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Reiseberichte

Konfettischlacht und Zwiebelkult
7. Oktober 2006
Einmal im Jahr, am vierten Montag im November, ist in Bern der Bär los. Es ist der Tag des Zwiebelmarktes, des "Zibelemärit", der die Einwohner schon morgens um vier bei jeder Witterung in die Altstadt lockt.

Nein, kein Mensch hat das mit dem frühen Aufstehen von den Bernern verlangt. Gerade einmal auf kurz nach vier stehen die Zeiger am Zytglogge-Turm, dem Wahrzeichen der Schweizer Bundesstadt - und es ist kalt und nass und ziemlich schmuddelig. November eben, zu allem Übel auch noch Montag - aber nicht irgendeiner! Wenn sie sich hier in Bern warm vermummt und in aller Herrgottsfrühe zwischen Marktbuden drängen und die Kälte mit menschlicher Nähe und ein wenig Glühwein zu vertreiben suchen - dann ist nämlich vierter Montag im November: "Zibelemärit", Zwiebelmarkt in Bern.

Zwiebelmarkt, das ist mehr als irgendein Termin im prallen Marktkalender: Bären-, Waren-, Wochen-, Handwerker-, Geranien-, Floh- und Weihnachtsmarkt - jeder für sich ist nett, beschaulich, sehenswert, zumal vor der Kulisse der einzigartigen Altstadt. Aber der "Zibelemärit" steckt sie alle in die Tasche. "Zibelemärit" in Bern ist Zustand, Feiertag und schulfrei in einem. Am "Märit z'Morge" ist alles auf den Beinen.

Auch Fremde kommen dann nach Bern, viel mehr als ohnehin schon: Sonderzüge aus der ganzen Schweiz, Busse aus Österreich und Deutschland, Touristen aus Frankreich und Italien, sogar welche aus Zürich. Im Brennpunkt steht die Zwiebel: Nicht schnöde in der Holland-Kiste wie daheim auf dem Wochenmarkt, sondern groß und klein, hell und dunkel oder gar in Violett.

Kunstvoll hat man sie gebunden: einmal als Kränzchen ab zehn Franken aufwärts, einmal als Kette, als Tischdeko und Urviech oder vermischt mit ein wenig "Chnobli" gegen böse Geister - fast zu schade zum in die Suppe schneiden.

70 Tonnen der Tränen erzeugenden Knollen sollen bis zum Abend unters Volk, die aus Zucker für die Kinder und die mit Pfefferminze gegen das Kratzen im Hals nicht mitgerechnet. Aber dafür so früh raus? So muss es halt sein.

Erst bei Tagesanbruch wird das ganze Ausmaß deutlich: Bärenplatz, Waisenhausplatz, der Bundesplatz vorm Parlament, Münstergasse hinunter, Schauplatzgasse hinauf: Die ganze Altstadt eine Menschenmasse!

Die dick Vermummten hinter der Ware kommen aus Finsterhennen, Liebistorf, Oberscherli oder Bruettellen, verkaufen auch Knoblauchwurst aus dem Wallis, Mandelfleisch aus Toggenburg, Glarner Pastetli und Birnbrot, heiße Apfelchuechli (mit Vanillesoße und Glühwein!), Duftöle und Ausschuss-Mohrenköpfe; unten am Münster schließt sich der Warenmarkt mit Tand und Kram zum Stöbern an.

Vor allem aber Zwiebeln: von der Oma kunstvoll gebunden, vom Vater angeschleppt, von der Tochter mit einem Lächeln verkauft. Zwiebelmarkt ist Familiensache, Marktgeschrei sucht man vergebens. So ist das hier in Bern.

Still jedoch bleibt's trotzdem nicht. Dafür sorgen schon die Jüngsten, die hier einmal im Jahr "enand Sache aschieße dürfe", will heißen, den Großen einmal Konfetti ins Haar schmeißen, Papierschlangen ins Gesicht pusten oder, je nachdem wie weit der Arm schon reicht, ein quietschendes Plastik-Hämmerli auf den Kopf oder sonst wo hin hauen dürfen.

Verschont bleibt keiner, auch nicht der Nikolaus am Pfeiferbrunnen oder jene Besucher von auswärts, die gemeint hatten, wenn's ernst wird, schneller als die Berner zu sein.

Immerhin: Das Bespritzen mit Rasierschaum hat aufgehört, seit die Ladenbesitzer ab Samstag keinen mehr verkaufen. Dass sich solches Treiben auf Spital- und Marktgasse und dort dann auf die Zeit von mittags zwei bis fünf zu beschränken habe, stört übrigens keinen Menschen. Schon am Vormittag zieht sich die Konfettispur bis zum Bärengraben hinunter, und selbst, wer nur kurz einmal über den Markt wollte, darf sich noch Tage später Schnipsel aus den Haaren kämmen.

Den Sinn des Treibens kann kein Mensch erklären - ebenso wenig wie den Ursprung des "Zibelemärit" an sich. Nach der Sage vom "Zwiebeldank" geht er auf den Berner Stadtbrand von 1405 zurück. Unter allen weit her geeilten Helfern sollen die Freiburger so eifrig gelöscht haben, dass man ihnen gestattete, fortan im Herbst ihre Zwiebeln in Bern zu verkaufen.

Martini-Markt ist seit 1439 verbrieft

Historisch haltbar scheint das nicht, denn Zwiebeln in größeren Mengen wurden im Seenland erst viel später angebaut. Seit 1439 ist dagegen der Martini-Markt verbrieft, eine zollfreie Messe für Winterbedarf, mit der die Berner, wie in vielen Städten des süddeutschen Raums, den Übergang vom Sommer- zum Winterhalbjahr feierten. Doch erst viel später, um 1850, kamen Marmettes, Bäuerinnen aus dem Umland, nach Bern, um am ersten Tag der Martini-Messe Zwiebeln, Nüsse, Obst und Gemüse zu verkaufen. Mit Aufkommen der Warenhäuser verlor die Martini-Woche an Bedeutung. Nur ihr erster Tag hat sich bis heute gehalten: der "Zibelemärit".

Ab 17 Uhr herrscht Auskehrstimmung. An die 13 Stunden stehen die Händler dann hinter ihren Zwiebeln; wer gut war, hat sie schon vorher abverkauft. Bald werden die Männer von der Stadtreinigung das Gröbste beseitigt haben, und auch der Techno-Truck am Käfigturm, ein Zugeständnis an den Zeitgeist, muss der Trambahn wieder weichen.

Doch auch wenn die Händler ihre Kisten packen, der "Zustand ,Zibelemärit' ", er hält noch an: Fast alle Wirtschaften, ob Beiz' oder drei Sterne, führen eine Zwiebelmarkt-Spezialkarte (oder wenigstens ein Zwiebelsüppchen). Und so darf der "Berner Bär" mit seinen Gästen von auswärts weiter tanzen oder einfach nur gemütlich bis tief in die Nacht rein "zammehocke". Morgen dann wird wieder g'schafft, gelernt, regiert in der Bundesstadt. Zeit genug zum Ausschlafen.

INFO BERNER ZWIEBELMARKT
Termin
Montag, 27. November 2006, von 4.00 bis 17.00 Uhr (jährlich 4. Montag im November).

Angebot
Neben Zwiebeln in allerlei Gewand kulinarische Spezialitäten aus der ganzen Schweiz. Waren- und Trödelmarkt im Bereich des Münsterplatzes.

Auskunft
Verkehrs- und Kongressbüro Bern, Postfach, CH-3001 Bern (im Hauptbahnhof), Tel. 0041/31/3281228; www.bernetourism.ch; www.myswitzerland.com. E-Mail: info-res@bernetourism.ch.

Shopping & Sightseeing
Fast alle Berner Museen haben am Markttag geschlossen, ebenso einige kleinere Läden. Kaufhäuser und größere Geschäfte haben geöffnet.

Tram & Bus
Die Visitors Card gibt es für 24 Stunden um sechs Schweizer Franken, für 72 Stunden um zwölf Schweizer Franken; die Card ist erhältlich beim Verkehrsamt und in den Hotels.

Andere Märkte in Bern
Der Wochenmarkt rund um den Bundesplatz findet jeweils Dienstag- und Samstagmorgen statt; der Bärenmarkt auf dem Waisenhausplatz noch bis Ende Oktober, der Handwerkermarkt am ersten Samstag im Monat auf dem Münsterplatz und der Weihnachtsmarkt im Dezember auf dem Münsterplatz.

Autor/in: LOTHAR STEIMLE

© SN

 

diese seite | 09.10.2006 | 10:57

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