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Reiseberichte

Wanderung mit einer Prise Sand
3. Juni 2006
Alte Hirtenpfade führen im Süden Tunesiens zu einsamen Wadis, Gebirgsoasen, Speicherburgen und zu den Höhlendörfern im Dahar-Gebirge.

Das pulsierende Straßenbild von Tozeur könnte kaum kontrastreicher sein. Hochbeladene Eselskarren und übervolle kleine Lieferwagen nützen jeden Zentimeter, um zwischen den Autos vorwärts zu kommen. Dazwischen drängeln sich junge Mädchen in hautengen Jeans und Frauen, die ihre Haare traditionell mit großen Tüchern bedecken. Die am Straßenrand an Bäumen "geparkten" Dromedare vervollständigen die Szenerie. Im Süden und Osten begrenzen Tausende von Dattelpalmen die Stadt und prägen die Oase wie die eigenwilligen Lehmziegelornamente der Hausfassaden. Die Oasenstadt war im Mittelalter wichtige Station des Karawanenhandels. "Salam" grüßt Abdel, er ist Berber und Guide für die Tour am Rande der Sahara.

Die erste Wanderung beginnt im Bergoasendorf Chebika, das von den kargen, ockerfarbenen und rötlich braunen Bergen des Atlasgebirges begrenzt ist. Es herrscht ein mildes Mittelmeerklima mit 28 Grad, trockener Luft und einer Prise Sand im Wind. Ein paar Steinstufen führen zu einem kleinen Wasserfall in der kesselförmigen Schlucht. Dann windet sich ein schmaler Pfad hinauf zu einem Bergrücken. Es ist Zeit für eine Pause. Abdel verteilt süße Früchte. "Ohne Datteln gibt es kein Leben in der Wüste, sagt ein arabisches Sprichwort." Deglet en Nour (Finger des Lichts) ist die beste Sorte. Die Palme gilt als heiliger Lebensbaum, denn sie ist vielseitig verwendbar: die Früchte als Nahrung, der Saft aus dem Stamm für Schnaps, Blätter als Dachabdeckung, der Stamm als Brennmaterial und die Blattrippen werden zu Besen und zu Seilen verarbeitet.

Die kleine Wanderung endet im alten, verlassenen Ortsteil von Chebika zwischen verfallenen Lehmhäusern in einer außergewöhnlichen Filmkulisse. Hier wurden 1996 Szenen für "Der englische Patient" gedreht.

Transfer nach Mides. Der Zeitpunkt der Ankunft in der Oase, in der schon die Römer einen Stützpunkt hatten, hätte nicht besser gewählt werden können. Das Licht des Sonnenuntergangs taucht die schmale, 60 Meter tiefe Schlucht mit ihren vielen Windungen in fantastisch rotes Licht.

Szenenwechsel. Der Chott el Djerid ist wohl eine der faszinierendsten Landschaften der Erde. Der Salzsee zieht sich von Algerien bis fast ans Mittelmeer. Karl May hat ihn in seinem Buch "Durch die Wüste" fantasievoll beschrieben, ohne jemals den Chott selbst gesehen zu haben. Das Wasser, das man in der Ferne zu sehen glaubt, ist nur eine verräterische Fata Morgana, in der sich Himmel und Horizont vermischen. Das Salz reflektiert den blauen Himmel und die Salzkristalle glitzern schneeweiß in der grellen Wüstensonne.

Früher verschwanden ganze Karawanen

Todesmutig wie Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar muss man heute nicht mehr sein, wenn man per Auto auf der Dammstraße den Salzsee überquert. Früher dagegen sollen hier ganze Karawanen spurlos verschwunden sein, so sagen die Überlieferungen. Nur ein paar zum Teil in den Sand eingesunkene Autowracks zeugen heute von einem Hauch Abenteuer.

Viele weiße Marabouts, Grabstätten von Heiligen, stehen verstreut um den Ort Matmata herum. Seit Jahrtausenden graben die Matmata-Berber ihre Häuser in den weichen Untergrund. So sind sie bestens gegen Sandstürme, vor der stechenden Sonne und Kälte geschützt. Der Eingangstunnel der Höhlenwohnungen ist immer so groß, dass ein Dromedar durchgehen kann. Jeder Krater in der Landschaft ist ein Haus und als solches aus der Ferne kaum zu erkennen.

Die Troglodytenhäuser (Trichterhäuser) von Matmata dienten als Kulisse für Filme wie Krieg der Sterne und Indiana Jones. Für die Barszene aus Star Wars, in der Han Solo und sein Kopilot Chewbacca mit ein paar seltsamen Außerirdischen eine handfeste Auseinandersetzung hatten, hätte es keinen besseren Drehort gegeben.

Neben einer Höhlenwohnung wird ein fünf Monate altes Dromedar mit einer Babyflasche gefüttert. Ein riesiges Steifftier mit samtweichem, dickem Fell, großen dunklen Augen und mit verführerisch langen Wimpern. "Nur das Kamel kennt Allahs hundertsten Namen, daher sein hochmütiger Blick", so lautet ein arabisches Sprichwort. Es ist absolut kein Schoßtier und jetzt schon größer als ein Mensch. Dromedare können eine Woche ohne Wasser und zwei Wochen ohne Nahrung auskommen. Sie sind hervorragende Lasttiere und aus der Wüste nicht wegzudenken.

Das Ziel der Wanderung ist Ksar Zammour, eine Speicherburg auf einem Hügel. Sie besteht aus etwa acht bis zehn Meter langen und drei Meter breiten Tonnengewölben aus Lehm, den Ghorfas, die als Vorratsspeicher genützt wurden. Hoch aufgetürmt zu mehreren Stockwerken und eng aneinander geklebt bilden die Tonnengewölbe die Burg, ein Ksar. Korn, Öl und Viehfutter wurden früher hier gelagert.

Als Kriegsfestung wäre ein Ksar sicher ungeeignet gewesen. Auch wenn sie dominant auf hohen Felsvorsprüngen errichtet wurden, gab es als ständigen Bewohner jeweils nur einen einzigen Wächter mit seiner Familie.

Mit staubverkrusteten Wanderschuhen geht es am nächsten Tag zum Höhepunkt der Reise, zum Bergdorf Chenini. Abdel hatte Recht, Chenini ist die schönste Speicherburg Tunesiens. Wie ein Diamant leuchtet die blendend weiß gestrichene Moschee auf dem Bergkamm zwischen den ockerfarbenen und rotbraunen Lehmbauten. Viele Häuser sind noch bewohnt. Kinder, Ziegen und Hühner stromern herum, Frauen tragen Grasbüschel zum Haus und Männer halten ein Schwätzchen. Von der Moschee hat man den besten Überblick über die Lehmbauten von Chenini und die bizarre Bergwelt des Dahargebirges.

INFORMATION: Tunesisches Fremdenverkehrsamt, Opernring 1/R/109, A-1010 Wien, Tel.: 01/5853480, Fax: 01/585348018, E-Mail: office@tunesieninfo.at, Internet: www.tunesien-info.at.

GABI DRÄGER

© SN

 

diese seite | 06.06.2006 | 10:24

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