|
Für die meisten Taucher ist es der Traum ihres Lebens, einmal dem größten Fisch der Welt zu begegnen – zum Beispiel auf den Malediven.
Noch ist der Fisch ein Schatten. Ein Schatten, der alles Licht, jede Bewegung und jedes Geräusch im Riff schluckt. Ein Schatten, so groß wie ein Bus. Zehn Jahre habe ich nach diesem Fisch gesucht, in allen tropischen Meeren dieser Welt. Ich bin in Weltkriegswracks getaucht, in den Korallengärten des Pazifiks und in den Ruinen der Unterwasserstadt von Jaques Costeau im Sudan. Doch die Begegnung mit dem größten Fisch der Welt ist ein seltenes Erlebnis und ist das Größte, was einem Taucher passieren kann.
Mantarochen, gewaltige Haie und jagende Tunfische habe ich gesehen, mächtige Delfinschulen an den Riffen Ägyptens, die fast ausgestorbenen Seekühe, Grindwale im Norden der Malediven. Doch jedes Mal, wenn ich ins Wasser sprang, hoffte ich, diesen Schatten zu sehen, der sich jetzt vor mir aus dem Blau des Ozeans schält. Die Suche ist beendet. Nichts kann mir den Moment mehr nehmen. Ich sauge Pressluft aus der Flasche wie ein Ertrinkender, mein Herz pumpt auf Hochtouren.
Der Walhai ist der größte Fisch, der durch die Ozeane zieht. Bis zu 16 Meter wird er lang, das ist Schiffsgröße, zwölf Tonnen schwer, das entspricht sechs Mercedes-Limousinen. Allein sein Maul ist so breit, wie kleine Männer groß sind. Der Walhai ist der Fisch, der den biblischen Jonas schluckte und doch nicht verschlang – denn anders als die meisten seiner Art ist der Walhai kein Räuber. Der Größte ernährt sich vom Kleinsten, dem Krill und dem Plankton, winzigen Krebstieren und Fischlarven, die in gigantischen Teppichen durch die Meere treiben. Ihnen folgt der Walhai von Kontinent zu Kontinent, filtriert Tag und Nacht hunderte Kilogramm Nährstoffe aus dem Wasser. Wir sind am südöstlichen Außenriff des Ari-Atolls auf den Malediven. Das langgestreckte Riff mit seiner leichten, aber stetigen Strömung ist einer der besten Plätze auf der Welt, den Walhai zu entdecken – die anderen liegen am Ningaloo-Riff in Australien, am Richelieu-Rock vor Thailand und im Mozambique-Channel. Doch sicher ist eine Begegnung nie. Commandante Costeau sah in 20 Taucherjahren nur zwei Exemplare. Der Walhai ist ein scheuer Riese, und er ist selten geworden. Denn der Gigant hat keine natürlichen Feinde, nur die größte Bestie, die die Evolution hervorgebracht hat, stellt ihm nach, jagt und tötet ihn: Es ist der Mensch.
Der Walhai ist ein scheuer Riese
Auf dem Oberdeck unseres kleinen Schiffes steht Jochen Gommers aus Goch am Niederrhein. Seit acht Jahren lebt er auf Angaga, einer Spiegelei-Insel in der Mitte des Atolls, leitet dort die SubAqua-Tauchbasis. Hochkonzentriert suchen seine Augen die unterseeischen Schatten des Riffs ab. Da – eine Bewegung. Doch es ist nur eine Schildkröte beim Luftholen. Der Fleck – dort! Nur ein Korallenstock. Der schwarze Schatten – dort! Nein, es ist nur ein Manta. Manchmal, erzählt Gommers, zählt er neun Walhaie pro Tag. Dann wochenlang keinen einzigen. Meistens bleibt der Fisch ein Phantom.
Wie oft habe ich mir den Moment der Begegnung ausgemalt! Doch jetzt schmilzt alle Phantasie zu Lächerlichkeit. Der Fisch ist groß, groß, groß. Als ich sein Maul schon sehe, ist die mannshohe Schwanzflosse im planktontrüben Wasser noch nicht auszumachen. Der Schlund könnte mich verschlucken, wäre er geöffnet, der flache Schädel hat die Ausmaße einer kleinen Terrasse. Sein Leib ist dunkelblau mit den charakteristischen weißen Punkten. Sie machen es fast unmöglich, den Walhai von der Wasseroberfläche aus zu orten. Der Gigant tarnt sich nahezu perfekt als Woge, auf der sich das Sonnenlicht bricht.

Leider nicht gut genug für die menschlichen Jäger auf den Philippinen, in Taiwan und Indien, wo jährlich allein mehr als 1200 Tiere abgeschlachtet werden. Die Fangmethode: Effizient und bestialisch. Ein Fischer springt auf das Tier und treibt ihm eine Harpune in den Körper. Dann werden Löcher in das Maul gebohrt, ein Tau durchgezogen und der sterbende Walhai bis in den Heimathafen der Mörder geschleppt. 15 US-Dollar ist ein Kilogramm seines Fleisches wert – vor allem in Japan ist der „Tofu-Hai“ eine perverse Delikatesse wider jede Vernunft.
Fast endlos dauert es, bis der Hai uns passiert hat. Fassungslos hängen wir im Wasser und sehen, wie das Tier an uns vorbeizieht – mühelos, ohne den Schlag einer Flosse. Ein unterseeischer Güterzug, gezogen auf einer unsichtbaren Schiene, trotz seiner schier unglaublichen Größe mit einer Grazie, wie sie nur die Haie besitzen. Dann ist da nur noch der gewaltige Schwanz, der erst wieder zum Schatten und zum Nichts wird.
Was in diesem Moment bleibt, ist die Erinnerung an den Blick in die winzigen Augen des Walhais. Da war keine Reaktion. Das Ende meiner langen Suche war für den Fisch nichts als die flüchtige Begegnung mit einem Hindernis auf der endlosen Reise ohne Ziel.
INFO MALEDIVEN Veranstalter Viele Veranstalter haben die Malediven im Programm, z. B. bietet Meier’s Weltreisen im September und Oktober 2006 14 Tage im Deluxe-Doppelzimmer/HP mit Abflug ab München um 1594 Euro an.
Auskünfte Fremdenverkehrsamt Malediven, Bethmannstr. 58, D-60311 Frankfurt, Tel. 0049/69/274044-20, maldivesinfo.ffm@t-online.de, www.visitmaldives.com.
Klima Tropisch mit Jahresdurchschnittstemperaturen von 28–31°C (nachts zwei bis drei Grad kühler) und Luftfeuchtigkeit zwischen 75 und 80%, beste Reisezeit von September bis Ende März.
Währung Landeswährung ist der Rufiyaa. 1 Euro = 16,05442 Maledivische Rufiyaa (MVR). Auf Touristeninseln sollten US-Dollar in kleinen Scheinen mitgeführt werden.
Gesundheit Impfung gegen Hepatitis A und Hepatitis B wird empfohlen, ggf. auch gegen Typhus.
Autor/in: Peter Huth
|