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„Allah gab uns die Zeit und Euch (Europäern) die Uhren“, besagt ein geflügeltes Wort und charakterisiert so recht gut die gemütlich-geruhsame Lebensweise der Marokkaner.
In Casablanca, der zweitgrößten Stadt Afrikas nach Kairo, wuselt das Leben fast auf europäische Weise: Moderne Prachtbauten im maurischen Stil säumen die breiten Straßen, die Wirtschaft boomt, das Verkehrschaos ist vorprogrammiert. Touristen, vor allem aus Spanien, Frankreich, Deutschland und Österreich, sind auf nostalgischer Suche nach den Spuren des Filmklassikers „Casablanca“ mit Ingrid Bergman und Humphrey Bogart, von dem hier jedoch nicht eine einzige Szene gedreht wurde. Stattdessen hat Casablanca eine Attraktion ganz anderer Art zu bieten – nämlich nach Mekka die zweitgrößte Moschee der Welt. Von drei Seiten auf Pfeilern ins Meer gebaut, zeichnet sie mit ihrem fast 200 Meter hohen Minarett – übrigens höchster Sakralbau der Welt – schon von weitem die Silhouette der Stadt. 25.000 Gläubige finden in der Gebetshalle und weitere 80.000 auf dem riesigen Vorhof Platz.
Am Bau der 1993 eingeweihten Moschee waren 35.000 Arbeiter beteiligt; allein 3000 Kunsthandwerker, die das Gebäude mit Majolikamosaiken, Stuck, Zedernholzschnitzereien und Marmor schmückten. Wer nach den Baukosten der Grande Mosquée Hassan II. fragt, erhält die vage Auskunft von vielleicht einer Milliarde Dollar. So ist der Prachtbau der Superlative auch in Marokko umstritten, wenn man bedenkt, dass von den etwa fünf Millionen Einwohnern Casablancas eine Million meist ohne Strom und Wasser in verwahrlosten „Kanisterstädten“ am Rande der Stadt wohnt.
Will der Reisende das Flair der Souks hautnah erleben, ist er in Fes, einer der vier marokkanischen Königsstädte, am richtigen Platz. In der größten Medina des Landes – seit 1981 UNESCO-Weltkulturerbe –, mit 9400 engen Gässchen, pulsiert das arabisch-orientalische Leben wie vor Jahrhunderten.
Menschenmassen drängeln durch das Basarlabyrinth, die wohl längste Fußgängerzone der Welt. Eseltreiber versuchen mit lautem Rufen ein Durchkommen. Rechts und links in schmalen Läden gibt es alles zu kaufen, was das Herz begehrt. Schließlich sind in der Medina 53.000 Handwerker zu Hause – Silber- und Kupferschmiede, Schneider und Korbflechter, Schuhmacher und Schlosser, Messerschmiede und Metzger. Feilschen um den Preis ist Ehrensache, denn niemand will den Verkäufer durch einen zu schnellen Zuschlag beleidigen. War der Kauf erfolgreich, bleibt immer noch ein kleiner, gottgefälliger Obolus für den Bettler an der nächsten Ecke.
Ein Muss in Fes ist der Besuch des Gerberviertels Chuwwara. Von mehreren Terrassen aus lassen sich die Gerber und Färber bei ihrer gesundsheitsschädigenden Arbeit, die die Geruchsnerven der Außenstehenden arg strapaziert, beobachten. Da werden in runden, gemauerten Behältern die Ziegen-, Schaf- und Rinderhäute in Kalklauge und Säure enthaart, gesäubert und geschmeidig gemacht. Bottiche in Ocker, Rot und Gelb leuchten in den Farben der später begehrten Lederwaren. Gleich nebenan sind sie preiswert zu erhalten.
Erg Chebbi – der große Sandkasten
Hat der Besucher im Süden Marokkos die mit Lehmmauern umzogenen Ksour, die Wehrdörfer, und die burgähnlichen Lehm-Kasbahs hinter sich gelassen und sich am satten Grün der Oasen gelabt, beginnt beim Städtchen Erfoud das große Nichts. Nur vereinzelt eine Schirmakazie, kaum ein Strauch. Eine fast verwehte Reifenspur führt zu Berberzelten in der Ferne. Weite Geröllflächen sind Vorboten der Sahara.
Am Horizont sind dann die rotgoldenen Sandberge sichtbar, soweit der Blick reicht. Erg Chebbi, die flächenmäßig größte und höchste Dünenlandschaft Marokkos, erstreckt sich über 40 Kilometer Länge und zehn Kilometer Breite. Sind nach dem mühsamen 100-Meter-Aufstieg die Dünenkämme erklommen, lässt sich besonders am frühen Morgen oder am späten Nachmittag das Wechselspiel von Licht und Schatten in der endlosen Saharaweite beobachten. Zeit zum Träumen . . .
Der Djemaa el-Fna, der einstige „Platz der Hingerichteten“, auf dem die Köpfe der Mörder und Räuber in Marrakesch abschreckend zur Schau gestellt wurden, ist heute die fröhlichste Stätte Marokkos. Dicht neben dem geschäftigen Souk geht auf dem jetzigen „Platz der Gaukler“ vom späten Nachmittag bis zum Morgengrauen die Post ab. Viele Hunderte Einheimische und Touristen stürzen sich Tag für Tag ins Marktgetümmel. In den Garküchen brutzelt und dampft es. Das Angebot: Ziegenköpfe, Couscous, gegrillter Fisch, Lammfleisch-Spieße, Schnecken, Suppen und vieles mehr. Dicht nebenan versammelt ein Märchenerzähler wie in alten Zeiten Groß und Klein um sich. Kartenleserinnen und Wahrsagerinnen locken Wissbegierige an und Wunderheiler, Kräuterapotheker und Zahnzieher zeigen ihre Künste. In einer anderen Marktecke bitten Affenbändiger, Schlangenbeschwörer und Musikanten um Geldgaben. Abseits des Trubels sitzen unter kleinen Gaslampen die Schreiber, die für Ältere und des Schreibens Unkundige schnell einen Brief verfassen. Marrakescher Geschichten wie aus Tausendundeiner Nacht . . .

DATEN & FAKTEN Informationen: Marokkanisches Fremdenverkehrsamt, Kärtner Ring 17/2/23, 1010 Wien, Tel. 01/5125326.
Reiseliteratur: Baedeker „Marokko“, 26,70 €; Polyglott APA Guide „Marokko“, 20,60 €; Abenteuer und Reisen „Marokko“, Mairs Geographischer Verlag, 15,40 €; Polyglott on tour „Marokko“, 8,20 €; Marco Polo „Marokko“, 8,20 €; ADAC-Reiseführer „Marokko“, 5,10 €. Reiseveranstalter: Neben den Nordafrikaspezialisten Kneissl Touristik (www.kneissltouristik.at) und Dertour (www.dertour.at) bietet auch der deutsche Reiseveranstalter Gebeco (www.gebeco.de) Erlebnisreisen durch Marokko an. Buchungen unter 0049/431/544 60.
Autor/in: Ulrich Uhlmann
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