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Reiseberichte

Über den Mythen die Pyrenäen
30. September 2006
Von der spanischen Südseite der Pyrenäen hört man eher selten. Dabei ist sie die Heimstatt fantastischer Landschaften und Architektur.

Wie man so hört von den Pyrenäen, bestehen sie hauptsächlich aus der Tour de France, die hier allsommerlich eine Menge Radfahrer über steile Pässe hetzt. Ferner haben sie dort das zollfreie Andorra, das Land mit zwei Staatsoberhäuptern. Und natürlich Lourdes, den Wallfahrtsort mit den Wunderheilungen an den Nordausläufern des Gebirges.

Von der spanischen Südseite hört man eher selten. Dabei ist sie  die Heimstatt unglaublicher Legenden wie etwa der Geschichte vom ruhmreichen Ritter Roland im Tal von Roncesvalles. Ebenso handelt hier das gewaltige Epos vom edlen Ritter Parzival, der zuletzt an den Vorbergen der Pyrenäen zwischen Pamplona und Jaca in der Burg Monsalvatsch den heiligen Gral hütete.

Mittlerweile gilt jedoch als angeblicher Aufenthaltsort des Grals keine mysteriöse Burg, sondern das bei Jaca gelegene Felsenkloster San Juan de la Peña, wo man in den hohen Gewölben tatsächlich einen ziemlich bescheidenen Schmuckbecher als Kopie der sagenhaften Schale zeigt, die längst verschwunden ist.
Auch zogen jahrhundertelang Scharen von Pilgern über die Berge, und zwar auf dem Weg ins nordwestspanische Santiago de Compostela, denn dort hatte man verblüffenderweise das Grab des Apostels Jakob gefunden, der eigentlich zu Christi Zeiten im Heiligen Land lebte und starb.

Damit war der „Jakobsweg“ geboren, dessen beide Gebirgsrouten sich südlich von Pamplona vereinigen. Kein Wunder, dass hier durch die Gegend von Sangüesa die nächste den Fremdenverkehr beflügelnde Legende waberte, die sich mit einem in der Bibel leider nicht geklärten Rätsel befasste: Die Erde, aus welcher Gottvater Adam erschuf, sollte aus jener Landschaft stammen.

Jedenfalls thronen über den irrlichternden Schatten der Mythen die Pyrenäen mit ihrer glanzvollen Kulisse aus atemberaubenden Felsterrassen und geologischen Faltenwürfen. Obgleich die Wände und Zinnen einladend genug bis auf 3400 Meter, bis in den ewigen Schnee emporragen, warten hier ungleich weniger Schutzhütten auf Gipfelstürmer als in den Alpen.

Märchenhafte Landschaften

Tiefe Canyons mit Kaskaden von Wasserfällen durchziehen das Gebirge, Seen ohne Zahl glitzern auf den Hochplateaus, durch die Flüsse huschen Barben und Regenbogenforellen. Lämmer-geier kreisen am Firmament, Wildschweine streunen herum, Gämsen ziehen ihrer Wege. Steineichenwälder, Geraschel unter Schwarzkiefern, im Wind wisperndes Rotbuchenlaub: In den Märchenwäldern müssen wohl Kobolde und Hexen hausen.

Die Pyrenäen sind dünn besiedelt, so wenig belebt wie die Alpen vor der Erschließung durch den Fremdenverkehr, manche der Dörfer mit ihren Granitmauern und Schieferdächern nahezu verlassen. Andrang herrscht allenfalls im hohen Sommer und im tiefen Winter: 15 Skistationen,  vier Naturschutzgebiete und zwei Nationalparks locken Touristen in die Gegend.

Eiligen Reisenden bietet der schon 1918 gegründete „Parque National Ordesa y Monte Perdido“ oberhalb von Torla irgendwo zwischen Jaca und Ainsa den Vorteil, dass es keiner stundenlangen Anmärsche bedarf, um ins spektakuläre Ordesatal zu gelangen: Vor Ende Juni noch im Wagen bis zum Parkplatz, danach mit Shuttlebussen ab Torla haben täglich bis zu 1800 Besucher die Erlaubnis, am Rio Arazas hinauf zu wandern. Und möglichst wieder zurück, denn jenseits der Waldgrenze wartet nur eine einzige Hütte auf sie, das „Rifugio de Góriz“.

Ähnlich verhält es sich 190 kurvenreiche Straßenkilometer weiter östlich im „Parque National d’Aigüestortes i Estany de Sant Maurici“, dessen wichtigste Pforte hinter dem Bergdorf Espot liegt. Ein weiteres Tor zum Park findet sich im Vall de Boi, erreichbar von der Ortschaft Pont de Suert aus. An der Strecke durch das Tälchen sind jedoch völlig überraschend und wie nirgendwo sonst in Spanien neun Perlen romanischer Architektur aufgereiht, trutzige Dorfkirchen mit gedrungenen, quadratischen Türmen aus dem 11. und 12. Jahrhundert. Die Baumeister kamen damals aus der Lombardei, weshalb das einmalige Ensemble dieser Gotteshäuser von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde.

Herausragend sind dabei die dreischiffigen Kirchen Santa Maria und Sant Climent in Taüll, beide im Dezember 1123 geweiht. Durch das Nachbartal des Vall de Boi führt eine Nationalstraße nach Frankreich, was dem 5240 Meter langen Túnel de Vielha zu danken ist, der die Wasserscheide der Pyrenäen unterquert. Dieser weltverlorene Winkel Spaniens war, bis der Tunnel 1948 eröffnet wurde, vom Mutterland her nur mühselig auf einer Passstraße über die 2072 Meter hohe Port de la Bonaiga zu erreichen.

Im Ferienzentrum trifft man den König

So viel Abgeschiedenheit sorgte dafür, dass sich hier im berühmten Vall d’Aran bis heute eine eigene Volkssprache erhielt, das „Aranés“, eine Mischung aus dem Altfranzösischen der Gascogne und dem Katalanischen. Hier liegt das Ferienzentrum der spanischen Pyrenäen, im Sommer rund um den Hauptort Vielha ein blühendes Paradies für Bergwanderer, während der Schneesaison im benachbarten Baqueira Beret eine Attraktion für Skifahrer. Mit etwas Glück kann   man König Juan Carlos nebst Familie über die Pisten stieben sehen.

Und nicht zu vergessen die anderen Preziosen auf der Route von Pamplona, der Stadt mit dem Stiertreiben, das durch Ernest Hemingways Frühwerk „Fiesta“ weltbekannt wurde, bis Andorra. Olite zum Beispiel mit der bedrohlichen Burg aus der Zeit der Könige von Navarra. Jaca mit der fünfzackigen Zitadelle und seiner Basilika am Weg der Jakobspilger. Ainsa mit seiner denkmalgeschützten Altstadt, unter deren Arkaden Schwalben nisten. Oder Seu d’Urgell mit der ältesten Kathedrale Kataloniens, wo überdies ein richtiges Staatsober-haupt lebt, seit 1278 der jeweilige Bischof der dortigen Diözese mit dem Amt betraut worden war.

Allerdings wohnt der geistliche Souverän hier im Ausland, 20 Kilometer von „seiner“ Residenzstadt entfernt. Er füllt im Zweitberuf den Posten eines „Coprinzeps“ der benachbarten Republik Andorra aus, jedoch nur als „halber“ Regent; die Würde des anderen Mit-Fürsten trägt als Rechtsnachfolger mittelalterlicher Grafen der französische Staatspräsident.

AUSKUNFT: Spanisches Fremdenverkehrsamt, 1010 Wien, Walfischgasse 8/14, Telefon 01/512 95 800; www.spain.info.

Autor/in: Heinz Hartmann

 

diese seite | 29.09.2006 | 09:46

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