|
"Ein unvergessliches Abenteuer", schwärmte unlängst ein Freund von seiner Rafting-Tour auf dem Nil in Uganda. Nach dem wilden Ritt über die gewaltigen Stromschnellen muss ich ihm Recht geben.
Träge wälzt sich der riesige Strom durch die Landschaft Ugandas in Ostafrika. Keine Uferverbauung zwingt den Nil in ein künstliches Korsett. Weite Pools, zahlreiche Verästelungen und wilde Stromschnellen machen ihn hier zu einem Eldorado für Wildwassersportarten. Durch die schiere Dimension - der Nil scheint an seinem Ausfluss aus dem Viktoria-See bereits größer als die Donau - ist er mit keinem Weißwasser der Alpen zu vergleichen.
Zum ersten Sprung ins Nass muss man sich überwinden. Wer weiß, welche großen und mikroskopisch kleinen Gefahren in der dunkelgrün schimmernden Tiefe lauern? Aber Jane ist gnadenlos. Die südafrikanische Raft-Führerin macht uns mit den sechs Kommandos vertraut, die zur Steuerung des Boots notwendig sind.
Wir üben Mann-über-Bord- Manöver, die richtigen Haltegriffe an den drei uns begleitenden Rettungskajaks und das Wiederaufrichten des Gummifloßes, falls der Nil es einfach umdreht. All diese Techniken werden wir auf den insgesamt 25 Kilometern brauchen, da Jane uns und das Boot über acht Stromschnellen steuern wird. Als Raft-Neulinge haben wir keine Ahnung, was genau Wildwasser der schwierigsten Kategorie fünf bedeutet.
Acht Stromschnellen fordern den Rafter
Nach der halbstündigen Einweisung und Paddelei durch ruhiges Wasser glauben wir, bereit für den Nil zu sein. Die erste Stromschnelle ist bereits zu hören, der Adrenalinspiegel steigt und nach einer scharfen Biegung des Flusses wird uns klar, worauf wir uns eingelassen haben.
Lange Zeit sah man den Nil mit seinen 6650 Kilometern als den längsten Fluss der Erde, bis jüngste Erkenntnisse ihn hinter den Amazonas auf Platz zwei verwiesen. Als seine Quelle gilt der Viktoria-See, den der britische Afrikaforscher John Hanning Speke 1858 als erster Europäer zu Gesicht bekam.
Am Nordufer des gewaltigen Sees, der mit 68.000 Quadratkilometern fast so groß wie Bayern ist, liegt die Stadt Jinja. Hier befindet sich auch sein Ausfluss, der Viktoria-Nil. Aus diesem wird der Weiße Nil, der in Khartum mit dem Blauen Nil zusammenfließt, um in Ägypten nach dreimonatiger Reise ins Mittelmeer zu münden.
Momentan sehen wir uns aber mit dem "Rib Cage" konfrontiert, vergleichsweise harmlosen Stromschnellen der Kategorie vier, wie wir später feststellen sollten. Das grüne Wasser wird zur weiß schäumenden Achterbahn. So gut es geht zwischen den Gummiwülsten des Boots verspreizt und mit angehaltenem Atem reiten wir über die Fälle, ehe sie uns in einen ruhigen Pool ausspucken. Nichts ist passiert, keiner über Bord gegangen. Die Zuversicht an Bord steigt, während Jane wissend lächelt.

Das Boot treibt vorbei an Fischadlern, die stolz in ihren Horsten thronen. Unzählige Fledermäuse schwirren um eine der vielen kleinen Inseln. In langen Kanus machen Fischer Jagd auf den begehrten Nilbarsch und manchmal sind auch Affen am Ufer zu sehen. Keiner im Raft hat aber Augen für die Idylle am Nil. Vor uns liegen die nächsten Stromschnellen und wir haben einstimmig beschlossen, den "harten Weg" zu nehmen: mitten durch. Angesichts der Bujangali-Fälle, einer vollen Kategorie fünf, sinkt der Mut rasch. Keiner im Boot traut sich jedoch, einen Rückzieher zu machen.
Dann übernimmt der Nil die Steuerung. Das Floß bockt fürchterlich im weißen Wasser, während der gewaltige Fluss über die Geländestufen donnert. Alles Festklammern hilft nichts, wenn Wellenberge die Gummiwülste des Rafts zusammenklappen lassen wie ein Papierschiffchen, die Touristenfracht durcheinander wirbeln zu einem Knäuel aus Paddel, Schwimmwesten und Helmen, ehe die nächste Welle das Boot umwirft.
Es wird dunkel. Man verliert völlig die Orientierung. Die Schwimmweste zerrt den Körper zurück an die Oberfläche. Hier wird im brodelnden Wasser jeder Atemzug schwierig, gezieltes Schwimmen unmöglich. Die wenigen Sekunden, die es dauert, bis der Nil einen über die Stromschnellen gespült hat, erscheinen als Ewigkeit. Endlich - eines der drei Rettungskajaks: verzweifeltes Festklammern, während man zum umgekippten Raft gepaddelt wird.
"Teil unserer Reise", grinst Jane, als alle wieder im Boot sitzen. Jetzt ist klar, warum sie am Anfang darauf bestanden hat, Armbanduhren, jeglichen Schmuck und die Schuhe im Bus zu lassen. "Der Nil nimmt euch alles!"
Noch zwei Mal gehen wir unfreiwillig in den Stromschnellen mit bezeichnenden Namen wie "Total Gunga" oder "The Bad Place" baden, erleben die kurzen Panikattacken, hilflos zu ertrinken, ehe wir ins Camp zurückkehren. Hier ist Zeit, die kleinen Kratzer und Hautabschürfungen zu behandeln.
Am Lagerfeuer wird respektvoll jede einzelne Stromschnelle noch einmal diskutiert, während im Hintergrund der Nil majestätisch durch die kurze afrikanische Abenddämmerung fließt. Ja, ein unvergessliches Erlebnis.
INFO NIL-RAFTING Veranstalter In Jinja gibt es mehrere Gesellschaften, die Rafting am Nil im ganzen Jahr anbieten. Zu den beiden größten gehören Adrift, Tel.: +256-41-252720, www.adrift.co.uk, und Nile River Explorers, Tel.: +256-43-120236, www.raftafrica.com. Die angebotenen Pakete enthalten eine Übernachtung in den zugehörigen Camps oder den Transport von und nach Kampala, der eineinhalb Stunden entfernten Hauptstadt. Eine Tagestour kostet knapp 100 US$ und kann in Dollar, Euros, britischen Pfund oder der Landeswährung, Uganda Shillings, bezahlt werden. Die Gesellschaften akzeptieren auch Kreditkarten, wobei aber mit empfindlichen Aufschlägen (8%) gerechnet werden muss. Von den Trips kann man in der Regel auch Videos oder Foto-CDs erstehen (ab 30 US$). Die Mitnahme von privaten Kameras auf den Nil empfiehlt sich nicht!
Autor/in: THOMAS SPIELBUECHLER
© SN
|