren Körper. Zigarrenverkäufer versuchen auf der Straße ahnungslosen Touristen nachgemachte Havannas aus Tabakresten anzudrehen. Reisende bekommen in Havannas Innenstadt überall etwas angeboten. Skepsis ist angebracht.

Für Oldtimerfreunde ist Havanna fraglos ein Anziehungspunkt. Doch die vielen US-Schlitten aus den 40er und 50er Jahren sind nicht nur eine Touristenattraktion, sie sind auch ein Sinnbild für die wirtschaftliche Isolation des Landes –  und ein Symbol für die Unbeugsamkeit ihrer Besitzer. An den betagten Wagen wird trotz Ersatzteilmangels so lange herumgeschraubt, bis der Motor wieder lautstark brummt.

Stadtbesichtigung im Oldtimertaxi

Die Luft stinkt nach Benzin – und das alte Ford-Cabriolet fährt an den Häusern der Altstadt vorbei. Anders als in vielen anderen mittel- und südamerikanischen Städten sind in Kubas Hauptstadt noch viele Gebäude aus der Kolonialzeit erhalten. Nicht umsonst wurde die Altstadt 1982 zum Weltkulturerbe der UNESCO ernannt. Einige der Villen sind seither liebevoll restauriert worden, doch viele von ihnen verfallen nach wie vor. Manche Häuser wirken von außen wie ausgebrannt, einige haben nicht einmal Türen. Doch aus den scheibenlosen Fensteröffnungen heraus flattert Wäsche.

Und doch sieht man hier weniger mürrische Gesichter als in manchen europäischen Städten. Viele Kubaner trotzen dem wirtschaftlichen Elend mit Lebensfreude und Improvisationstalent. Kubas Musik drückt diesen Spagat zwischen hartem Alltag und sonniger Stimmung eindrucksvoll aus. Spätestens wenn füllige ältere Damen mit jüngeren Männern zu Son- oder Salsaklängen eine flotte Sohle aufs Parkett legen, ist die Stimmung in den Livemusikklubs auf dem Höhepunkt.

Das Taxi fährt Havannas wohl bekannteste Straße, den Malecón, entlang, eine endlose Betonbahn direkt am Meer. Verliebte Paare tauschen Zärtlichkeiten aus, Freunde stehen in Gruppen zusammen, plaudern und lachen. Die Mauer vor dem Wasser ist abends ein beliebter Treffpunkt bei jungen Kubanern. Und für manchen wohl auch ein Sehnsuchtsort.

Irgendwo dahinten liegt die Küste von Florida. Der Himmel ist schwarz. Man kann nicht erkennen, wo er aufhört und wo das Meer anfängt. Nur mit dem Schaum der Wellen schwappt ein schwacher Lichtschein ans Ufer.


DATEN & FAKTEN
Veranstalter:
Die meisten Anbieter  haben Kuba im Programm, so bietet z. B. Meier’s Weltreisen  einen 16-tägigen All-inclusive-Aufenthalt in Varadero mit Abflug ab München bereits um 1533 Euro an.

Klima:
Heiß und  subtropisch. Der meiste Niederschlag fällt von Mai bis Oktober. Im Herbst  können Wirbelstürme vorkommen. Die kühleren Monate Jänner und April haben die geringste Niederschlagsmenge.

Währung:
1 Peso Convertible = 100 Centavos. Der Euro gilt als offizielles Zahlungsmittel in Varadero, Cayo Largo, Cayo Coco, Holguin, Santa Lucia und Playa Covarrubias.

Gesundheit:
Medizinische Behandlung für Ausländer ist in Kuba nur in speziellen Ausländerkrankenhäusern möglich.  Der Abschluss einer Reisekrankenversicherung mit Notrückführung wird empfohlen.

Autor/in: Thomas Joppig

 

diese seite | 19.01.2007 | 11:41

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