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Die Masuren werden immer wieder als Landschaft beschrieben, in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Das kann sie aber gar nicht.
Uhren mögen stehen bleiben, nicht aber die Zeit. Manchmal lässt aber deren Geist eine Region links liegen. Das ist den Masuren, also dem nordöstlichen Winkel Polens, widerfahren, und zwar in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Industrialisierung weite Teile Europas maßgeblich veränderte. Der südliche Teil Ostpreußens erschien dafür zu sumpfig, unwirtlich und verödet. Letzteres lag auch an der Pest, die den Landstrich im Gegensatz zur Industrialisierung nicht verschont hat. Ein großer Teil der Menschen, die hier von der Landwirtschaft lebten, fiel der Seuche zu Beginn des 18. Jahrhunderts zum Opfer. Die Natur eroberte sich viele kultivierte Flächen zurück. Drei Jahrhunderte später strömen Menschen aus Industrienationen wie dem benachbarten Deutschland in die Masuren, weil sie – zumindest für einen Urlaub lang – eine Region suchen, „in der die Zeit stehen geblieben zu sein scheint“. Wenn diese Suche dann zu einem einfachen Plumpsklo mit dem entsprechenden Duft-Potpourri führt, dann bekommt die Lust an einer Zeitreise in die Vergangenheit einen ersten Dämpfer.
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die sanitären Anlagen in den masurischen Touristenzentren wie Mikolajki, Olsztyn und Co. entsprechen ebenso den westlichen Standards wie die übrige touristische Infrastruktur. Moderne Hotels sprießen wie die Pilze aus dem Boden und eine manchmal zweifelhafte Architektur weckt den Wunsch, doch einfach die Zeit anzuhalten.
Dieser Wildwuchs beschränkt sich allerdings auf einige wenige „Hotspots“. Die dichten Schilfgürtel der mehr als 3000 Seen, die moorigen Böden und die weitläufigen Sümpfe bilden kein gutes Biotop für Baulöwen. Da fühlen sich die Störche, die als das „tierische Wahrzeichen“ der Masuren gelten, wesentlich wohler. Ihre Nester auf Kaminen und Strommasten zählen zum festen Inventar der masurischen Landschaft. Auch wenn sich Meister Adebar nicht immer an den passendsten Stellen häuslich einrichtet, so würde kein Bauer auf die Idee kommen, ein Storchennest zu zerstören, weil dies Unglück bringen soll. Außerdem – so ein weit verbreiteter Volksglaube – würden Störche ihre Nester nur bei guten Menschen bauen.
Wo Störche sind, da gibt es Kinder
„Wo es sauberes Wasser gibt, da gibt es Frösche. Wo es Frösche gibt, da kommen Störche. Und wo Störche sind, da gibt es Kinder“, meint Stanislaw mit einem breiten Grinsen auf den Lippen. Der alte Bauer erklärt weiters im Brustton der Überzeugung, an der Farbe des Gefieders „seines“ Storchs das Wetter der nächsten Tage ablesen zu können. Das Grau der zerzaust wirkenden Federn sagt ihm, dass am morgigen Freitag die Sonne scheinen wird.
Stanislaws Storch hat gelogen. Bereits am frühen Morgen nieseln winzige Tropfen vom Himmel und daran ändert sich den ganzen Tag lang nichts. Der Regen unterstreicht die Melancholie der masurischen Landschaft – so als könnte er die Zeit zumindest für einige Augenblicke zum Stehen bringen. In der Stille eines regnerischen Tags scheint das alte Masuren, das in der Literatur von Ernst Wiechert, Siegfried Lenz oder Arno Surminski mehr oder weniger verklärt existiert, wieder aufzuerstehen. Das schreckliche Knattern eines altersschwachen Mopeds gebietet dem Einhalt. Ein paar Gänse suchen schnatternd das Weite, um nicht unter die Räder zu kommen. Stanislaws Sohn Jan kommt, eine beträchtliche Abgaswolke hinter sich herziehend, von der Arbeit nach Hause – viel früher als erwartet. Er jobbt im 40 Kilometer entfernten Mikolajki als Kellner. Da er für den Terrassen-Service eines Restaurants verantwortlich ist, beschert ihm der Regen einen freien Tag, doch der Verdienstausfall scheint Jan wenig Freude zu bereiten.

Dennoch zählt er zu jenen „Privilegierten“, denen es der kontinuierlich wachsende Fremdenverkehr ermöglicht, in seinem Heimatdorf zu leben. Viele seiner gleichaltrigen Freunde und Freundinnen sind nach Danzig, Warschau und in die polnischen Industriegebiete gezogen, weil sie in den Masuren keine berufliche Perspektive sahen. Mikolajki, wohin Jan tagtäglich mit seinem blauen „Kometen“ zur Arbeit fährt, gilt als der touristische Hauptort der Masurischen Seenplatte. In Prospekten des örtlichen Fremdenverkehrsbüros und auch in einigen deutschsprachigen Reiseführern wird das 4000 Einwohner zählende Städtchen als das „Polnische Venedig“ tituliert, was jedoch ein wenig zu großspurig erscheint. Mit der berühmten Lagunenstadt verbindet Mikolajki bestenfalls die Lage am Kreuzungspunkt mehrerer Wasserwege.
Weniger willkürlich erscheint der Umstand, dass das ehemalige Fischerdorf dem hl. Nikolaus geweiht ist. Immerhin gilt er als der Schutzheilige der Segler, die hier eine ausgezeichnete Infrastruktur vorfinden und über diverse Kanäle die verschiedensten Seen ansteuern können. Außerdem liegt Mikolajki direkt am Sniardwy-See, der mit seiner Wasserfläche von 114 Quadratkilometern das größte Binnengewässer Polens darstellt und als das „Masurische Meer“ bezeichnet wird. Dessen Erkundung ist allerdings nicht nur Seglern vorbehalten. Die Linienschiffe der „Weißen Flotte“ und diverse Ausflugsboote ermöglichen kurze Rundfahrten von eineinhalbstündiger Dauer bis hin zu ganztägigen Touren.
Auch „Wasserwanderer“ schätzen die Region, gilt doch die Krutynia als eine der reizvollsten Kanustrecken Europas. Dazu kommen Wander- und Radwege, die abseits des touristischen Trubels, der in der relativ kurzen Sommersaison in Mikolajkis Zentrum herrscht, in jene Landschaften führen, die schon im 19. Jahrhundert Besucher anlockten: romantische Seen, still mäandernde Flüsse und Bäche, dunkle Urwälder sowie bunte Blumenwiesen.
Masuren-Naturpark mit 60 Seen
Zur Erhaltung dieser landschaftlichen Schönheiten wurde 1977 der Landschaftspark Masuren eingerichtet, der insgesamt 55.000 Hektar umfasst, von denen 18.000 unter einem speziellen Schutz stehen. Den Plänen, das Naturpark-Areal mit seinen 60 Seen zum Nationalpark zu erklären, steht Stanislaw skeptisch gegenüber. Er fürchtet Einschränkungen bei der Fischerei. „Wir brauchen keinen Nationalpark mit viel Bürokratie. Der Respekt vor der Natur müsste doch genügen, um die Landschaft zu schützen“, meint der grauhaarige Mann, während er zwei gebratene Schleie auftischt. Die karpfenartigen Fische munden vorzüglich und das Mahl wird bis tief in die Nacht hinein mit viel Wodka begossen. Ein verstohlener Blick auf die Pendeluhr an der Wand der Stube zeigt, dass die Zeit tatsächlich stehen geblieben ist ...
INFO MASUREN Anreise Mit dem Flugzeug von Wien nach Warschau (rund ein Dutzend AUA- und LOT-Linienflüge täglich) und weiter nach Danzig. Von dort mit dem Bus nach Mikolajki. Mit der Bahn von Salzburg über Wien und Warschau nach Danzig (rd. 15 Stunden). Mit dem Auto von Salzburg über Brünn und Warschau nach Mikolajki: 1240 km, rund 16 Fahrstunden.
Einreise Für EU-Bürger genügt ein gültiger Personalausweis bzw. Reisepass.
Währung 1 Polnischer Zloty = 0,27 Euro, 1 Euro = 3,67 Polnische Zloty
Reiseführer „Polen – Der Norden: Ostseeküste & Masuren“ von Izabella Gawin (Dumont „Richtig Reisen“).
Autor/in: Michael Stadler
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