|
Zagreb, die Hauptstadt Kroatiens, führt im Vergleich zu Warschau, Prag oder Budapest eher ein verborgenes Dasein.
Vielen Zeitgenossen ist das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Kroatischen Republik nur vom Hörensagen oder aus Broschüren, Büchern, Erzählungen bekannt. Der deutsche Name der kleinen Metropole an der Save, Agram, sorgte schon für so manches Lächeln, da man in diesem Zusammenhang gerne an die "leichteste Stadt" der Welt denkt und sich einfach der Silbentrennung bedient: "A- gram."
Doch der Spaß, den dieses Wortspiel beinhaltet, weicht bei einem Besuch der Stadt bald der Faszination, die von der knapp über 1000-jährigen Geschichte Zagrebs ausgeht. Im Mittelalter existierten zwei kleinere Ansiedlungen, die Ältere hieß "Kaptol" und wurde 1093 erstmals als Bischofssitz urkundlich erwähnt. "Ein Schutzwall sollte potenzielle Überfälle auf das kirchliche Gut verhindern. Der heutige Name der Stadt, ,Zagreb' birgt das kroatische Wort ,eingraben', 'zagrepsti' das in seinem Ursprung auf das von einem Wall umgebene bischöfliche Anwesen hindeutet", berichtet der Architekturstudent und treue Begleiter Lovro, der die Stadtgeschichte in den schmalen Gässchen entlang der verwitterten Mauern lebendig werden ließ. Den gegenüberliegenden Hügel "Gric" errichtete der ungarische König Bela, zu dessen Herrschaftsbereich Kroatien gehörte.
Von der "königlichen Stadt" zeugt gegenwärtig die Darstellung der offenen Stadttore im Zagreber Wappen, ein repräsentatives Symbol einer weltoffenen Kultur- und Handelsstadt. Heute lässt sich am "Kaptol" nicht nur das pulsierende Nachtleben in unterschiedlichen Lokalen und Bars genießen, sondern auch die stillen Momente einer lauen Sommernacht, die den Betrachter der alten Baulichkeiten zu einer kurzen Zeitreise in die Geschichte der Save-Metropole verleiten. Doch existieren in diesem Stadtteil noch alte und verträumte Gaststätten und Weinkeller, die zu einem lukullischen Erlebnis in längst vergangene Zeiten entführen, als noch "Petrica Kerempuh", ein ehemals stadtbekannter Spielmann und Volksnarr, ähnlich dem Lieben Augustin in so mancher dieser Gaststätten seine Lieder zum Besten gab.
Die beiden historischen Stadtkerne gehören heute zur "Oberstadt" oder "Gornji Grad", wo das schönste barocke Gotteshaus Kroatiens, die Kirche der heiligen Katharina, steht und die Besucher nicht nur die einzigartigen Deckenfresken bewundern lässt, sondern ebenso zum meditativen Verweilen einlädt. Das wunderschöne Dach der Markuskirche mit den Wappen Kroatiens und Zagrebs bietet dem Fotografen ein einmaliges Motiv und eine farbenfrohe Erinnerung an eine liebenswerte Stadt.
Mit der Zahnradbahn ins Altstadtzentrum
Die "Reise" in die obere Stadt beginnt mit der "Uspinjaca", einer urigen Zahnradbahn, die heute von den Agramer Verkehrsbetrieben "ZET" betrieben wird. Lovro hat auf einer der alten Holzbänke Platz genommen, als die Standseilbahn mit einigem Getöse ihre Fahrt aufnimmt: "Diese Bahn ist ein mobiles Wahrzeichen der Stadt, das im Jahre 1888 erbaut wurde und heute als Attraktion gilt, die von Gästen aus aller Welt gerne angenommen wird."
Wenn man das altehrwürdige Beförderungsmittel verlässt, fällt einem sofort ein massives, weiß gekalktes Bauwerk auf, die "Kula Lotrscak", der Stadtturm, von dem jeden Tag um 12 Uhr mittags ein Schuss aus einer Kanone abgefeuert wird. Auf dem Spaziergang durch die Altstadt führt der Architekturstudent auch zu dem berühmten "Steintor" oder "Kamenita Vrata", wie die Zagreber sagen, einem Bauwerk, in dem heute die Kapelle der Jungfrau Maria vom Steintor, der Schutzpatronin der Stadt, untergebracht ist.
Auf dem Weg durch das Zentrum zieht der neogotische Dom, das größte sakrale Bauwerk Kroatiens, die Gäste in seinen Bann. Die ursprüngliche romanische Kathedrale wurde bei dem Erdbeben des Jahres 1880 zerstört. An ihrer Stelle entstand danach die das Stadtbild prägende Basilika, in der sich auch die Schatzkammer befindet. Vor den erhabenen, 105 Meter hohen Türmen des Stephansdoms glänzen die goldenen Engelsdarstellungen des Marienbrunnens in der Nachmittagssonne. Jugendliche wählen das Bauwerk als Fotokulisse, einige Passantengruppen unterhalten sich lautstark und ein blauer Stadtbus rollt langsam in die Station gegenüber dem Gotteshaus, an der bereits einige Fahrgäste ungeduldig warten.
Lovro führt uns weiter auf die größte freie Fläche im Zentrum seiner Heimatstadt, dem Jelacic-Platz, der nach einer der wichtigsten Persönlichkeiten der neueren kroatischen Geschichte, Josip Jelacic von Buzim, dem Banus Kroatiens, der im Revolutionsjahr 1848 den jungen Kaiser Franz Joseph vor den nach Wien vorstoßenden Ungarn schützte, benannt wurde. Das Reiterstandbild der Feldherren wurde auf Initiative des einstigen Bürgermeisters von Agram, Janko Kaumauf, von der Wiener Gießerei Fernkorn hergestellt und 1866 feierlich eingeweiht.
Auf dem Spaziergang durch die "Ilica", die Hauptstraße, pulsiert am frühen Abend das Leben: Die Zagreber lieben es, zu dieser Zeit durch die Innenstadt zu bummeln oder in einem der vielen Cafés einen "kleinen Schwarzen" zu genießen. Einige Burschen necken eine Gruppe von Mädchen, doch die studieren gerade die verlockenden Angebote einer Boutique und nehmen die Späße kaum wahr.

Altösterreichische Erinnerungen
Ein Straßenbahnzug biegt rumpelnd in die Frankopanska-Straße ein, die geradewegs zu einem Juwel unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt führt, dem Kroatischen Nationaltheater, einem neobarocken Bau, der von den österreichischen Architekten Fellner und Helmer entworfen und 1894/95 eröffnet wurde. Das Gebäude mit der dunkelgelben Fassade vermittelt ebenso altösterreichische Erinnerungen wie der Maksimir-Park, der im zu Ende gehenden 18. Jahrhundert angelegt wurde. "Der Zagreber Bischof Maksimilijan Vrhovec hat dieses ,grüne Herz' der Stadt angelegt, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Kardinal Georg Haulik erweitert wurde", informiert der belesene Student der Architektur seine aufmerksamen Zuhörer beim Spaziergang durch die Parkanlage, wo sich auch der Zoo, ein lohnendes Besichtigungsziel, befindet.
Neben der Sommervilla Hauliks, der als Liebhaber der schönen Künste und der malerischen Gartengestaltung bekannt war, konzentriert sich das Interesse der Besucher auf einen Aussichtsturm mit einer weitläufigen Terrasse, von der aus nicht nur Maksimir überschaubar wird, sondern die Stadt vom rötlichen Licht der untergehenden Sonne ein besonderes Flair erhält.
Die neben den europäischen Metropolen unscheinbar wirkende Stadt an der Save verzaubert ihre Gäste mit ihrer unverfälschten Gemütlichkeit, in der Hektik keinen Platz hat.
Info: Kroatische Zentrale für Tourismus, Am Hof 13, 1010 Wien, Tel. 01/585 38 84, Fax: 01/585 38 84 20, E-Mail: office@kroatien.at, Internet: www.hrvatska.hr.
Autor/in: MICHAEL ELLENBOGEN
© SN
|