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Sardinien – das sind zwei Welten, drei Schafe pro Einwohner, sechs Jahreszeiten und 1850 Kilometer Küste. In Wirklichkeit lässt sich die zweitgrößte Mittelmeerinsel allerdings gar nicht in Zahlen fassen.
Die erste Ernüchterung erwartet den italophilen Sardinien-Besucher bereits wenige Minuten nach der Übernahme des auf dem Flughafen von Alghero gemieteten Alfa-Sportcoupés: „A foras sos Italianos“ prangt als Graffito auf einer Betonmauer am Straßenrand. Wenn die Sprachkenntnisse nicht gänzlich trügen, dann müsste das doch in etwa „Italiener raus“ bedeuten.
Dass Alghero, eines der beliebtesten Touristenziele auf Sardinien, nicht mit Italianità grüßen würde, das war bereits bei den Vorbereitungen für die Reise klar geworden. Alghero gilt als „Spanische Stadt“. Siedler aus Barcelona hatten im 14. Jahrhundert die ansässigen Sarden vertrieben und hier vier Jahrhunderte lang beherrscht. Davon künden heute nicht nur architektonische Zeugen der Vergangenheit wie etwa die prächtig bunte Majolikakuppel von San Michele, auch in der Gegenwart ist Spanisch – exakt Katalanisch – allgegenwärtig. Die Zweisprachigkeit reicht von den Straßenschildern bis hin zur Homepage der Kommune. Und das kulinarische Wahrzeichen der Stadt, für das tief in die Tasche gegriffen werden muss, ist „Hummer auf katalanische Art“. Moreno Cecchini, Küchenchef im Restaurant „La Lepanto“, bereitet allerdings auch kostengünstigere Krustentiere und Fische in der Küchentradition des spanischen Nordens zu.
Zum Verdauungsspaziergang bieten sich die Sandstrände um Alghero an. Obwohl sich diese in unmittelbarer Stadtnähe befinden, ist das Wasser glasklar. Sardiniens „Spanische Stadt“ lebt heute vom Badetourismus – trotz ihres nahezu geschäftsschädigenden Namens. Dieser leitet sich nämlich von „L’Alguerium“ ab, was „Stadt der Algen“ bedeutet. Im Gegensatz zum Mittelalter scheinen die Algen heute einen großen Bogen um Sardinien zu machen. Das Wasser ist türkisblau und so sauber wie sonst kaum wo am Mittelmeer.
Die 1850 Kilometer lange Küste Sardiniens lockt Urlauber aus aller Welt an: Die internationale Schickeria (oder was sich dafür hält) trifft sich noch immer im Norden an der Costa Smeralda, wo der Milliardär Aga Khan 1961 sein Paradies gefunden zu haben glaubte. Da er über genügend Kleingeld verfügte, erwarb er 5000 Hektar Land und verwandelte die Smaragdküste in ein Urlaubsziel der „Schönen und Reichen“. Fortan gaben sich im Fischerdorf Porto Cervo Größen wie Gina Lollobrigida, Brigitte Bardot, Roger Moore oder Mick Jagger die Türklinke in die Hand. Sie wurden zwischenzeitlich von der Semi-Prominenz aus der Fernseh- und Modewelt abgelöst.
Da die Costa Smeralda mit ihrem hohen Preisniveau nur 55 Kilometer misst, bleiben für weniger betuchte Sardinien-Urlauber immer noch 1795 Küstenkilometer übrig, wobei das Spektrum von Badeorten mit sehr guter touristischer Infrastruktur bis hin zu auch in der Hochsaison einsamen Stränden reicht.
Dass Sardinien von Bettenburgen und Massentourismus verschont blieb, mag wohl auch am Charakter der Sarden liegen. Sie, die seit den Zeiten der Phönizier unzählige Eroberer ertragen mussten, lernten früh, den Fremden zu misstrauen: „Furat chie venit dae su mare“ (Wer übers Meer kommt, will uns bestehlen), lautet eine noch heute gebräuchliche Redensart.
Das Leben der Sarden war nie auf das Meer hinaus ausgerichtet. Sie zogen sich ins karge Innere der Insel zurück, das bis zum heutigen Tag eine Gegenwelt zu den Küstenregionen darstellt. Hier lebt die Hirtentradition fort, was übrigens auch den Fremden jenseits des Meers zu danken ist: Sardischer Schafs- und Ziegenkäse zählt zu den wichtigsten Exportartikeln der Insel, auf der sich mehr als fünf Millionen Schafe tummeln.
Da das Lammfleisch ebenfalls hoch im Kurs steht, finden junge Menschen wieder den Weg in die Landwirtschaft zurück. Enkel treten in die Fußstapfen der Großväter und ziehen mit ihren Herden tagelang durch die einsamen Gebirgslandschaften. Am Wochenende geht’s dann mit dem Motorrad nach Cagliari oder Sassari, wo in den Discos ausgelassen das Tanzbein geschwungen wird.
Der Hirtenkultur ist es auch zu verdanken, dass sich Sardinien als kulinarische Landschaft überaus spannend und vielseitig erweist. Dominiert an den Küsten die Fischküche, so sind es im Landesinneren Würste, Fleisch vom Grill und Wild. In der Trattoria „Da Cannone“ in Sarule findet sich ein traditionelles Gericht der Arme-Leute-Küche auf der Speisekarte: „Pane frattau“. Grundbestandteil ist ein Hirtenbrot, das wegen der hauchdünnen Fladen auch „Carta da musica“ (Notenpapier) genannt wird. Es ist wochenlang haltbar und gilt als so eine Art Pasta der Sarden. Beim „Pane frattau“ wird das Fladenbrot in Brühe getaucht und mit rotem Sugo, geriebenem Pecorino und pochiertem Ei serviert.
Am frühen Nachmittag lähmt dann der „Atem Afrikas“, wie die Sarden den Schirokko nennen, das Leben im archaischen Landesinneren. Schafe und Ziegen suchen im Schatten vor der Hitze Zuflucht. Nur Giovannas Vitalität scheint unter den Temperaturen jenseits der 40-Grad-Grenze kein bisschen zu leiden. Sie setzt sich neben ihren Gast und meint auf die Frage, ob es hier im Sommer öfter so heiß sei: „Unsere Sommer sind kurz, weil wir auf Sardinien sechs Jahreszeiten haben. Am schönsten sind die Zwischenjahreszeiten zwischen Frühling und Sommer und Sommer und Herbst.“ Damit meint sie Mai/Juni und September/Oktober. Außerdem liebe sie den Winter, weil sie da Ski fahren gehe. In Österreich? – „Nein, wir haben hier auf Sardinien genug Berge, Skipisten und auch Lifte“, entgegnet sie lachend.
Der Gedanke an den sardischen Winter sorgt nicht wirklich für Abkühlung. Das erledigt die Klima-Anlage des Alfa, mit dem es bei extrem wenig Verkehr zurück in Richtung Alghero geht. Noch bleiben bis zur Rückgabe des Mietwagens einige Stunden Zeit, um von dieser faszinierenden Insel im Mittelmeer Abschied zu nehmen.
Als idealer Ort dafür bietet sich das Capo Caccia an. Die zerklüftete Kalksteinklippe ragt 170 Meter aus dem Meer und erhebt sich steil aus der Gischt. Und die Gedanken schweifen über den Horizont. Welcher Italiener mag hier am Ende der Bucht von Porto Conte wohl versteinert sein? – Ein sardischer Spruch behauptet nämlich: „In jedem kleinen Stein die Seele eines Sarden, jeder große Stein ein erstarrter Italiener.“
Anreise: Mit dem Flugzeug von München mit Hapag Lloyd Express nach Cagliari oder von Wien über Mailand nach Alghero. Mit dem Auto nach Genua, La Spezia oder Livorno und weiter mit der Fähre nach Sardinien. Die Fahrzeit mit dem Schiff beträgt zwischen 10 und 13 Stunden (auch Nachtpassagen möglich).
Reisezeit: ganzjährig; angenehmes Klima von April bis Juni und September bis Oktober.
Infos: Ital. Zentrale für Tourismus ENIT, 1010 Wien, Kärntner Ring 4, Telefon: 01/5051639, Internet: www.enit.at
Autor/in: Michael Stadler

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