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Reiseberichte

Paradies im Wüstensand
9. Dezember 2006
Auf der Suche nach Nischenplätzen im Nilland Ägypten wendet sich der Tourismus immer mehr den westlichen Oasen zu – Baharia, Farafra, Dhakla und Kharga.

Am berühmtesten, entlegensten, weniger leicht erreichbar ist Siwa am westlichen Rand Ägyptens in der Libyschen Wüste.

Seit Alexander der Große die Oase besuchte, fragt sich die Nachwelt, warum der angehende Welteroberer seinen Marsch gegen ein Perserreich unterbrach, um in die Gegenrichtung, in die Libysche Wüste zu ziehen. 24 Jahre war er alt, als er 331 vor christlicher Zeitrechnung am westlichsten Mündungsarm des Nil die Hafenstadt Alexandria gründete.

Aus den Häuserschluchten, dem lärmenden Verkehrschaos, durch endlos erscheinende Industrievororte der heutigen Sechsmillionenstadt kommen wir auf eine Autobahn. Ölraffinerien, Autowerkstätten, Militärlager, Steinbrüche, uniforme Ferienanlagen mit spärlichem Grün, von Drahtzäunen und Mauern umgeben, reihen sich aneinander. Triumphbögen aus Leichtmetall an der linken Seite markieren Pisten, die ins Nirgendwo führen. Rechts glitzert das Mittelmeer.

Nach gut einhundert Kilometern das Kriegsmuseum von El-Alamein. Panzer, Geschütze, Flugzeugteile, Uniformen, Militärkarten veranschaulichen die Schlachten zwischen den britischen Commonwealthtruppen und den deutsch-italienischen Streitkräften unter ihren  Oberbefehlshabern Montgomery und Rommel.

Durch trockene Küstenlandschaft, die vor zweitausend Jahren ein blühender Garten war, weiter nach Marsah Matruh, einst Endstation der Handels- und Sklavenkarawanen aus Schwarzafrika, jetzt Verwaltungssitz der westlichen Wüstenregion Ägyptens – eine vergleichsweise adrette Stadt, deren Strände, Hotels und Konditoreien von Ägyptern der wachsenden Mittelschicht aufgesucht werden. In einem der natürlichen Seewasserbecken haben sich bereits Kleopatra und Marc Anton vergnügt.

Die Straße von Marsah Matruh nach Siwa ist durchwegs asphaltiert, der Verkehr gering.  Schafe und Kamele weiden auf der steppenhaften Ebene, die immer mehr zur Steinwüste wird. Die Farben wechseln zwischen Gelb, Braun und Grau. Auf halber Strecke ein ockerfarbenes Häuschen, vor dem ein Beduinenjunge heißen Tee und Flaschengetränke verkauft. Weithin landschaftliche Öde, Fernmeldeanlagen des Militärs in Grenznähe. Bis in die neunziger Jahre brauchten Touristen für die 300 Kilometer lange Fahrt eine Sondererlaubnis.

200 Süßwasserquellen speisen die Oase

Plötzlich ein Traumbild: Palmenhaine, Olivenbäume in einer zerklüfteten Bodensenke, Seen, Sanddünen, Tafelberge am flimmernden Horizont. Durch schattige Oasengärten windet sich die Straße zum Hauptort Schali. Mehr als 80 Kilometer lang, etwa 30 Kilometer breit ist die Oase Siwa, sie liegt 80 Meter unter dem Meeresspiegel und ist Teil der in Urzeiten mehrmals vom Mittelmeer überschwemmten Quattara-Senke. Nur einige Salzseen sind übrig geblieben. Die Fruchtbarkeit der Oase speist sich aus annähernd 200 Süßwasserquellen, aus denen das mineralhaltige, in ganz Ägypten angebotene Siwa-Wasser sprudelt.

Auf die Touristen warten kleine, einfache Hotels aus Kharschif, dem herkömmlichen Baumaterial aus getrocknetem Salzschlamm, „Oasen in der Oase“ mit kühlen Kuppelräumen und einem Swimmingpool.

Für Ausflüge in die nähere Umgebung bieten sich so genannte „Siwa-Taxis“ an – von Buben und langgewandeten Männern gelenkte einachsige Eselskarren. Den Gästen wird geraten, ein Beduinenkopftuch oder einen großen Strohhut aufzusetzen. In Siwa werden Temperaturunterschiede bis zu 50 Grad gemessen.

Im grellen Mittagslicht verschwimmen die Konturen. Vor Sonnenuntergang jedoch und im Morgendämmern beginnen die Lehmbauten zu erglühen. Alt-Schali wurde auf zwei Felshügeln erbaut, heftige Regenfälle und Sandstürme haben seine festungsartigen Häuser in Ruinen verwandelt – eine Geisterstadt, die sich über dem neuzeitlichen Stadtteil erhebt und nachts angestrahlt wird.

Am späten Nachmittag belebt sich der von Laden- und Bürobauten, Straßenrestaurants und Buden aus Holz und Wellblech gesäumte Marktplatz. Nicht nur auf Eselskarren, noch mehr auf japanischen Pickups werden Erzeugnisse aus den Oasengärten angeliefert.

Verschleierte Frauen, begleitet von Teenagern in universalem Outfit, prüfen  die Ware; auswärtige Händler halten Konfektionskleidung, bunte Plastikwaren, Fischkonserven, Reis und Mehl in Säcken, elektronische Geräte feil.

In Teestuben sitzen Männer neben Wasserpfeifen, Jugendliche fahren auf Motorrädern vor, befördern manchmal mehrere Personen, gelegentlich auch Touristen.
Etwa zehntausend Menschen leben in der Oase, viele von ihnen sind Nachfahren verschiedener Berberstämme, sie sprechen Siwi, einen Berberdialekt, und sind ihren libyschen Nachbarn ähnlicher als ihren Landsleuten vom fernen Nil. Motorisierung, Fernsehen, zunehmender Tourismus verändern den Lebensstil.

Ausflug zum Berg der Toten

Dabei gilt Siwa immer noch als die urwüchsigste, geheimnisvollste Oase im Oasengürtel Westägyptens. Schon im Altertum war ihr Amun-Orakel weithin berühmt. Seit der 26. altägyptischen Dynastie waren Gesandte der Pharaonen nach Siwa gepilgert, um den „Verborgenen“, den Götterkönig zu befragen.

Der Ammon-Tempel liegt auf einem Felsen über dem Ort Aghurmi, dem früheren Hauptort der Oase. Auf einem Konglomerat verfallener Lehmhäuser ragt wie ein Wegweiser das Minarett einer Moschee über den Palmwipfeln. Eher unauffällig ist das Ammoneion, erst bei näherem Augenschein fallen griechische Stilelemente auf.
Auf einem Leihfahrrad ohne Bremse und Licht, teils auf Schusters Rappen geht es über eine streckenweise freigelegte Prozessionsstraße zu den Tempelresten von Umm Ubaida und zum Bad der Kleopatra, einem großen Rundbecken, gefüllt mit köstlich kühlem Wasser aus der bekanntesten Quelle von Siwa. Ungeachtet der Verbote, unter dem Protest der Aufseher springen einige Ausflügler splitternackt in das grünliche Nass.

Sandwege führen zum Djebel-el-Mawuta, dem „Berg der Toten“; seine Kalksteinhöhlen wurden in ptolemäischer Zeit zu Grabstätten wohlhabender Oasenbewohner ausgebaut. Im schönsten Grab ist die wasserspendende Himmelsgöttin Nut  abgebildet. Der Berg bietet das großartigste Panorama von Siwa.

Ein erhöhtes Risiko gehen Touristen ein, die auf direktem Weg zu den anderen westlichen Oasen gelangen wollen, auch wenn sie mit einem GPS-Gerät ausgerüstet sind. Für die 420 Kilometer lange Fahrt nach Baharia sind nur  Allradfahrzeuge zugelassen. Salzsümpfe, Sandverwehungen und Flugsanddünen werden umfahren.

Die Fahrt vom ersten bis zum letzten Kontrollpunkt führt durch eine  ziemlich eintönige Gegend ohne landschaftliche Höhepunkte, wie sie die Schwarze und die Weiße Wüste bei Baharia und Farafra bietet. Dort verläuft die Asphaltstraße von Kairo und El-Faiyun nach Dhakla und El-Kharga. Hierher kommen auf dem Luftweg Tagesausflügler aus Luxor und Assuan. Mehr oder weniger auffällige Sicherheitskräfte sind zum Schutz gegen terroristische  Gefahren eingesetzt.

Ein wenig melancholisch denken wir hier an die Wettfahrt zweier Eselskarren, an Palmholzfeuer nach dem Abendessen und die singenden Oasenarbeiter in Siwa zurück.

Infos:
Siwa wurde für den Tourismus bisher weniger erschlossen als die dem Niltal näher gelegenen Oasen Baharia, Farafra, Dhakla und  Kharga. Der Militärflughafen bei Siwa wird noch nicht für Linienflüge genutzt. Die meisten ausländischen Besucher Siwas kommen per Autobus, täglich gibt es mehrere Abfahrten von Alexandria und Marsah Matruh. Die Fahrzeit beträgt acht bzw. vier Stunden. Nicht alle Reiseveranstalter, die Pauschalreisen in die westlichen Oasen Ägyptens anbieten, haben Siwa in ihrem Programm.

Auskünfte:
Ägyptisches Fremdenverkehrsamt,  A-1010 Wien, Opernring 3, Opernringhof, 3. Stock rechts, Tel. 01/587 66 33, www.touregypt.net.

Klima: 
Heiß  und trocken im Sommer mit Temperaturen um die 40 Grad C, im Winter trocken und tagsüber warm mit kalten Nächten, im April bläst der heiße, staubige Wüstenwind Khamsin.

Autor/in: Hans Dieter Kley

 

diese seite | 07.12.2006 | 15:21

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