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Es gibt nichts Tröstlicheres, als an kalten Winterabenden vom nächsten Urlaub zu träumen. Etwa auf der Insel Zakynthos.
Vor 20 Jahren war es auf Zakynthos, der südlichsten der Ionischen Inseln, noch sehr still. Der Schock des Jahres 1953 saß tief: Damals hatte ein Erdbeben dafür gesorgt, dass kein Stein auf dem anderen blieb. Tourismus war zu dieser Zeit ein Fremdwort. Nur die sehr seltene 'unechte Karettschildkröte' (Caretta Caretta) fand hier ihr Paradies: Tausende der Tiere kamen nachts aus dem Meer, um am Laganas-Strand ihre Eier zu legen. Das war noch 1980 so, bevor das erste Flugzeug mit Pauschal-Touristen gelandet war.
Die Caretta wird mit 20 bis 30 Jahren geschlechtsreif. Dann kehrt sie an jenen Strand zurück, an dem sie selbst geschlüpft ist. Wenn die Schildkröten, die damals am Laganas-Strand zur Welt kamen, also demnächst 'ihren' Ursprungsort ansteuern, könnte es zum 'touristischen Clash' kommen: Denn mittlerweile ist die Gegend zum Zentrum englischer Bettenburgen geworden.
Gibt es in unserer Zeit überhaupt noch die Möglichkeit einer Koexistenz zwischen Natur und Massentourismus? Der Weg ist das Ziel, sagen sich unverdrossen Freunde Griechenlands, wenn sie auf der Suche nach ihrer eigenen Kreativität zur 'Sommerakademie' nach Zakynthos kommen - nicht, weil sie unbedingt Meister des Tanzes, der Malerei oder der Keramik werden wollen, sondern weil es ihnen um eine Auseinandersetzung mit ihren verborgenen Talenten geht.
Was soll eine Urlaubsinsel dem Massentouristen bieten, der sich durch rasche und ökonomische Charter-Verbindungen vom 'Reisenden' im früheren Sinne entfernt hat? Alles muss passen: Blitzsaubere Strände vor der Tür des 'All Inclusive'-Clubappartements, keine störenden Steine und Pflanzen im Wasser, den ganzen Tag Sonne, stets fidele Urlaubsgefährten, höchster Mehrwert zum kleinsten Preis.
...Zwiespalt zwischen Natur und Touristen...
Und die Einheimischen, die man ja nicht mehr 'Gastgeber' nennen kann, sondern Tourismus-Unternehmer nennen muss, was erwarten sie? - Steigende Frequenzen, intensiven Konsum, erschöpfende Ausnutzung des Angebotes, und wenn's geht den 'schnellen Euro'. In solchen Zusammenhängen muss ein Tier wie eine Meeresschildkröte, und sei sie noch so selten, 'störend' wirken. Der Platz, den man der Caretta Caretta einräumt, wird immer kleiner. Die seit 1983 aktive Schutzorganisation 'Sea Turtle Protection Society' hat Drahtgeflechte aufgestellt, um die letzten Refugien zu retten. Markierte Schutzzonen werden auch in der Nacht bewacht.
Man sollte meinen, dass die Einheimischen stolz sind auf ihren seltenen Imageträger. Hinter vorgehaltener Hand hört man gelegentlich aber auch Unmut über 'Behinderungen' durch Naturschützer. Immerhin leben die Hälfte der Inselbewohner vom Tourismus. Doch die pro Sommer rund 1300 Gelege der Schildkröten zu schützen, ist nicht jedermanns erstes Anliegen. Man fährt zwar mit Booten zu den Tieren hinaus, die im 24 Grad warmen Wasser unterwegs sind - Erfolgsmotto: 'No Turtle, No Money' -; gleichzeitig werden sie aber immer wieder durch Boote und Fischernetze verletzt oder getötet.
Kenner der Insel wie der Leiter der 'Sommerakademie', Wolfgang Löhnert, meinen: 'Die Lösung kann nur in einem sanften Tourismus liegen.' Und das ist auch das Anliegen des seit 16 Jahren bestehenden Alternativ-Urlaubsprojektes, dessen von Anfang Juni bis Ende September dauernde Kurse jährlich von über 1000 Teilnehmern besucht werden. Die Sommerakademie will ein 'Platz der Begegnung' sein, und zwar nicht als 'Urlaubsghetto', sondern eingeschlossen in die unvergleichliche griechische Inselwelt.
Vassilikos, auf der Halbinsel Skopos im Südwesten von Zakynthos gelegen, schließt mit seinen Pinienwäldern und Olivenhainen die Sommerakademie mit ein. Dieses Ambiente gehört zu den grünsten und landschaftlich reizvollsten der Insel, es ist eine Art 'griechischer Mikrokosmos'.
Liegt der Mittag über der Insel, ist die von den Tavernen herüberwehende Mischung aus gebratenem Knoblauch, Fisch und Minze unwiderstehlich. Alles blüht und grünt, fast das ganze Jahr über: Nicht umsonst nannten Reisende und Dichter Zakynthos 'Fior de Levante', die 'Blume des Ostens'. Die Fahrt ins Landesinnere - im Osten: das Flach- und Hügelland, im Westen und Norden: das karge Bergland - ist wie eine Reise durch ein Griechenland-Märchenbuch: Man kurvt zwischen den die schmale Straße fast schon überwuchernden Mittelmeergärten dahin, bis ein Bauer mit seinem Maultier kurz die Weiterfahrt verlangsamt, weil die Butten mit den violetten Trauben übervoll sind und Vier- wie Zweibeiner im Schongang unterwegs sind.
Bei der Abfahrt in eines der idyllischen Dörfer dringt Gesang ans Ohr, und Weihrauch weht aus der Klosterpforte. In der Taverne an der Ecke wird Wein aus fünf Fässern ausgeschenkt. In der Garagenzufahrt liegt ein seltsamer Teppich: Die blauen Trauben sind dicht an dicht zum Trocknen in der Sonne ausgebreitet - die Rosinen von Zakynthos sind wegen ihres Aromas sehr geschätzt.
...Ewigkeit am Ende der Welt...
Griechenland - war das in den Zeiten vor dem Massentourismus nicht immer gleichbedeutend mit Abenteuer? Auf dieser Ionischen Insel kann man Unerwartetes noch hinter jeder Wegbiegung erleben, wenn man ein Auge für das Detail hat. Die Schafherden, die Schönheit des Weißbrotes in einem geflochtenen Korb, der Schatten, den Essig- und Ölfläschchen auf dem weißblauen Tischtuch werfen, der feine Schaum auf dem 'Kafe elleniko', dem 'griechischen Kaffe' - das alles gibt Bilder für das Fotoalbum her, das man in den kalten Winterabenden daheim gern anschaut.
Natürlich gibt es auf Zakynthos auch die 'großen' Postkartenmotive, vor allem 'Shipwreck Beach', ganz oben im Nordwesten gelegen: Wenn man auf der zwei Quadratmeter großen Plattform steht, die hundert Meter über dem Meer schwebt, kommt man sich vor wie in einem Adlerhorst: Alle blicken nach links in die Tiefe, wo das Wrack der 'Panagiotis' liegt, eines Zigaretten-Schmugglerschiffes, das vor 20 Jahren hier strandete. Zugegeben, die Kombination aus feinstem weißen Sand und türkisem Meer ist atemberaubend - doch die Steilküstenteile sind kaum weniger faszinierend. Drau-ßen, auf den durch die Strö-mungen gebildeten Meeresstraßen, schimmern die Sonnenstrahlen wie Edelsteine, und die tiefe Stille, die hier herrscht, verleiht der Szenerie so etwas wie 'Ewigkeit', wie 'Ende der Welt'.
Es ist nicht leicht, von dieser sympatischen Insel Abschied zu nehmen. Ein Souvenir? Am besten ist noch immer die Erinnerung, aber eine Plüsch-Schildkröte, die Anliegen des 'World Wide Fund for Nature' mitfinanzieren hilft, ist auch nett. Wer sich von dieser liebenswerten Insel und der Idee des sanften Tourismus begeistern lässt, der kann auch eine 'Jungschildkröten-Patenschaft' für ein Jahr übernehmen. 'Caretta Caretta', das heißt mehr als Tierschutz: Es ist letztlich auch die Sehnsucht nach Unberührtheit und Natürlichkeit, nach kleinen Wundern in der Kälte unserer Zeit.
Der Zollbeamte, der beim Einchecken mit einem Auge auf den Pass der Abreisenden und mit dem anderen auf die Sendersuche seines Radios schielt, erwischt genau das Richtige: Otis Reddings 'Try A Little Tenderness'. Wie wenn er sagen wollte: So ist Zakynthos - versuch's einmal mit etwas Sanftheit.
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