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Reiseberichte

Zwischen Traum und Tradition
16. September 2006
Für viele war Griechenland schon immer ein Traum von Sommer, Sonne und Freiheit, und Kreta hat einen besonderen Stellenwert.

Träumer sind oft Inselmenschen, wie der alt gewordene Hippie Scotty in Matala, der Mönch Apostolos und die Sesselmacher-Familie Nikiforakis.

Kreta ist eine Insel für Träumer: Viele kamen, wenige blieben. Was verbindet Scotty, den "letzten Hippie von Matala", mit dem Athos-Mönch Pater Apostolos, mit Manolis und Georgios Nikiforakis, den Tischlern klassischer Kafenion-Sessel?

Alle sind hartnäckige Verfolger ihres Prinzips - der eine mehr Illusionist, der andere Visionär, die dritten standfest in Zeiten, auch wenn der Boden unsicher ist - auf dem erdbebenträchtigen Kreta übrigens keine Seltenheit. So sind eben Inselmenschen.

Matala: Allein schon der Name besaß in den 60er Jahren für die Kinder von Marx, Freud und Flower Power, für Aussteiger, Rebellen und Weltverbesserer, für "seltsame Heilige, mysteriöse Spinner, kleine Gauner und Schnorrer" - wie es etwa Arn Strohmeyer beschreibt, und er war selbst dabei - eine magische Anziehungskraft.

Das verschlafene Fischerdorf im Süden Kretas, malerisch am Libyschen Meer gelegen, entwickelte sich zum Versammlungsort all jener, die an eine romantische Gegenwelt zur etablierten Gesellschaft "ohne Zwang, voller Leben, Liebe, Gemeinschaft, Gleichheit und Brüderlichkeit" glaubten - wie Arn aus dem hohen Norden Deutschlands, der den ewigen Traum von der Jugend, von der neuen Zukunft mitträumen wollte.

Die Mandalas sind längst verblichen

Was in erster Linie die Anziehungskraft von Matala ausmachte, war der meerwärts lang gestreckte Felsen mit seinen aus römischer Zeit stammenden Höhlengräbern, die sich die Hippies zur Behausung erkoren hatten. Sie wollten den Kult der Sonne leben: Nackt oder in psychedelisch-bunter Fantasiebekleidung, inspiriert von den Klängen der Gitarre, indischer Mantras und dem Rauschen der Brandung, in einem einzigen großen bunten Happening, im Lotussitz bei der Meditation, "in einem surrealen Panoptikum, einer psychedelischen Prozession, ein trunkenes anarchisches Dada-Schwelgen ohne Grenzen im Hier und Jetzt" (Strohmeyer).

Was ist von allem geblieben? In der Taverne von Eleni am Strand ein vergilbtes Foto "Matala 1963", wo es damals nur eine Strandbude gab. Ein paar Postkarten aus den 70er Jahren liegen noch irgendwo herum, als sich Matala als "Mittelpunkt der Jugend der Welt" feierte, bevor man Putzbrigaden losschickte, damit sie - wie es Arn ausdrückt - "die Wunderwerke der ineinander verschlungenen psychedelischen Farbsymphonien, die kreisrunden bunten Mandalas und die naiven Heiligenbilder, in denen die Blumenkinder sich selbst gestaltet hatten", von den Wänden der Höhlen zu waschen.

Matala heute: Ein kleines Hippie-Disneyland, mit Tavernen, Restaurants, Cafés sowie Läden mit Esoterik, Schmuck und bunten Schals. Man will noch ein bisschen was verdienen am Traum von damals.

Geblieben ist nur Scotty - der heute 67-jährige Weltenbummler, Maler und Freak war ja einmal der "Höhlennachbar" des Sängers Cat Stevens (richtiger Name: Demetri Georgiou), heute Yusuf Islam. Auch mit der Sängerin Janis Joplin flanierte Scotty am Strand.

Wer heute nach Matala kommt, der findet auch Scotty. Er sitzt mit seinem Hund im Ortszentrum, als "letzter Hippie von Matala" quasi unter Naturschutz, und erzählt von vergangenen Zeiten - wobei er ein paar Euro nicht verschmäht, seine Wohnhöhle heute ist ja eine Untermiete.

Und so kommt es, dass sich Scotty plötzlich einer Gruppe des österreichischen Pensionistenverbands gegenübersieht. Seinerzeit hatte man mit den "Gammlern" keine Freude. Heute sind sie alle Senioren, und so wünschen die Besucher in den beigen Jacken dem fusseligen Scotty in seinen abgerissenen Jeans, speckigem Lederwams und ausgewaschenem Batikhemd: "Bleiben Sie so, wie Sie sind!"

Pater Apostolos ist hoch in den 60er Jahren seines Lebens. 13 Jahre lebte er als Mönch auf dem Berg Athos, doch seine Wurzeln zogen ihn zurück nach Kreta, woher er stammt. Das war 2001.

Aber Apostolos kam nicht ohne Vision vom heiligen Berg. Er sah vor sich ein Kloster nach dem Vorbild des Athos. Es sollte in der steinigen Einöde in den Bergen hinter dem Ort Anopolis entstehen, etwa 20 Kilometer östlich von Heraklion. Dort gab es schon ein Kirchlein, "Sankt Johannes der Theologe", das von einem anderen uralten Mönch gehütet wurde.

Vier Jahre, und der Traum wurde wahr

Pater Apostolos brauchte nur vier Jahre, um die Geldmittel für sein Kloster aufzutreiben. Großzügige Sponsoren aus der Umgebung, die wohl auch das Bild eines Wallfahrtsorts vor sich haben, machten den Bau möglich.Die insgesamt 12 Mönche schufen die Kupferdächer, die Einlegearbeiten und die Schnitzereien der Türen mit biblischen Szenen selbst, ebenso die byzantinischen Fresken und natürlich die Ikonen für den Innenraum.

Am 12. April wurde die prächtige Kirche eingeweiht, im Beisein des Bischofs von Kreta und von 3000 Gläubigen. Alle waren in Hochstimmung, nur der Pater musste sich hinlegen: Nach 40-tägigem Fasten mit Wasser und Brot wurde ihm alles zu viel.

Die Reise führt tief in die kretische Bergwelt. Dort irgendwo soll sich ein Ort namens Pemonia befinden, in dem einst fast alle Familien von der Herstellung traditioneller kretischer Kafenion-Sessel gelebt haben.

Obwohl die Straßenkarte das Dorf nur etwa 30 Kilometer entfernt von Chania ausweist, ist die Fahrt bergauf-bergab schier endlos. Endlich taucht dort, wo die Welt mit Brettern vernagelt erscheint, eine verwitterte Ortstafel auf.

Die Familie Nikiforakis kennt jeder. Georgios und sein Cousin Manolis betreiben als letzte ihr Handwerk - und das bereits seit drei Generationen. Es riecht nach Zypressenholz, vor der Werkstätte stehen Berge von durchgesessenen Kafenion-Sesseln: Sie warten auf Reparatur. "Seit 20 Jahren mache ich solche Sessel", sagt Georgios. "Pro Jahr werden es an die 6000 sein."

Nirgendwo sind Schläge eines Hammers zu hören, einen Nagel findet man hier nicht: Denn die Sessel werden nach traditioneller Art bloß geleimt. Das Holz dafür kommt aus Kreta und aus Westgriechenland.

Aus einem guten Baum könne man bis zu 80 Stühle machen, sagt Manolis. "Wer einen klassischen Kafenion-Sessel will, der kommt zu uns." Alles geschieht hier in Handarbeit.

Der quäkende Ton eines Lautsprechers wird hörbar: Ein fahrender Händler ist unterwegs. Er hat auch Dutzende von weißen Plastikstühlen geladen. Manolis Nikiforakis ist das keinen Blick wert: "Keine Konkurrenz", sagt er und schlürft seinen griechischen Kaffee, Metrio, stark, wenig Zucker.

So hat man es auf Kreta schon immer gemacht, und so wird es auch bleiben.

Autor/in: RONALD ESCHER

© SN

 

diese seite | 18.09.2006 | 14:43

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