|
Im Südosten Polens, an der Grenze zur Ukraine, begegnen sich unterschiedliche Nationen, Kulturen und Religionen, Fortschritt und Rückständigkeit.
Wie kommt man in die Ukraine, ins ehemalige Ostgalizien? Über Budapest natürlich, denn die Flüge nach Lemberg sind für manche zu teuer. Einmal mit einem russischen Schlafwagen über die ungarische Grenze fahren - in Waggons mit Teppichen, vor den Fenstern rote Vorhänge mit Bordüren und Kunstblumen am Gang.
Aber der Schein trügt, die Hygiene bleibt auf der Strecke, die Spurweite der Schienen ist in der Ukraine anders als in Ungarn. Was zur Folge hat, dass zwischen Mitternacht und drei Uhr früh die Räder gewechselt werden. Da schleicht man, steht, ruckelt und zuckelt, wird gebeutelt und darf nicht aufs Klo. Für läppische siebenhundert Kilometer werden erst einmal drei Stunden von Wien bis Budapest benötigt, dann weitere vierzehn Stunden.
Warum sich solches antun? Aus beruflichen und/oder privaten Interessen, auf der Suche nach Vorfahren, auf den Spuren der Monarchie, um literarische Landschaften zu entdecken. Sogar auf kulinarischen Pfaden wird gewandelt. Die beste Suppe heißt "Soljanka", die unterschiedlich gefüllten Teigtaschen "Variniki". Auf diesen befindet sich viel Butter und gebratene Zwiebel. Die kleinen Palatschinken mit Topfen oder Rahm sind "Mlinis".
Für Geschichte ist eine private Reiseleiterin, die Schriftstellerin Claudia Erdheim, zuständig, die dieses vergessene Land vier Jahre lang ergründet hat. Außerdem ist die Vergangenheit in jedem Reiseführer nachzulesen. Fakt aus der Neuzeit: Am 24. August 1991 ist aus der Westukraine der selbstständige Staat Ukraine geworden. Heute ist noch ein Destillat der Rassen und Religionen, der Künstler, Handwerker und Bauern, der Herrschaften und der Unterdrückten wahrzunehmen. Der, die kamen, und der, die gegangen sind. Aus all dem besteht die Fiktion Galizien heutzutage, vor allem aber aus den Menschen: Polen, Juden, Deutsche, Armenier, Ruthenen, Huzulen (ehemals Halbnomaden aus den Karpaten), die sich alle weigern, Russisch zu sprechen. Denn Ukrainisch ist eben anders.
Lemberg erlebt eine Auferstehung
Frau Erdheim kann Gott sei Dank beide Sprachen. Also stehen wir am prachtvollen Lemberger Bahnhof, dem einst größten der Monarchie, im Herzen und der Hauptstadt Ostgaliziens. Die heute noch multiethnische Großstadt erlebt eine Auferstehung, hat aber bis zur vollständigen Genesung von all zu häufigen Übergriffen noch einen weiten Weg. Alte Häuser, räudig von Wind und Wetter der Jahrzehnte, neben polierten Fassaden der renovierten Gebäude mit Orgien an Jugendstil-Arabesken. Lemberg, eine Stadt voller Kirchen, in barocker Korpulenz, zierlicher Renaissance; beeindruckend die Armenische Kirche aus 1363 mit der herrlichen Akustik und einem prächtigen Rokoko-Schnitzwerk im Innenhof.
In der einzig erhaltenen chassidischen Synagoge befindet sich heute das Jüdische Kulturzentrum der Stadt. Für so manche geraten die Straßenschilder zu Hieroglyphen, weil sie cyrillische Buchstaben nicht deuten können. Aber wir finden uns in der Altstadt, die samt der St.-Georgs- Kathedrale zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt worden ist, gut zurecht. Wir wohnen sogar am Rynek, einem Geviert aus alten, großteils revitalisierten Bürgerhäusern, im Zentrum das Rathaus, von dessen Turmplateau das historische und das moderne Lemberg zu erspähen ist, wenn man 603 Stufen erklimmt.
So einen Ring- oder Marktplatz gab es in jeder galizischen Stadt, natürlich auch in Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, und in vielen kleinen "Schtetln", wie Drohobycz einmal eines gewesen ist, bevor dort der Run nach dem Erdöl begonnen hat. Aber die Lemberger Oper am Stadtboulevard ist einmalig in Galizien und gehört zu den schönsten Opernhäusern Europas. Sie befindet sich an einem Ende des so genannten Prospekt Svobody, einer Prachtstraße über dem Flussbett der Poltava, und wurde 1897 bis 1900 erbaut.
Überall wird renoviert, Straßenpflaster und Gehsteige sind mitunter in Stadt und Land unbegeh- und unbefahrbar. Eben ist der Madonnenbrunnen geweißelt worden und Maria, die Beschützerin der Stadt, erstrahlt wie neugeboren. Sie stand früher im Zentrum des Marienplatzes, musste aber zur Seite rücken und dem polnischen Dichter Adam Mickiewicz Platz machen.
Dichter und Denker sind allgegenwärtig
Allgegenwärtig ist auch der Nationaldichter Schewtschenko, der als Begründer der ukrainischen Literatursprache gilt. Nach ihm wurde auch ein Prospekt benannt. Seine riesenhafte Statue findet man sowohl in Lemberg als auch in Czernowitz.
Man würde mehr Zeit brauchen, die gefesselte Zeit Galiziens zu entwirren, ihre Dichter zu lesen, allen voran Karl Emil Franzos, Josef Roth, Leopold von Sacher-Masoch, Rose Ausländer, Paul Celan, Ivan Franko, Alexander Granach, nicht zuletzt Manés Sperber und Bruno Schulz. Der polnische Jude Schulz aus Drohobycz ging ins dortige k.k. Franz-Josephs-Gymnasium, wo er später als Kunsterzieher tätig war, und studierte zwei Jahre an der Wiener Kunstakademie. Er war Literat und Maler, den sich heute die Polen an ihre Fahne heften und wurde von den Nazis auf offener Straße erschossen.
Es ist Unfassbares geschehen in diesem Land. Im Wald von Bronica, nächst Drohobycz, blühen gerade die Buschwindröschen, als uns der letzte Jude dieses Provinzstädtchens die Gedenkstätte mit den bis zu dreißig Meter langen Grabplatten über einem Dutzend Massengräbern zeigt. Der 84-Jährige erschließt uns dann die von den Jahren dunkel gebeizte Holzkirche des Hl. Georg und die älteste Synagoge Galiziens, eine Ruine, die zumindest auf ein neues Dach wartet. Die Amerikaner haben angeblich eines versprochen. Wir besuchen auch die Residenz der Wunderrabbis in Sadagora und begeben uns in das verworrene Dickicht der Grabsteine am Friedhof der Chassidim, verkosten die Heilquellen in Truskawiec und besuchen eine Wehrsynagoge in Schowkwa.

Den Historiker Sergij Osatschuk haben wir in Czernowitz als Führer, der uns sogar den vergammelten Sockel des einstigen Schiller-Denkmals zeigt, das einstens vor dem Theater stand.
In den Wiener Kaffeehäusern lassen wir uns mit vertrauter Musik berieseln, können uns aber nicht an die sichtbare Armut der Ukrainer gewöhnen. Ja, es wird viel gebettelt und gestohlen in den Städten. Und wir sind auf einem Huzulen-Markt in Kuty einkaufender Weise im Schlamm versunken.
Eines steht fest: Es war nur eine zaghafte Annäherung, aber wir werden wiederkommen.
INFO GALIZIEN Einreise Kein Visum nötig. Austrian Airlines fliegt mehrmals wöchentlich von Wien über Linz nach Lemberg. Von dort gehen Busse nach Drohobycz, man kann auch Kleinbusse mit und ohne Fahrer für Ausflüge mieten. In Lemberg gibt es mehrere Reiseagenturen.
Währung In den Städten gibt es genug Wechselstuben, in der Ukraine wechselt man günstiger als in Österreich: 1 Euro = ca. 6,20 Hryvnja (100 Kopeken).
Gesundheit Impfungen sind nicht notwendig, aber empfohlen wird Schutz gegen Diphtherie, Tetanus, Polio, Hepatitis A.
Empfehlenswert Im "Hotel George" zahlt man für das Doppelzimmer 60-80 Euro, www.georgehotel.ukrbiz.net; Restaurant "Amadeus", Vulycja Katedral'na 7; "Veronyka", Prospekt Sevcenka, Café-Konditorei mit köstlichen Mehlspeisen, sowie Café im "Italienischen Hof", Rynek 6.
Autor/in: MARIA GORNIZIEWICZ
© SN
|