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Umgebindehäuser - eine Kombination aus Fachwerk- und Blockhäusern prägen die sächsische Oberlausitz.
So könnte es gewesen sein vor reichlich 1000 Jahren: Als fränkische Siedler in die slawischen Gebiete östlich der Elbe eindrangen, brachten sie von dort ihre Fachwerkbauweise mit. Die ansässigen slawischen Stämme hingegen bauten Blockhäuser. Beide Techniken hatten Vor- und Nachteile: Massive Blockhäuser lassen sich hervorragend klimatisieren - sie bleiben im Sommer kühl, im Winter halten sie gut die Wärme, müssen aber schon wegen der begrenzten Länge der Balken relativ klein bleiben. Mit Fachwerk dagegen lassen sich große Gebäude "zusammensetzen", die aber wesentlich klimaanfälliger sind. Was also lag damals näher, als die Vorteile beider Varianten zu verbinden?
Das ist nur eine der Theorien, wie es zu den Umgebindehäusern gekommen sein könnte, aber die praktischen Ergebnisse sind bis heute zu sehen: Blockstuben, die nur an den Fundamenten und an der Decke mit dem umlaufenden (also "umgebundenen" - daher der Name) Fachwerk verbunden sind, aber ansonsten frei stehen - ungefähr so, als würde man eine massive Kiste in ein Käfiggitter hineinstellen.
Als sich nach dem 30-jährigen Krieg in der Oberlausitz die Heimweberei mit ihren schweren Webstühlen etablierte, zeigte sich noch ein weiterer Vorteil der Bauweise: Die Vibrationen, die von den Maschinen ausgingen und sonst das ganze Haus erschüttert hätten, wurden von der Blockstube isoliert - zu Gunsten der Statik und zum Nutzen des Geschäfts.
Vielleicht liegt es an dieser wirtschaftlichen Komponente - in einem der Industriedörfer des Gebiets, Spremberg, wurden 1875 über 1000 Webstühle gezählt -, dass die Bauform zwar zwischen Schlesien, Böhmen und Thüringen verbreitet ist, aber nirgendwo häufiger als im Gebiet um Bautzen, Löbau und Zittau in der Nähe des heutigen Dreiländerecks Polen-Tschechien-Deutschland.
Aufwändiger Häuserschmuck
Rund 5000 Umgebindehäuser - ein reichliches Viertel des Gesamtbestandes - sind hier noch zu finden, von winzigen Hütten bis zu Großbauern- und Beamtenhäusern. Die größten haben über 20 jener das Erdgeschoß umlaufenden Joche, an denen selbst Kinder sofort ein Umgebindehaus erkennen. In manchen ehemals reicheren Orten wie Waltersdorf werden sie mit prächtigen Sandsteinportalen verziert, anderswo schmücken aufwändige Schieferverkleidungen oder Sonnenuhren die oberen Etagen.
Auch das Umgebinde selbst kennt verschiedene Formen. Bei den meisten Häusern sind die Joche durch elegante Halbkreisbögen verbunden, aber diese geschmeidige Gestaltung kam erst in der Barockzeit auf; bei älteren Häusern werden die Stützsäulen nur durch Diagonalstreben mit den aufliegenden Balken verbunden.
Gerade in dieser Vielfalt ist die Bauform ein Ausdruck regionaler Identität geworden. Ob in den Großdörfern, die die weiten Täler zwischen den waldbedeckten Hügelzügen des Lausitzer Granitberglandes füllen, oder an den Hängen des Zittauer Gebirges - einem Miniatur-Mittelgebirge, das nur aus einem einzigen Bergkamm besteht -, die fast immer zweistöckigen malerischen Häuser geben Dörfern wie Obercunnersdorf, Bertsdorf oder Jonsdorf und Kleinstädten wie Ebersbach und Großschönau ihr unverwechselbares Profil.
Das natürlich besonders dort, wo man sich um die Erhaltung des ursprünglichen Zustandes bemüht. Nachdem hier zu DDR-Zeiten vieles improvisiert und mangels geeigneter Materialien auch manches verdorben wurde, sind die Probleme, vor denen jetzt die meist privaten Bauherren stehen, anderer Art.
Ursprünglichen Zustand erhalten
"Manche Auflagen bei der Ausreichung von Fördermitteln für die Gebäudesanierung, die bei anderen Haustypen gut funktionieren, sind in Umgebindehäusern schädlich", sagt der Architekt und Denkmalpfleger Knut Wolf, der selbst in einem solchen Gebäude wohnt. "Dabei geht es nicht nur um die Ästhetik wie beim Einbau moderner wärmedämmender Fenster, die das alte Aussehen zerstören, sondern eben auch darum, dass eine Zentralheizung in der Blockstube nach und nach das Holz austrocknet und dann irgendwann der Wind durch die Fugen pfeift."
Es ist ein ständiger Balanceakt, eigene Wohnbedürfnisse, Denkmalschutz und öffentliche Fördermöglichkeiten zusammenzubringen; auch deswegen bilden die Eigentümer über die Orte hinweg eine Art Clan, der sich gegenseitig aushilft und berät. Ausziehen aber will kaum einer von ihnen wieder; Gemütlichkeit, Geborgenheit und die "Individualität" des Gebäudes zählen höher. Eher ist das Gegenteil der Fall: Zunehmend werden Umgebindehäuser oder Teile von ihnen als Ferienhäuser zugänglich gemacht.
Für Urlauber, die abseits der üblichen Wege und zu sehr zivilen Preisen Ruhe suchen, sind sie ideale Refugien: Zum einen kann man ganz für sich allein sein und wunderbare Aussichten genießen; im Zittauer Gebirge gibt es sogar Sandstein-Kletterfelsen ähnlich denen in der "Sächsischen Schweiz".
Zum anderen aber sind die malerischen und historisch hochinteressanten Städte Görlitz - mit dem reichsten Renaissance-Häuserbestand Deutschlands -, Bautzen und Zittau, bei einigen Kilometern mehr auch Prag, Dresden und Breslau nicht weit.
Und wenn es eine Region gibt, in der das neue, erweiterte EU-Europa sozusagen mit Händen zu greifen und im positiven Sinne alltäglich ist, dann hier am Dreiländereck, wo es in der "Euroregion Neisse" zwischen Niederschlesien, Böhmen und der Lausitz viele grenzüberschreitende Projekte gibt, nicht zuletzt auf den Spuren der langen gemeinsamen Geschichte: 460 Jahre lang, bis zum 30-jährigen Krieg, gehörte die Lausitz zu Böhmen und wurde von Prag aus regiert. Wer also will, kann hier zwar seine Ruhe haben - aber langweilen muss man sich bestimmt nicht...

INFO UMGEBINDEHÄUSER Anreise In die Oberlausitz gelangt man per Zug oder Flugzeug über Dresden, von wo Bahnrouten sowohl nach Görlitz als auch nach Zittau führen. Autofahrer können sich ebenfalls über Dresden bewegen (ab München weiter über A93 bis Dreieck Vogtland - A72 bis Dreieck Chemnitz - A4) und dann weiter via Bautzen-Görlitz. Alle Autobahnabfahrten, die ab Bautzen südwärts Richtung Tschechien führen (z. B. B 96 und B 178), berühren das Umgebindegebiet. Kürzer, aber nicht so komfortabel ist der Weg durch Tschechien via Prag-Liberec und dann bei Zittau über die Grenze.
Wohnen Originale Umgebindehäuser sind z. B. die schon seit 1718 bestehende "Dammschenke" in Jonsdorf (DZ inkl. Frühstück 54 bis 66 Euro, Tel.: 0049/35844/72777), die Romantikhäuser "Lindengarten" und "Immergrün" im gleichen Ort (58 bis 70 Euro) oder in Waltersdorf das Wanderhotel "Sonnebergbaude" (54 Euro) und das "Quirle Häusl" (70 bis 76 Euro).
Auskünfte Über Pensionen, Privatquartiere und andere Fragen zum Umgebindeland gibt die Verkehrsgemeinschaft Zittauer Gebirge Auskunft, die außer in der Woche auch samstags von 9 bis 14 Uhr und sonntags von 13 bis 16 Uhr erreichbar ist: Tel.: 0049/3583/752200 oder 7521379, Fax 752161, E-Mail: info@zittauer-gebirge-tour.de oder tourist-info@zittau.de.Informationen per Internet: www.zittauer-gebirge-tour.de oder www.umgebindeland.de
Autor/in: GERALD FELBER
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