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Reiseberichte

Mit Brian auf dem Traumpfad
23. Dezember 2006
In der Traumzeit lag die ganze Erde im Schlaf. Nichts wuchs. Nichts bewegte sich. Alles war still. Alle Tiere schliefen unter der Erde. Dann erwachte eines Tages die Regenbogenschlange aus ihrem Schlummer und drängte sich durch die Erdkruste.

Brian erzählt mit ruhiger Stimme. Sobald die Rede auf die Mythologie der australischen Ureinwohner kommt, scheint seine Wortkargheit wie vom trockenen Buschwind verweht. Er kennt unzählige „Traumpfad“-Geschichten und erklärt, dass diese regional sehr stark variierten. Zu den wenigen Aborigines-Gottheiten von landesweiter Bedeutung zähle die Regenbogenschlange. Sie habe lange unter der Erdoberfläche geschlummert, dann aber die Erdkruste durchstoßen  und sei anschließend über das Land gekrochen. Dabei seien die Täler und Berge entstanden, meint Brian, während er auf die zwischen Nischen verborgene Felszeichnung einer Schlange zeigt. 

Brian unterscheidet sich von den anderen Mitgliedern  der Kleingruppe vor allem dadurch, dass er nicht schweißgebadet ist. Bei 35 Plusgraden im Schatten erfordert die Kletterei zwischen den Felsen einige Kondition, doch  Zeichnungen, die zum Teil mehr als 20.000 Jahre alt sind, entschädigen für die Mühe. Tausende  Bilder zieren die mächtigen Kalkfelsen bei Umorrduk, zu denen kein  Hinweisschild den Weg weist. Wozu auch? Touristen sind aus diesem Teil Nordaustraliens weitgehend ausgeschlossen.

Um als Weißer Arnhemland zu besuchen, bedarf es einer Spezialgenehmigung, die etwa zwei Monate vor der Reise beantragt werden muss. Maximal 70 derartige „Permits“ werden pro Woche ausgestellt. Dafür darf dann ein Gebiet betreten werden, dessen Fläche jener Portugals entspricht und auf dem zwischen 10.000 und 20.000 Aborigines  leben. Für sie stellt die Region die Wiege ihrer jahrtausendealten Kultur dar. 1911 erklärte die australische Regierung das Territorium zum Aborigines-Reservat. Damit war die Region nur jenen Weißen zugänglich, die nach Ansicht der Behörden einen „positiven Beitrag zur Entwicklung“ der Ureinwohner leisteten. 1976 erhielten die Aborigines dann das Landrecht zugesprochen. Seither bestimmen sie selbst, wer Arnhemland betreten darf.

Der Name der Region, der von einem holländischen Schiff stammt, erinnert an das kurze historische Intermezzo, als sich Niederländer an der Nordküste Australiens festgesetzt hatten. Weil sie die Bewohner als feindselig und das Land als unwirtlich empfanden, zogen sie bald wieder ab. Geblieben ist allerdings der Aborigines-Ausdruck für Weiße, nämlich „Balanda“. Dabei handelt es sich um eine sprachliche Verballhornung von Holländer.

Brian ist übrigens kein „Balanda“ sondern „Halfcast“, Sohn eines weißen Vaters  und einer Aborigine als Mutter. Dieser Herkunft verdankt er es auch, dass er  in seinem einfachen Zelt-Camp   im Arnhemland, das in der Sprache der Ureinwohner als „Steinland“ bezeichnet wird, einige wenige Gäste beherbergen darf. Die führt er zum  Owwanbana, einem jener Berge bei Umorrduk, die als heilig verehrt werden, und auch zu den Grabstätten der Aborigines. Etwa zehn Minuten bevor der Bestattungsplatz  erreicht wird, ersucht Brian seine europäischen Begleiter darum, die Fotoapparate und Mobiltelefone im Gras abzulegen. Empfang gibt es hier im Outback ohnehin keinen, aber niemand soll in Versuchung geraten, die in Felsnischen gestapelten Knochen und Schädel der Verstorbenen zu fotografieren. Das wäre ein schlimmer Tabubruch.

Bei den Felsmalereien müssen keine derartigen Einschränkungen beachtet werden. Auch die Verwendung von Blitzlicht sei kein Problem, versichert Brian und führt seine Gäste zu einem weiteren Felsen, der von hunderten Zeichnungen übersät ist. Auf die Frage, wie viele Bilder es hier in der Region gebe, antwortet er achselzuckend: „Ein Menschenleben würde wohl nicht ausreichen.“

Wer über keine Sondergenehmigung zum Betreten des Sperrgebiets verfügt, der kann dennoch einige der berühmten Arnhemland-Felszeichnungen besichtigen. Rund 20.000 Quadratkilometer ihres Territoriums haben die Aborigines für 99 Jahre an den „Australian National Park and Wildlife Service“ verpachtet und für Besucher des Kakadu-Nationalparks  – immerhin der drittgrößte Australiens – sind drei heilige Stätten touristisch freigegeben: Burrunguy, Nanguluwurr und Ubirr Rock. Park-Ranger erklären bei den Führungen, dass es bei den Felszeichnungen zwei verschiedene Stilrichtungen zu unterscheiden gilt. Der sehr alte Mimi-Stil stelle stockartige Geisterwesen dar, die nach Ansicht der Aborigines nicht von Menschenhand geschaffen worden seien. Typisch für den jüngeren und wesentlich berühmteren Röntgenstil sei die Reduktion auf die  Körperumrisse, Knochen und einige wenige Organe. So erschienen die Lebewesen als Skelette.

Der Röntgenstil hat auch Eingang in die zeitgenössische Malerei der Aborigines Eingang gefunden. Das zeigen die in der Bilderwerkstatt in Oenpelli ausgestellten Arbeiten. Die „Hauptstadt“ von Arnhemland, in der rund 150 Aborigines leben, liegt  bereits wieder innerhalb der Sperrzone. Entsprechend ruhig ist es im Ausstellungsraum, in dem Kunst der Ureinwohner präsentiert wird. Sie malen ausschließlich ihre Träume oder Mythen aus der Traumzeit. Eines der Bilder zeigt Frösche. Diese verharrten, nachdem die Regenbogenschlange bereits die gesamte Welt bereist hatte, noch immer unter der Erde. Ihre Bäuche waren voller Wasser, das sich während des langen Schlafs angesammelt hatte. Die Regenbogenschlange lockte die Frösche nach oben und kitzelte ihre Bäuche. Die Kröten lachten laut und spuckten das Wasser aus. So entstanden die Seen und Flüsse der Erde.

Autor/in: Michael Stadler

diese seite | 22.12.2006 | 10:57

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