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Einmal im Jahr kämpfen die Papuas nur mit Tanz und Gesang. Die Highland Games von Mount Hagen in Papua Neuguinea sind seit 43 Jahren ein wildes Fest für Auge und Ohr: Bei Touristen bleiben sie auch dran.
Kurt von Hagen, ein deutscher Kolonialbeamter, wollte eigentlich nur den Mord an zwei deutschen Abenteurern aufklären, als er 1897 selbst ermordet wurde. Mount Hagen, oben in der tropischen Bergwelt von Papua, hat seither auch nicht mehr Frieden gefunden: Das Westernstädtchen ist heute voll von Glücksrittern auf der Suche nach dem großen Wurf.
Dabei war die Hauptstadt der Western Highlands Province am Fuß der Bismarck Range bis zum Zweiten Weltkrieg nur eine Patrouillenstation für deutsche Militärs und einige Jahre davor überhaupt Niemandsland – es dauerte immerhin bis 1933, bevor sich die ersten Goldsucher ihren Weg in die scheinbar unbewohnten Bergländer bahnten und zur Verblüffung aller Beteiligten auf Zehntausende recht fröhliche Steinzeitmenschen stießen.
Die unschuldigen Tage sind vorbei. Heute verbinden 445 Kilometer Schlaglochpiste die Highlandprovinzen mit der Hafenmetropole Lae. Und sehr viel mehr Straßenkilometer gibt es nicht, ein zusammenhängendes Verkehrswegenetz durch die Regenwälder noch weniger.
Port Moresby, die Hauptstadt im Süden von PNG, wie Papua gemeinhin genannt wird, ist bis heute nur am Luftweg oder über einen fünftägigen Fußmarsch erreichbar. Ohne Hunderte Landepisten für die Fluggeräte von Air Niugini und MAF (Missionary Aviation Fellowship) wären die weißen Flecken auf Papuas Landkarte noch häufiger.
Die staubigen Serpentinen am Fuße des 4025 Meter hohen Mount Wilhelm verwandeln sich beim kleinsten Regenguss in schlammige Rutschpartien, sind bestenfalls per Allrad passierbar, und machen ganze Täler über Tage unerreichbar. Außerdem besteht so manche neue Brücke bald nur noch aus dem Stahlskelett, weil die Holzplanken gut zum Hausbau verwendbar waren oder einfach Brückenmaut von ungenehmen Nachbarn erpresst werden soll – die Nächstenliebe hier ist nicht sonderlich ausgeprägt.
Die fünf Millionen Menschen in PNG waren einander nie wirklich grün: Allein die Papuas gehören zu über 750 ethnischen Gruppen mit verschiedensten Sprachen und Riten, dazu kommen in den Küstenzonen noch malaiische (indonesische), melanesische und polynesische Zuwanderer, von der chinesischen Minderheit ganz zu schweigen. Ohne Tok Pisin (Pidgin) gäbe es keine Lingua Franca für eine Nation, in der jeder nur den Wantoks traut, die zu seinem Clan gehören: Und ohne Wantoks (One Talk, eine Sprache), die einander überall – egal ob Lae oder Los Angeles – unterstützen müssen, wäre das soziale Netz längst schon völlig gerissen.
Blutrache für überfahrene Schweine
Überall sonst droht Blutrache, die über Generationen vererbt wird – für überfahrene Schweine, geklaute Vanille und zerstörte Wege. „Ein paar Finger sind rasch ab, und die Bambushütten brennen hervorragend“, weiß Michael Rika, privater Security Mann vor dem Missionary Home von Mount Hagen, und spuckt eine mächtige Ladung roten Betelsaft in die Hecke.
Papua eröffnet ein weites Betätigungsfeld für Missionare aus aller Herren Länder, die den armen Heiden Heil und Erleuchtung bringen wollten – und sich selbst so manchen irdischen Lohn. Viele der Kirchen bieten auch spartanische Unterkünfte für die paar Fremden, die hier gelegentlich stranden. Neben den Amtskirchen ackern sich auch merkwürdige Heilslehren und Sekten durch die Dörfer, predigen goldene Nasen und schielen bisweilen ungeniert auf die Gold- und Kupferminen rundum.
Planierraupen und Penisköcher. Corned Beef und Maniok. Kettensägen und Wunderheiler, Pokerhallen und Darts: Der Turboschub der neuen Zeit ist viel zu stark für die meisten, die ihre Baströckchen nicht ungern gegen gebrauchte Skaterhosen eintauschen oder nur mehr zu Festtagen überstreifen.
EmTV (Media Niugini) sendet seit 1987, vor allem australische Soaps, ein paar religiöse Shows und sehr viel Sylvester Stallone. Nicht nur den Big Men, den Clanobersten, gefällt das Leben anderswo. Neuer Reichtum für wenige, Luxus für noch weniger. Wer Geld hat, investiert still und heimlich in Cairns oder Brisbane, um nicht seine armen Wantoks aushalten zu müssen. Computer und Videorecorder werden häufiger, Strom dafür nicht.
Die Jungen in der Stadt interessieren sich mehr für Bierkistentürme hinter dem edlen Highlander Hotel als für Kina-Muscheln oder Doba, das Bananenblattgeld aus der Milne Bay: Bündel von Kina, die neue Geldwährung, überschwemmen das Land. Straßenräuber auch.
Die meisten Orte erinnern ohnedies an Festungen. Die Gitterstäbe selbst in Backstuben und Drogerien sind nicht jedermanns Sache, gelegentliche Ausgangssperren noch weniger. Leibesvisitationen gehören im Renboa-Stoa dazu, dem größten Supermarkt von Mount Hagen, wo barfüßige Bäuerlein zwischen Gebirgen violetter Seife und Burgen australischer Haltbarmilch aus dem Staunen nicht heraus kommen.
Nicht einmal 70.000 Auslandsgäste finden alljährlich den Weg nach PNG, ein Großteil davon Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Angehörige von Minenarbeitern: Die paar wirklichen Touristen können was erleben, wenn Mitte August die „Hagen Cultural Show“ abgeht und das Städtchen für ein paar Tage im Mittelpunkt steht.
Drei Tage Tänze und Paraden
Hunderte Teilnehmer kommen von überall, aus den Tiefländern am Sepik genauso wie aus den Müller-Bergen hinter Tari. Drei Tage lang Tänze, Paraden und Jahrmarktatmosphäre. Ein buntes Meer an Schirmen schützt vor Sonne und Regen. Die Festwiese ist mit einem Stacheldrahtverhau gesichert. Viele tausend drängen sich rundum und staunen über die Kostümierungen vergangener Tage – und über einige merkwürdige khakifarbenen Gestalten in Survival-Wams und Tropenhut, für die ein eigenes Touristenzelt gegenüber aufgebaut wurde, gleich neben der Jury: Für 40 Dollar ist dabei, wem es draußen zu wild wird.
Prächtige Paradiesvogelfedern und tanzende Speere, gelbe Baströckchen und noch gelbere Kriegsbemalung. Mudmen, die Schlammmenschen aus Goroka, erschrecken nicht nur die Kinder rundum. Auch die Huli Wigmen, mit langen Perücken aus menschlichem Haarfilz, haben die Mehrtagesreise auf sich genommen, mit ein paar Flughunden im Gepäck – dem Essen in Mount Hagen kann keiner trauen, haben schon ihre Eltern gewarnt. Andere tragen Plastik-Batman-Masken und Bob-Marley-Shirts unter ihrem Federkleid und trinken Cola. Merkwürdige Bräuche. Das Siegerteam der Folklore Show wird jedenfalls erst am nächsten Tag bekannt gegeben, um keine alten Rivalitäten aufleben zu lassen.
Morgen werden sie den Juryspruch aus dem Radio erfahren, denn Zeitungen brauchen lange in PNG. Und übermorgen sind die letzten Touristen abgeflogen – zum Tauchen in Madang, Schnorcheln auf den Trobrianden oder zu Bootstouren auf dem mächtigen Sepik-Fluß. Mount Hagen kann durchatmen, nix ist passiert. Nächstes Jahr kommen vielleicht Michaels Wantoks aus Melbourne. Vielleicht sogar mit alten Reeboks im Gepäck, als Gastgeschenk.

DATEN & FAKTEN Einreisebestimmungen und Information: Botschaft von Papua Neuguinea (Brüssel), Telefon: 032-02-7790609, E-Mail: kundu.brussels@skynet.be; Papua New Guinea Tourism, Kaiserstraße 47, D-60329 Frankfurt am Main, Telefon 0049/69-634095), E-Mail: png.tourism@t-online.de.
Autor/in: Günther Spreitzhofer
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