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In der französischen Region Aquitaine hat der Mensch mit Maß und Ziel in die Schöpfung eingegriffen. Hier wachsen die besten Weine der Welt und der größte Wald Frankreichs - und in Kirchen Verschwörungstheorien
Fff - fffff - fffffffff... jedes Mal das selbe Theater. Die Düne von Pila, unweit des Badeortes Arcachon, ist 117 Meter hoch, 500 Meter breit und 2,7 Kilometer lang. Auch beim fünften Anstieg innerhalb von zehn Jahren stellt sich die Frage: "Warum habe ich wieder die in den Sand gepfählte Holztreppe verweigert?" - "Weil diese Treppe in der Hauptsaison zur Ameisenstraße der Touristen wird und der ,Stairway to Heaven' anders aussieht", antworte ich mir jedes Mal aufmunternd selbst.
Hier plagt sich der wahre Genießer eben an einem beliebigen einsamen Abschnitt der größten Wanderdüne Europas im tiefen Sand dem blitzblauen Himmel entgegen. Und da klingt der Atem spätestens nach zehn Minuten wie der Sand, in dem der Wanderer Schritt für Schritt tiefer einsinkt: "Fff - ffff - fffff."
Die Mühe hat sich spätestens dann gelohnt, wenn der Blick über den Golf von Arcachon schweift. Der Atlantik breitet sich aus. Unendlich dunkelblau. Es sind wohl Tausende Menschen hier oben. Aber sie verlaufen sich, lassen sich treiben. Die einen schlagen Purzelbäume Richtung Meer, andere spielen Fußball, verliebte Pärchen befreien ihre Zehen in trauter Zweisamkeit gegenseitig vom Sand.
Der Gipfel dieser Düne ist magisch. Weil er 2,7 Kilometer lang und 500 Meter breit ist und dort oben jeder Einzelne sein einsames Plätzchen findet. Ein Gipfeltreffen Tausender Genussmenschen sozusagen. Die Düne ist auch noch für ein weiteres Naturwunder verantwortlich: Der größte Wald Frankreichs erstreckt sich am Fuß der Düne landeinwärts: Er wurde vor mehr als 100 Jahren gepflanzt, damit die Wanderdüne endlich sesshaft wird. Wer lässt schon gerne eine Attraktion wie diese weiterziehen?
Nur eine Autostunde von Arcachon entfernt befindet sich das wirtschaftliche Zentrum der Region Aquitaine. Der Name kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Land des Wassers. Reich wurde man hier aber wegen des Weins.
Wo Straßennamen Lokale ruinieren
Bordeaux ist eine seltsame Stadt. Jeder kennt ihren Namen, aber nur wenige haben ein Bild von ihr im Kopf. Bordeaux, das ist und bleibt ein Etikett, auf dem irgendein Weingut abgebildet ist. Dabei ist die Stadt wunderschön. Abgesehen vom direkt an die Altstadt grenzenden Meriadeck-Viertel. Da sieht man, was passiert, wenn Architekten Büro- und Schlafstätten bauen dürfen, in denen sie selbst nie wohnen oder arbeiten würden.
In der Altstadt ist dagegen Lustwandeln angesagt. Hinter jeder Straßenecke gibt es ein malerisches Plätzchen oder ein originelles Gässchen. Die Rue Maucoudinat etwa: Aus dem Gascognischen übersetzt heißt das: "Straße, in der schlecht gekocht wird." Noch vor 200 Jahren konnten solche Namen spontan von schlecht gelaunten Beamten vergeben werden. Einmal schlecht gegessen - und schon hatte die ganze Straße den Salat.
Auch der Ursprung der wehrhaften Stadtmauer aus dem Mittelalter wirkt skurril: Sie diente nicht etwa zum Schutz vor Feinden. Ganz im Gegenteil: Um am lukrativen Weinhandel mit England teilzuhaben, musste man innerhalb der Stadt wohnen. Da wurde eben nicht jeder Franzose rein gelassen.
Auch außerhalb von Bordeaux wird der Tourist Zeuge der Gerissenheit der Bordelais. Bei Nathalie Schyler etwa. Sie besitzt das Chateau Kirwan im Medoc. Es zählt zu den Besten der Region. Schyler erzählt von den goldenen achtziger Jahren.
Verschwörung? Das ist tolles Marketing
"Mein Vater saß stundenlang mit fremden Männern im Salon und redete langweiliges Zeug ", erinnert sie sich. Heute habe sie kapiert: "Das war Marketing!" Mit Schrecken liest sie in diesen Tagen Horrormeldungen, dass immer mehr Wein aus Bordeaux zu Industriealkohol verarbeitet wird, weil die Nachfrage sinkt. Sie hat ihre Lektion gelernt und preist nun statt der Rebsorten, die ohnehin schon in aller Welt vinifiziert werden, lieber die Steine ihres Grundstücks an. "Die 'abe viele Information gespeischerd", sagt sie und kurioserweise gibt ihr die Fachpresse bereits recht. Eines Tages werden ihre Kinder sagen: "Das war langweilig. Aber das war Marketing!"

Den Top-Winzern rund um St. Emilion geht es vergleichsweise gut. Dieses mittelalterliche Juwel liegt malerisch inmitten der Weinberge. Als wichtigste kulturelle Sehenswürdigkeit gilt die monolithische Kirche, die im 12. Jahrhundert aus dem Kalkstein geschlagen wurde.
"In dieser Kirche ist alles verkehrt", sagt Patrick vom Fremdenverkehrsverein in perfektem Deutsch. "Statt dem Kreuz wurden ein Wolf und ein Musikant über dem Altar in Stein gehauen. Die Treppen, die zum Altar hinaufführen, werden mit jeder Stufe breiter. Normal werden sie kleiner." Der erstaunliche Rundgang geht weiter: "Gegen Norden wurde das Sternzeichen Schütze in den Fels gehauen, gegen Süden das Sternzeichen Zwilling." Nur eine einzige in Stein gehauene Figur erinnert an eine katholische Kirche: ein Engel. "Aber warum zielt der Schütze ausgerechnet auf den Engel?", frage ich Patrick. "Zufall?", fragt er zurück. "Aber kurios ist auch, dass der Altar nicht nach Osten, wie sonst üblich, ausgerichtet ist, sondern nach Westen", beginnt er zu grübeln. "Klarer Fall", sage ich im Scherz zu ihm. "12. Jahrhundert: Das war eine okkulte Templerkirche." "Aber nein", sagt Patrick. "Bei diesem Felsen gab es keine andere Möglichkeit, als den Altar nach Westen auszurichten." "Wer macht sich die Mühe und tut sich diese Arbeit an, wenn er weiß, dass der Altar falsch ausgerichtet werden muss?", frage ich noch gelangweilt.
"Sie haben recht", sagt Patrick. "Ich weiß nicht, ob wir das beweisen können. Aber das wird ..." "... tolles Marketing?", frage ich. "Mais oui: Tolles Marketing!"
INFO AQUITAINE Genuss Im Bordelais gibt es mehr als 8000 Weingüter. In der Bucht von Arcachon werden jährlich drei Milliarden "Austernbabys" gezüchtet. Empfehlenswerte Weingüter: Führungen und Verkostungen im Chateau Kirwan (33460 Cantenac), die "Schloßherrin" Nathalie Schyler bietet auch Picknicks im Park an. Übernachten im Weingut: Chateau Franc-Mayne (2, La Gomerie, 33333 Saint Emilion), Gästezimmer im Chateau Monlot (Saint Hippolyte), Gästezimmer im Chataeu Franc Pourret (Saint Emilion). Tipp: Planete Bordeaux. Weinmuseum auf halbem Weg von Bordeaux nach Saint Emilion mit Lehrpfad sowie einer Auswahl von 1001 Lagen, sensationell günstig (Flasche 4 bis 13 Euro ).
Reisetipp Vom 22. Oktober bis zum 12. November bietet Raiffeisen Reisen sieben Charterflüge mit NIKI von Wien nach Bordeaux (jeweils mit vier oder fünf Tagen Aufenthalt und wechselndem Programm).
Allgemeine und kostenlose Reiseinformation erhalten Sie bei der Masion de la France (Lugeck, 1/1/7, 1010 Wien) .
Autor/in: PETER GNAIGER
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