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Reiseberichte

Ein Hoch auf die Hebriden
24. Juni 2006
Die Hebriden gelten als Gegenstück der Azoren. Von der schottischen Inselgruppe nehmen die berüchtigten atlantischen Tiefs ihren Ausgang.

Wenn im Nordstau der Alpen der Regen wieder einmal kein Ende nehmen will, dann ist es Zeit für einen Gegenbesuch. Die Hebriden gelten als die Wiege des "atlantischen Tiefs aus Schottland". Wenn aber dieses gerade Österreich heimsucht, dann müsste es eigentlich vor der schottischen Westküste ...

Der Gedanke entpuppt sich als meteorologischer Trugschluss. Das zeigt sich gleich bei der Überfahrt mit der kleinen Autofähre von Glenelg nach Kylerhea. Der Regen prasselt auf das kleine Schiff, das ein halbes Dutzend Autos auf die Insel Skye transportiert. Seit 1630 besteht auf dieser fünfminütigen Route eine permanente Fährverbindung. Ob ihre Tage gezählt sind, wird die nahe Zukunft zeigen. Seit 1996 führt nämlich eine Brücke auf die größte Insel der Inneren Hebriden. Dass diese auch als "misty island" bezeichnet wird, ist alles andere als Zufall. Dennoch zählt Skye zu den beliebtesten Reisezielen Schottlands. Besuchern steht eine entsprechend ausgeprägte Infrastruktur mit Hotels, Restaurants, Geschäften, Verkehrsverbindungen, Wanderwegen und Freizeitangeboten zur Verfügung.

Wer es einsamer haben möchte, der kann ja auf eine der mehr als übrigen 500 Hebrideninseln ausweichen. Lediglich 65 von ihnen sind bewohnt - Tendenz sinkend. Abgesehen vom Tourismus bieten lediglich die Fischerei, Landwirtschaft und Tweed-Produktion einige Arbeitsplätze. Viele junge Menschen sehen sich gezwungen, aufs Festland zu übersiedeln, während die Älteren an ihren Traditionen festhalten.

Kein Ausdruck für "tomorrow" nötig

Nicht ohne Stolz wird auf Lewis die Geschichte eines englischen Großindustriellen erzählt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Versuch, die Land- und Forstwirtschaft auf den Hebriden zu modernisieren, an der Mentalität der Einheimischen scheiterte. Als er diese fragte, was "tomorrow" auf Gälisch heiße, wurde ihm erklärt, dass hier auf den Inseln kein Ausdruck "für so etwas Eiliges" benötigt werde.

Zumindest auf Skye, wo rund 8000 Menschen leben, hält während der kurzen, touristischen Sommersaison emsige Geschäftigkeit Einzug. Wer sich abseits der Trampelpfade zwischen der Inselhauptstadt Portree und Dunvegan Castle bewegt, wird auch im Sommer auf der nach Eigenwerbung "schönsten Insel Schottlands" viele einsame Ecken vorfinden. Als einzigartig gilt die zerklüftete Küste, die eine Länge von 1600 Kilometer aufweist. Bei einer 80 langen und 30 Kilometer breiten Insel erscheint dies geradezu als rekordverdächtig. Angeblich existiert auf der Isle of Skye kein Ort, der mehr als acht Kilometer vom Meer entfernt ist.

Wer Skye besucht, der kommt wegen der faszinierenden Naturkulisse, die sich am besten mit Wanderschuhen erleben lässt. Routen entlang von Flüssen, rund um kleine Seen - empfehlenswert: Loch Coruisk - und auf Küstenpfaden führen oftmals in eine von Menschenhand kaum berührte Wildnis. Von Unkraut überwucherte Ruinen einstiger Wohnhäuser führen vor Augen, dass die Unwirtlichkeit, die Reisende als wildromantisch empfinden, auch andere Seiten hat.

Im Gegensatz zu den übrigen Hebrideninseln wartet Skye mit einer richtigen Bergwelt auf. Bei der zweiten Wanderung auf Pfaden durch die Cuillin Mountains klappt es dann auch endlich mit dem Wetter. Hatte bei der Tour zwei Tage zuvor die Sonne vom Himmel gelacht und blauer Himmel die Kulisse für die mehr als 20 knapp 1000 Meter hohen Gipfel geboten, so beherrscht nunmehr ein Regen die Szenerie, den die Einheimischen "drizzle" nennen. Diese Mischung aus Niederschlag und Nebelsuppe verleiht der Landschaft jenen mystisch-wildromantischen Reiz, für den die Hebriden berühmt sind. Heinrich Bölls meteorologische Aufzeichnungen in seinem "Irischen Tagebuch" können für die schottischen Insel eins zu eins adaptiert werden: "Der Regen hier ist absolut, großartig und erschreckend. Diesen Regen schlechtes Wetter zu nennen, ist so unangemessen, wie es unangemessen ist, den brennenden Sonnenschein schönes Wetter zu nennen."

HEBRIDEN-INFO
Anreise
Mit dem eigenen Fahrzeug zeitintensiv (für die knapp 2000 km lange Strecke müssen mehr als 20 Stunden einkalkuliert werden). Alternativen: Bahn, Flug.

Währung
Britische Pfund: 1 Euro = 0,68 Pfund, 1 Pfund = 1,46 Euro.

Reiseführer
Reisehandbuch "Schottland" von Andreas Neumeier (Verlag Michael Müller, 22,90 Euro). Zum Wandern: Die Guides "Selected Walks - Northern Skye" und "Selected Walks - Southern Skye" sind auf Skye in Tourist-Info-Büros erhältlich.

Autor/in: MICHAEL STADLER

© SN

 

diese seite | 26.06.2006 | 12:57

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