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Im Januar wird Châteu-d’Oex zum Mekka der Ballonfahrt. Pralle Farbenpracht so weit das Auge reicht.
Letzte Januarwoche morgens kurz nach neun in den Schweizer Bergen: Die Läden machen auf, die Kinder sind schon in der Schule, die Leute bei der Arbeit. Wer auf Winterurlaub hier ist, schmiert noch eine Scheibe Krustenbrot mit Greyerzer und genießt die warme Stube. Zehn, halb elf mag es werden, bis die Sonne überm Hochtal steht, davor ist draußen alles bitterkalt und elend steif gefroren, aber viel versprechend blau der Himmel tausend Meter überm Meer.
Und doch rumort es schon gewaltig auf der „Landi“-Wiese gleich am Dorfeingang von Châteu-d’Oex. Geländewagen rumpeln durch den Schnee, bunte Bahnen werden ausgebreitet, große Körbe herbeigeschleift, Aggregate brummen, Propangas-Brenner speien heiße Luft in schlaffe Nylonhüllen, Menschen rufen sich in allen Sprachen was zu. Und auf einmal stehen sie im Sonnenlicht: Dutzende Ballone, wie bunte Pilze aus dem Schnee gegossen. Jetzt steigt der erste in den klaren Winterhimmel auf!
Fast drei Jahrzehnte ist es her, dass die Montgolfièren in die Westschweiz kamen. Die elf Teilnehmer, die sich 1979 zum ersten Mal in Châteu-d’Oex trafen, waren schon ein guter Teil der damals in Europa zugelassenen Piloten, und Ballonfahren im Winter hatte keiner so recht ausprobiert. Mittlerweile sind es 80 Teams aus aller Welt, die jedes Jahr – dieses Jahr vom 20. bis 28. Januar – im Pays d’Enhaut, dem Hochtal der Saane zwischen Gstaad und Gruyère an der Schweizer Sprachengrenze, zusammenkommen. Eine Einladung hierher gilt in der Zunft als Ritterschlag.
Winter ist optimal für Ballonfahrten
Dass sich ausgerechnet Châteu-d’Oex zu einem solchen Mekka der alpinen Ballonfahrt mausern konnte, liegt am Mikroklima der Region, die sich im Winter oft als Schönwetterinsel aus dem Einheits-Wolkengrau erhebt. Luftströmungen von Ost nach West, die sich meist zur Mittagsstunde drehen, machen sogar Rundflüge mit Start und Ziel am selben Ort möglich – für ein Luftfahrzeug ohne eigenen Antrieb eine echte Besonderheit. Dazu kommt, dass man im Winter den ganzen Tag am Himmel bleiben kann: Um aufzusteigen, muss die Luft im Ballon nämlich um bis zu 90 Grad heißer sein als die Umgebung. Temperaturen über 110 Grad, wie sie in heißen Sommertagen nötig wären, schädigen jedoch die dünne Nylonhülle.
Besser also, man zieht sich selbst warm an und genießt die Winterwelt der Schweizer Berge bei ruhiger Fahrt auf ein paar hundert Höhenmetern. Wobei: Rundum genießen können nur die Passagiere, die sich für etwas 200 Euro einen Platz im Korb gesichert haben – das geht auch ohne Voranmeldung am Startgelände. Für das Ballonteam gilt es hier beim „Wimbledon“ der Zunft möglichste vorn mit dabei zu sein. Die Zahl der Wettbewerbe, die unter der Woche ausgetragen werden, ist Legion und für den Laien hie und da verwirrend: Klare Sache noch der Zieleinflug, bei dem ein Marker auf die Wiese abgeworfen wird, oder der Hin- und Rückflug je nach Luftströmung. Darüber hinaus geht es um Meriten in der „Hasenjagd“, im „Don Quichote“, im Verfolgungsrennen oder um Flüge mit Zwischenlandung und gedachter Ziellinie. Und ob es der Sieger beim Langstreckenflug gar bis Kroatien schafft, steht ohnehin erst Tage später in der Zeitung.
An den beiden Wochenenden aber rückt Schaulaufen ins Zentrum des Geschehens: Zehntausende von Zuschauern kommen dann nach Châteu-d’Oex und lassen die Ballonwoche zum größten Publikumsevent der Westschweiz nach dem Montreux-Jazzfestival werden. Hoch in der Gunst steht der Freitagabend mit der großen, jedes Jahr neu inszenierten Show aus Klang- und Lichteffekten, mal mit, mal ohne „glühende“ Ballone, aber stets mit einem großen Feuerwerk als Höhepunkt. Tagsüber locken Massenstarts und Zieleinflüge, Raclette-Buden, Heli-Runden und ein Hauch von Weltcup-Stimmung im sonst verträumten alten Dorfkern.
Stoff gewordene Träumereien
Erklärte Lieblinge bei Jung und Alt sind die Motivballone, die Hingucker im Reich der Montgolfièren, seit André Heller in den Achtzigern die ersten Wolkenschlösser in den Himmel zauberte. Kühe, Autos, Sparfüchse und Samstagszeitungen, Jumbo-Jets und Beethoven als Büste: Skuriles ohne Grenzen.
Am 1. März 1999 stand der Höhenort im Kanton Waadt selbst im Blick des Weltgeschehens: Bertrand Piccard und Brian Jones starteten von hier zur Weltumrundung im Ballon. Nach 19 Tagen, 21 Stunden und 47 Minuten ging der „Orbiter“ in Ägypten nieder, und Châteu-d’Oex hatte seinen Platz in den Geschichtsbüchern der Luftfahrt sicher. Seit Sommer 2004 kann man Piccards Kapsel neben so manch anderem im Ballonmuseum im alten Rathaus besichtigen. Und hinterher vielleicht selbst in die Lüfte gehen: Châteu-d’Oex hat natürlich seinen eigenen Ballon, der das ganze Jahr hindurch für Gäste zur Verfügung steht.
Doch auch wer zur Ballonwoche einfach am Boden bleiben möchte, muss nicht stundenlang am Startplatz in der Kälte zittern, denn beim Festival von Châteu-d’Oex verwandelt sich ein ganzes Tal zur einzigen Ballonarena. Auf 80 Kilometern Winterwanderwegen lässt sich das Auf und Ab der bunten Montgolfièren gut zu Fuß begleiten, am schönsten entlang der Corniche, dem Höhenweg von Châteu-d’Oex, oder bei einer Tour ins Nachbardorf Rougemont. Ganz nahe liegend lockt der malerische Kirchenhügel mit bestem Blick zum Startplatz – und Wohlfühlplätzen in der Januar-Sonne.
DATEN & FAKTEN Auskunft: Schweiz Tourismus, www.myswitzerland.com
Termin: 20. bis 28. Januar 2007 (jährlich letzte Januarwoche). Aufstiege täglich, abhängig von der Witterung. Morgendlicher Start ab ca. 10 Uhr; freitags Abendshow („Sound & Light“ mit Feuerwerk).
Preise: Selbst im Ballon mitfliegen kostet 330 Franken (ca. 200 Euro) pro Person. Helikopterflüge gibt es um 50 Franken (ca. 35 Euro). Flüge sind jeweils am Startplatz buchbar.
Autor/in: Lothar Steimle
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