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Geisterstädte im Plänterwald und uralte Likörfabriken im Keller: Geheime Orte, die in keinem Reiseführer stehen.
Von Nord nach Süd sind es 38 Kilometer, von Westen nach Osten gar 45 Kilometer. Berlin ist, von der Fläche her gesehen, eine der größten Städte der Welt. Und dazu platt wie eine Flunder. Deshalb ist ein stabiles Fahrrad ideal für die Entdeckungstour, die man zum Beispiel mit einem Cruiser am Alexanderplatz starten kann. Ganze 12 Euro für einen Tag kostet eins dieser fetten "Fat Tire Bikes", auf der man wie auf einer Harley sitzt und gemächlich durch den Asphaltdschungel cruist.
Gleich um die Ecke, in einer kleinen Seitenstraße, gibt es eine Stärkung mit stilgerechtem Fast Food: die besten Burritos und Enchiladas der Stadt, nämlich bei "Dolores".
Vom Bethaniendamm geht es über die Schlesische Straße und die Puschkinallee zu einem der mysteriösesten Plätze Berlins, zum stillgelegten Vergnügungspark im Plänterwald. Von ferne ragt das Riesenrad, das sich schon Jahre nicht mehr dreht, aus dem Wald. 1969 eröffnete die DDR hier ihren größten Vergnügungspark. Der "Kulturpark" zog jährlich 1,7 Millionen Besucher an und bekam von den Berlinern den Kosenamen "Kulti". Bis vor fünf Jahren lockten Wasserrutschen, eine Park-Eisenbahn, Zirkus, Achterbahn und "Carmens Hunderevue" noch Gäste an. Jetzt wachsen junge Birken zwischen umgekippten Dinosauriern, weiße Boote in Schwanenform warten auf die Wasserlassung, und die verrottete Achterbahn gäbe eine gute Kulisse für einen Horrorfilm. Tatsächlich wohnen auf dem umzäunten Gelände, in den Häusern des Westerndorfes, die letzten Rummelbetreiber. Und die gehen mit Kampfhunden abends Streife, um ihr "Territorium" abzusichern. Man belässt es hier also besser bei Blicken über den hohen Zaun - gespenstisch wirkt die Szenerie dieser krautigen Geisterstadt auch von ferne.
Kneipe aus längst vergangenen Zeiten
Zeit für ein kühles Pils, oder vielleicht ein Glas Obstwein. Vom alten "Kreuzberger Trampelpfad" an der Yorckstraße, wo früher eine Kneipe an der anderen lag, ist nur noch das "Leydicke" übrig. Dabei ist diese Gaststätte ein echtes Unikat. Nur schwerlich wird sich eine andere Kneipe finden, in der ein Zigarettenautomat hängt, an dem ein Päckchen der längst vergangenen Berliner Marke "Garbaty" 20 Pfennig kostet, wo auf der Getränkekarte ein "Abricot Brandy" für 35 Pfennig, das "Bärenpils" für 35 Pfennig oder "Aquavit" für 30 Pfennig verzeichnet ist, von der Wandfarbe ganz zu schweigen. Die wurde mutmaßlich seit dem Jahr 1877 nicht erneuert, und glänzt heute in einem speckigen, halb abgeblätterten Ockerbraun, welches die Ablagerungen unzähliger verrauchter Kneipennächte konserviert.
"Wir machen eben nicht jeden Trend mit", kommentiert Kneipier Raimon Marquardt die Frage auf die Renovierung der Inneneinrichtung mit original Berliner Schnauze. Gegründet wurde das "Leydicke" im Jahr 1877 von Max und Emil Leydicke als "Likörfabrik und Probierstube". Heute kostet das Glas Bier 2,50 Euro, während ein Gläschen selbst gemachter Fruchtwein 2,20 Euro kostet. "Wir wollen eigentlich keine Bierkneipe sein", sagt Marquardt, und dreht die Countrymusik, die aus einem alten Kassettenrecorder dudelt, ein bisschen leiser. "Aber die Berliner ..."
Von hier sind es rund zehn Minuten zu einem Ort, der einige Lichtjahre von der Museumskneipe entfernt ist. Im "Solar", einer Lounge im 17. Stock eines Hochhauses am Anhalter Bahnhof, lassen sich die schönsten Sonnenuntergänge über der Betonwüste der Großstadt beobachten. Kein Hinweisschild weist Besuchern hier den Weg zur unscheinbaren Tür im Hinterhof eines Fitness-Studios, auf Laufkundschaft legen die Betreiber keinen Wert.
Ibiza-Flair in Berliner Betonwüste
Aus dem Penthouse mit gläsernem Außenaufzug, Panoramafenstern und einer glamourösen Wendeltreppe bietet sich hier oben ein Blick über ein schier endloses Meer aus Stein. Das gesamte Innere beider Etagen ist schwarz gestrichen, damit der Panoramablick rundum noch imposanter wirkt. Eine Art Café del Mar wie auf Ibiza sollte es werden, ein Ort, an dem man bei entspannter Musik und guten Cocktails Sonnenaufgänge über dem Berliner Häusermeer beobachten kann.
Weiter geht es ins brodelnde Zentrum, ins hippe Mitte. Hinter der milchig-weißen Schaufensterscheibe des Ladens an der Torstraße, auf der in dicken, etwas krakeligen Lettern "Typolska" gepinselt ist, zeichnen sich zwei schlanke Frauengestalten ab. Die eine bearbeitet einen riesig wirkenden Kontrabass mit wuchtigen Schlägen, die andere fummelt an einem Keyboard herum - Konzertabend im "Club der polnischen Versager".
Seit drei Jahren Anlaufpunkt für Freunde polnischer Off-Kultur, kommt die dosierte Selbstironie bei Szenegängern in Berlin-Mitte gemeinhin gut an. Die beiden exzentrischen Musikerinnen im "Typolska" haben heute jedoch mit einem ausgesprochen trägen Publikum zu kämpfen, das sich mit der eigenwilligen Darbietung der beiden nicht so recht aus der Reserve locken lässt.
Wie ich von einer Bekannten erfuhr, scheint es in einem gewissen "CCCP" Club ziemlich hoch her zu gehen. Am Ende einer dunklen Einbahnstraße entlang der S-Bahn befindet sich der Club direkt unter der Hochbahn. Allerdings scheint die Adresse derart geheim gehalten worden zu sein, dass der Laden nicht einmal halb voll war. Die Türsteherin, eine junge Französin, freut sich, ihre Kasse aufklappen zu können. Die Auswahl an Bieren ist rekordverdächtig, der DJ aus Sankt Petersburg gibt sich alle Mühe und hat sogar russische Stummfilme auf der Großbildleinwand mitgebracht.
Nächtigung im verrücktesten Hotel
Gegen drei Uhr mache ich mich auf, schließlich habe ich schon bezahlt für das Bett im verrücktesten Hotel Berlins, der City Lodge, in dem jedes Zimmer völlig anders aussieht. Bis auf die Tatsache, dass der müde Gast hier auch in frisch bezogenen Betten nächtigen kann, hat dieses Hotel mit den anderen seiner Art wenig gemeinsam.
Denn Eigentümer und Künstler Lars Stroschen, besser bekannt unter dem Namen "Propeller Island", gestaltete 17 Hotelzimmer-Kunstwerke, die es in sich haben. Zum Beispiel "Therapie": Alles ist blendend weiß darin, weiße Flokatis auf Schiebevorrichtungen verdecken die Fenster, das Bett auf einem weißen Thron in der Mitte. Mit einer "Farblichtorgel" aus Neonröhren kann sich der Gast seine individuelle Beleuchtung zusammenschalten.
Ich habe die "Gummi-Zelle" bekommen, bei der höchstwahrscheinlich eine Domina als Innendekorateurin mitgewirkt hat. Im Dunkeln liegt es sich - zum Glück allein - trotzdem ganz bequem.
INFO Adressen Travel Point Bike Rental, Alexanderplatz, Tel. 0049/30 24047991, www.berlinfahrradverleih.com.
Solar, Stresemannst. 6, Kreuzberg, www.solarberlin.com; täglich ab 17 Uhr geöffnet.
Leydicke, Mansteinstr. 4, 10783 Berlin, www.leydicke.com.
Club der Polnischen Versager, Torstr. 66, 10119 Berlin, www.polnischeversager.de.
CCCP Club, Torstr. 137, 10119 Berlin, www.cccp-club.da.ru.
City Lodge, Albrecht-Achilles-Str. 58,10709 Berlin, Tel.0049/30 8919016, www.propeller-island.com
Autor/in: DIRK ENGELHARDT
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