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Reiseberichte

Ein Vorurteil in der Sackgasse
22. Juli 2006
Prosecco ist perlender Zeitgeist. Zeitlos erscheint jedoch die Region, in der die Modetraube gedeiht. Das zeigt eine Reise auf der "Strada del Prosecco".

Es fällt nicht leicht, die Überraschung zu verbergen, als die Kellnerin der "Locanda da Condo" mit einem Lächeln auf den Lippen eine randvoll gefüllte Ein-Liter-Karaffe auf den Tisch vor den Gast stellt. Dieser lächelt zurück, schmunzelt aber insgeheim über sich selbst. Aus seiner Salzburger Heimat ist er daran gewöhnt, auf die Bestellung "Einen Prosecco bitte!" eine "Apothekerdosis" im edlen Designerglas serviert zu bekommen. Nunmehr stehen ein voller Krug und ein einfaches Wasserglas vor ihm. Was eigentlich als Aperitif gedacht war, wird zwangsweise zum Begleiter für ein mehrgängiges Abendessen. Eine gewisse Skepsis macht sich breit.

Die "Locanda da Condo" findet sich in Col San Martino, einem Weindorf wenige Kilometer westlich von Valdobbiadene. Dort beginnt bzw. endet - je nach Betrachtungsweise - die "Strada del Prosecco". Auf 33 Straßenkilometern sollen Besucher die Welt "des perlenden Golds des Veneto", gemeint ist natürlich Prosecco, erkunden. Was auf Grund der geringen Distanz nach einer halbtägigen Tour klingen mag, kann sich mit all den Abstechern, Umwegen, Zwischenstopps und spontanen Schlenkern zu einem mehrtägigen Marathon ausweiten - ein Privileg des motorisiert Reisenden.

Radfahrern kann eine derartige Vorgangsweise des Sich-Treiben-Lassens nur bei überdurchschnittlicher Kondition empfohlen werden. Die Topographie der Landschaft erinnert nämlich stark an das steirische Sausal: Dicht drängt sich ein Hügel an den nächsten, dazwischen einige kleine Weiler, viele Weinberge, etwas Wald und schmale, kurvenreiche Straßen, die beträchtliche Steigungen überwinden. Der Verkehr hält sich glücklicherweise in Grenzen - auch an Wochenenden.

Als Ausgangspunkt für die Tour auf der "Strada del Prosecco" bietet sich die Stadt Conegliano an, die einst als "Weinkeller" der nahe gelegenen Lagunenstadt Venedig galt. Dass die geschäftige Prosecco-Metropole, in der heute rund 35.000 Einwohner leben, im Lauf ihrer Geschichte nicht nur kulinarische Bedeutung hatte, dokumentiert die stattliche Burg, deren Besichtigung ebenso zum touristischen Pflichtprogramm gehört wie jene des Doms und der Sala dei Battuti mit Fresken von Francesco da Milano. Apropos, kunsthistorisch interessierte Besucher erwartet an der Prosecco-Weinstraße eine Vielzahl an Sehenswürdigkeiten.

Einer der schönsten Kreuzgänge Italiens

Hauptattraktion ist die Zisterzienserabtei von Follina, deren 1268 errichteter Kreuzgang mit seinen schlanken, völlig unterschiedlich gestalteten Säulen zu den schönsten in ganz Italien zählt. Ein Kleinod sakraler Baukunst, das in vielen Reiseführern mit keiner Zeile erwähnt wird, findet sich in den Hügeln des Feletto. Es handelt sich um die reich mit Fresken geschmückte Kirche San Pietro di Feletto. Die kunstgeschichtlich wertvollen Wandmalereien, die zwischen dem 12. und dem 15. Jahrhundert entstanden sind, wurden erst 1954 entdeckt und zwischenzeitlich auch restauriert. Eine Kuriosität prangt an der Kirchenfassade. Es handelt sich um die überlebensgroße Darstellung des "Sonntagschristus". Das Bild signalisierte den Kirchgängern in naiv volkstümlichen Darstellungen ganz deutlich, was sie am Sonntag alles nicht tun durften. Die Bandbreite reicht vom Bestellen der Felder über verschiedenste handwerkliche Arbeiten bis zum Geldwechsel. Jeder Bruch eines dieser Verbote fügt Christus eine Wunde zu, wie die drastischen Illustrationen vor Augen führen. Was bedeutet aber das Pärchen, das zu Füßen des Leidenden in einem Bett liegt? Gilt der Sonntag nicht als Tag des Ausruhens? Eine Ordensschwester, welche die Kirche für die Sonntagsmesse vorbereitet, hilft bei der Lösung des Rätsels: Damit seien "Liebesdienste" gemeint ...

Da nichts auf dem Fresko darauf hindeutet, dass auch Reisen am Sonntag unerwünscht sei, geht es ruhigen Gewissens weiter nach Refrontolo. Dort lockt die Molinetto della Croda besonders an Wochenenden Ausflügler aus nah und fern an. Das Ensemble mit der alten Mühle, einem zwölf Meter hohen Wasserfall und dem satten Grün der Laubbäume ringsherum erweckt in seiner Schönheit den Eindruck, als wäre es direkt einem Bilderbuch entsprungen. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass es sich um einen der wenigen ländlichen Nutzbauten des 16. Jahrhunderts handelt, die in der Region noch erhalten sind. Bis 1954 mahlten die Mühlsteine hier Getreide, anschließend war das Bauwerk dem Verfall preisgegeben. Seit der Sanierung fungiert die Mühle als Museum.

Dieses ist aber nur eines von vielen lohnenswerten Ausflugszielen entlang der "Strada del Prosecco". Das winzige Weindorf Rolle zählt ebenso dazu wie der für seine Kastanienmarmelade bekannte Ort Combai oder das Städtchen Valdobbiadene. Nur der Begriff Prosecco lässt sich auf der Straßenkarte nirgends finden. Der perlende Wein ist nämlich nicht nach einer Region oder einem Ort, sondern nach einer Rebsorte benannt.

Deren Ruf hat in den vergangenen Jahren unter den Schleuderpreisen der Diskontmärkte, wo die Flasche für 1,49 Euro im Regal steht, stark gelitten. "Solche Weine haben mit richtigem Prosecco nicht viel gemeinsam", betont Fausto Canel von der "Cantina Adamo Canel" in Col San Martino, die für Besucher ihre Pforten öffnet.

Wer die feinen Aromen der Prosecco-Traube sowie die raffinierte Balance von Frucht und prickelnder Kohlensäure genießen will, der muss zwischen sieben und zwölf Euro pro Flasche investieren. Ein Qualitätskriterium ist übrigens die Jahrgangsangabe auf der Flasche. Bei Prosecco handelt es sich nämlich ähnlich wie bei Lambrusco oder Schilcher um einen Wein, der unbedingt frisch getrunken werden sollte und bereits nach einem Jahr beginnt, seine Fruchtigkeit einzubüßen. Billigprodukte aus dem Supermarkt weisen in den meisten Fällen keine Information über den Jahrgang auf und dementsprechend schmecken sie dann auch.

Prosecco zum Arme-Leute-Gericht

Zurück in die "Locanda da Condo": Bereits beim Antipasto beginnt die Skepsis zu schwinden. Zu "Salame fresco all'aceto e cipolla" (warme Salami in Essigmarinade mit Zwiebeln) passt der Prosecco ebenso gut wie zur "Piatto povero della casa", einem einstigen Arme-Leute-Gericht aus der Region. Es handelt sich dabei um geräucherten Ricotta-Käse, der in einer Tonschüssel gratiniert und in dieser auch serviert wird. Als Hauptspeise folgt "Petto di faraona con salsa peverada" (Perlhuhnbrust mit Ragout), und wieder erweist sich der Prosecco als idealer Begleiter - das kulinarische Ende eines Vorurteils!

INFO PROSECCO-WEINSTRASSE
Anreise
Mit dem Auto von Salzburg  auf der  Tauernautobahn nach Palmanova und weiter über Portogruaro nach Conegliano (420 km, etwa 4 Stunden Fahrzeit). Von Wien über die A2 (Richtung Graz) nach Conegliano (590 km, 6 Stunden).

Weinstraße
Die in ihrer heutigen Form 2003 ins Leben gerufene „Strada del Prosecco“ führt von Conegliano über 33 km nach Valdobbiadene. Weinfeste
An den ersten beiden Septemberwochenenden findet in der Villa dei Cedri  in Valdobbiadene eine nationale Schaumweinausstellung statt.  In der zweiten Septemberhälfte steht  Conegliano im Zeichen eines Weinfestes.

Touristeninformation
Info-Conegliano, Via XX Settembre 61, 31015 Conegliano, E-Mail: iat.conegliano@provincia.treviso.at, Telefon: 0039/0438/21230.

MICHAEL STADLER

© SN

 

diese seite | 24.07.2006 | 13:19

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