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Reiseberichte

Willkommen im Paradies
18. November 2006
Der südindische Bundesstaat Kerala gilt als einer der fortschrittlichsten Indiens mit einem hohen Bildungsniveau und einem funktionierenden Gesundheitssystem.

Nach endlosen Flugstunden von Wien in die südindische Hafenstadt Cochin landen wir im Fond eines weißen Autos namens Ambassador. Das Design dieses  Oldtimers stammt aus den 50er Jahren, der Motor ist angeblich jünger.  Durch gestickte Vorhänge erhaschen wir erste Eindrücke von Kerala. Saftig grüne Reisfelder und Kokospalmen so weit das Auge reicht. Im Hintergrund thronen die sanften Hänge des Westghats-Gebirges, dessen wuchernder Urwald den südindischen Bundesstaat Kerala mit Kostbarkeiten wie Tee, Kaffee, Kautschuk und Pfeffer versorgt.

Unser Ambassador verlässt die Hauptstraße, um sich auf unbefestigten Straßen durch das Dickicht zu kämpfen.  Wir sind in den Backwaters, einem Naturparadies aus Lagunen, Flüssen und sattem Grün. Unsere Blicke streifen neugierige Rikschafahrer, rot und blau uniformierte Schulkinder und den Reichtum der Natur: Am Straßenrand türmen sich Kokosnüsse, Ananas und unzählige Bananensorten zu mannshohen Pyramiden. Plötzlich hält der Fahrer zwischen zwei übergroßen Bananenstauden unvermittelt an. Die Baumkronen lichten sich und vor uns liegt ein See von beachtlichem Ausmaß.

Am schmalen Steg schaukeln überdachte Holzboote im Wasser. „Kettuvallom“ nennen die Keraliten die mit Palmblättern gedeckten Reisbarken, die ohne einen Nagel nur von Kokosseilen zusammengehalten werden. Ursprünglich dienten sie dem Transport von Kokosnüssen, Gewürzen oder Reis. Heute bilden sie die Grundlage eines weitaus einträglicheren Geschäfts. Der Einbau von Schlaf- und Badezimmer verwandelt die Transportkähne in komfortable Hausboote.

Der untersetzte Bootsvermieter stellt uns Josef, Bob und George vor. Auf jedem Hausboot reist man mit einem Kapitän, einem Matrosen und eigenem Koch. Die Fahrt durchs Paradies beginnt. Gemächlich ziehen Palmen vorüber, an den Stämmen hängen pralle Bündel von Kokosnüssen. Auf den oberen Wedeln sitzen Schwärme von Kormoranen, die unteren reichen bis dicht an die Wasseroberfläche. Papageien kreuzen unseren Weg, knallbunt gestrichene Häuser und kleine, christliche Kirchen säumen die Ufer.  In größeren Wasserbecken und Seen stehen mehrere Männer  im seichten Wasser und fischen. Fast lautlos  durchschneidet der Bug die spiegelglatte Wasseroberfläche. Mancherorts ist sie gerade so breit, dass unser Boot passieren kann. Anderswo weitet sie sich auf mehrere hundert Meter zu kleinen Seen aus.

Ein Leben am und mit dem Wasser

Die Bewohner der Backwaters leben nicht nur am, sondern mit dem Wasser. Es ist Transportweg, Badewanne, Trinkbrunnen, Fischteich und Swimmingpool in einem. Frauen mit weißen Tüchern auf den Köpfen stehen bis zu den Schenkeln im Wasser und klatschen mit energischem Schwung ein Stück Wäsche auf den Boden. Dahinter dienen enge, unbefestigte Uferpfade als Fußweg, als Weide für Ziegen und Hühner, als Badezimmer und als Küche. Milch, Post und Zeitung – alles kommt per Boot. Es ist wie ein tropisch-grünes Venedig.

Alles wirkt harmonisch und leicht. Am Ufer  treiben kleine Bauernhäuser, umgeben von schlanken Palmstämmen, wie Inseln inmitten der leuchtend grünen Reisfelder. Aus der Ferne erscheinen die riesigen Reisfelder wie überdimensionierte Golfplätze. Grasgrüne Flächen mit weißen Fähnchen. Diese Woche fänden in Kerala Kommunalwahlen statt, sagt der Kapitän. Hammer und Sichel gehören zum Bild der Backwaters wie Kormorane und Kokospalmen, wie Kühe, Ziegen, Hibiskus und Bananenstauden. Der nur 550 Kilometer lange und maximal 150 Kilometer breite Bundesstaat Kerala zählt zu den sozial ausgewogensten Gebieten Indiens. Alphabetisierungsrate und Lebenserwartung liegen mit 89 Prozent beziehungsweise 73 Jahren, so hoch wie nirgendwo sonst.

Mädchen in roten und weißen Schuluniformen hüpfen am Ufer entlang, dahinter spielt eine Gruppe von Halbwüchsigen auf einer kleinen Wiese Kricket. Die Sonne sinkt und verzaubert die Szenerie in ein kontrastreiches Spiel aus goldenem Licht und langen Schatten. Mit dem Ruf „Kingfisher“ reißt uns der indische Steuermann aus dem Zustand staunenden Schweigens. Er zeigt auf einen schwarzblauen Vogel mit scheinbar zu groß geratenem Schnabel, dessen  Bild auch das Etikett eines heimischen Bierbrauers ziert, und in der Tat ist die Zeit gekommen, um ein kühles Bier zu trinken. Dazu ertönt schallende Musik aus den vielen Tempellautsprechern.

Bei Einbruch der Dunkelheit übertrumpfen die verschiedenen Gebetsstätten einander mit melodisch-rhythmischer Beschallung. Von allen Seiten hören wir grellen Gesang.
Neben einem Reisfeld schlagen wir unser Nachtlager auf. Die Barke wird unter heftigem Protest der Kormorane an mehreren Palmstämmen festgezurrt. Endlich dürfen wir auch in die Open-Air-Küche am Heck. Gespannt beobachten wir die flinken Handgriffe des Kochs. In nur dreißig Minuten zaubert er acht verschiedene Currys! Später genießen wir, tief eingesunken in die weich gepolsterten Korbsessel an Deck, scharfe Garnelen, roten Spinat, Gemüse-Ananas-Kombinationen und andere Köstlichkeiten.

Mücken umschwirren das Moskitonetz

In der Nacht prasselt der Regen dröhnend gegen das palmblattgedeckte Dach. Falter und Mücken schwirren bedrohlich um unser löchriges Moskitonetz. So viel Naturnähe verpasst europäischen Großstadtbewohnern fast einen kleinen Schock. Noch vor Sonnenaufgang reißt uns das Gekreisch zahlreicher Hähne aus dem Schlaf, doch das köstliche Frühstück entschädigt uns notorische Langschläfer. Wenig später gleitet unsere Reisbarke durch die schmalen Kanäle wie durch ein riesiges Freiluftbadezimmer. Bis zu den Hüften im Wasser stehend waschen Frauen und Männer ihre Haare, Körper und Gesichter. Beinahe indiskret erscheint unsere morgendliche Neugierde.  Doch schon verlassen wir die kleinen Kanäle, überqueren die Lagune zurück zur Anlegestelle. Vorbei sind die vierundzwanzig entspannendsten Stunden unseres Lebens. Wir kommen wieder. Back to Paradise.

Anreise:
Austrian fliegt  fünf Mal pro Woche via Bombay und Emirates fünf Mal pro Woche via Dubai ab Wien.

Veranstalter:
Die 14-tägige Rundreise von Meier’s Weltreisen „Südindien Classic“ hat neben den vielen Schönheiten Südindiens auch eine Bootsfahrt in den Backwaters im Programm.  Auch die dreiwöchige Rundreise „Indiens zauberhafter Süden“ von Dertour bietet  u. a. einen  Badeaufenthalt in Kerala und eine  Bootsfahrt in den Backwaters mit einer Übernachtung. Nähere Informationen im Reisebüro.

Indische Veranstalter:
Tourism India Management Enterprises Pvt Ltd, B-5, Suite No. 2, Saket, New Delhi-17
E-Mail:  travel@del3.vsnl.net.in
Website: www.timepl.com

Auskunft:
www.keralatourism.org, www.kerala.com, www.keralatravels.com.

Autor/in: Sonja Stummerer & Martin Hablesreiter

diese seite | 17.11.2006 | 10:32

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