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Reiseberichte

Sand in Sicht
15. April 2006
Eine Reise mit Dromedaren, Beduinenzelt und gefrorener Zahnpasta durch die tunesische Sahara, ganz im Stile der Nomaden, die seit Tausenden von Jahren diesen Lebensstil führen.

Heute Morgen ist die Zahnpasta gefroren. Das muss man sich einmal vorstellen. Mitten in der Wüste. Tagsüber hat es in der Sahara 25 Grad, die Sonne knallt auf die Dünen, und nachts, da friert die Zahnpasta ein, ist in der Früh um sieben ein Eisklumpen. Verfroren sind um diese Zeit auch die Touristen, die wohlstandsverweichlichten Mitteleuropäer, die im Süden Tunesiens eine Nacht bei minus vier Grad im Schlafsack hinter sich haben. Unter einem Beduinenzelt, das als aufgespannter Teppich den Begriff Zelt eigentlich nicht verdient.

Frühjahrsnächte zum Teil sehr kalt

Frühjahrsnächte werden im Grand Erg Oriental, der großen Sandwüste Tunesiens, zum Teil sehr kalt, das steht in jedem Reiseführer. Man sollte es also wissen. Und bevor man jetzt einen falschen Eindruck von dieser Woche mit der Dromedar-Karawane in der Sahara bekommt, muss eines betont werden: Es lohnt sich zu frieren. Wirklich. Die langen Minuten, bis der Körper endlich den Schlafsack erwärmt hat, die kalte Nasenspitze beim Einschlafen, jedes einzelne Frösteln und Zittern. All das lohnt sich für diesen wundervollen Moment, wenn um halb acht die Sonne hinter den Dünen hervorkommt. Wenn die ersten Strahlen auf den reifbedeckten Sand fallen. Wenn man einfach nur dasteht und sich langsam mit dem Gedanken erwärmt, dass es schon bald wieder zu heiß sein wird.

Die Wüste hat viele solche kleine Momente. Sie zögert meist lange, bis sie sie preisgibt, umso größer ist die Freude, wenn es so weit ist. Sie entbehrt des Normalen, geizt mit dem Alltäglichen. Und plötzlich wird der erste Sonnenstrahl, ein Schluck Wasser, eine einzelne Palme zur Offenbarung.

Um halb zehn ist die Karawane startklar. Startklar für die zweite Etappe der vier Tage und rund 90 Kilometer durch Tunesiens Sahara. Zehn Nomaden vom Volksstamm der Marazique, 16 Touristen, 23 Dromedare, beladen mit dem Gepäck der Gruppe: 500 Liter Wasser, Nahrung für vier Tage, Beduinenzelte, Isomatten, Wolldecken.

Die meisten Teilnehmer laufen im Trott der Karawane oder etwas abseits über die Dünen. Andere wagen es zu reiten. Klettern auf den Höcker - so wie Peter O'Toole in Lawrence von Arabien. Sie rufen aber nicht "Akaba!", sie rufen "Aua!". Und schaukeln verspannt und hüftsteif davon.

Es ist seltsam, aber die Wüste produziert fortwährend Assoziationen. Der Blick über die gewellte Oberfläche erinnert an den Film "Der englische Patient" - die Dünen mit einer Wolldecke zu vergleichen, so nahe liegend das hier erscheint, so genial ist es. Links läuft eine Mitreisende, verhüllt mit einem dunklen Kopftuch und einem Gehstock in der Hand, genau so, wie Antoine de Saint-Exupérys "Kleiner Prinz" oft illustriert wird. "Es macht die Wüste schön", sagt er, "dass sie irgendwo einen Brunnen birgt."

Rechts taucht aus dem Nichts wieder die Karawane auf und wirft ihre Schatten weit über den Sand - das Klischee des perfekten Wüstenbilds. Wie ein Trugbild, eine Fata Morgana, und doch in der nur zehn Meter entfernten Wirklichkeit.

Mit fast jedem Dünenkamm, den man erklimmt, kommt eine neue Assoziation hinzu. Alles, was man irgendwann einmal gelesen, gehört oder gesehen hat, fördert die Sahara zutage. Ganz verblüffend ist das. Sven Hedins "Karawane ohne Wiederkehr", Karl-May-Bücher, Disneys "Die Wüste lebt" und "Star Wars". Viele Wüstensequenzen wurden tatsächlich in der Nähe gedreht.

Die Schatten werden allmählich lang, die Luft kühl. Die Nomaden suchen einen Lagerplatz im Schutz einer Dünenwand. Es wird schnell dunkel. Und völlig überraschend zaubert die Wüste wieder so einen Moment hervor. Etwa zehn Minuten lang ist es im Westen taghell und im Osten stehen die Sterne vor dem blauschwarzen Himmel. So, als käme die heraufziehende Nacht dem fliehenden Tag nicht ganz hinterher. Blick nach links, rechts, links. Irre.

Küche mitten in der Wüste

Zeit fürs Abendessen, das Lamin, Ali, Mehdi und Massoud mit einfachsten Mitteln bereiten. Sie kneten Weizenmehlteig, machen Feuer, schneiden Kartoffeln, Karotten, Kohlrabi. Sie legen den Teigfladen in einen Ofen aus Glut und Sand. Sie backen Brot und kochen Eintopf - mitten in der Wüste.

Jeder Handgriff sitzt und laienhafte Hilfe wäre überflüssig. Das Essen ist perfekt. "Chopsa", das ofenfrische Brot, mit "Harissa", dem scharfen Gewürz, das nirgendwo besser schmeckt als hier. Beshir reicht die Teller mit dem Eintopf und erzählt von seiner Familie in, von der Schönheit der Wüste, von den Dromedaren und, die Augen starr ins Lagerfeuer gerichtet, dass er das Abitur gemacht hat, aber lieber als Nomade durch den Großen Erg ziehe. "Was soll ich machen. Ich liebe die Wüste."

Es ist wieder empfindlich kalt. Einige suchen die Wärme am Lagerfeuer, andere im Schlafsack. Morgen früh wird die Zahnpasta wieder gefroren sein ...

INFO TUNESIEN
Klima
Beste Reisezeit für einen Kamelritt in der Wüste ist im Februar und März sowie im Oktober undNovember. In diesen Monaten ist es nachts zwar relativ kalt, dafür herrscht tagsüber mit rund 25 Grad eine noch erträgliche Hitze.

Veranstalter
Man kann im Rahmen verschiedener Rundreisen, zum Beispiel bei der "Großen Tunesien-Rundreise" (sieben Tage ab 469 Euro) von Neckermann, für wenige Euro ein- oder mehrstündige Kamelritte durch die Wüste fakultativ hinzubuchen. Vergleichbare Angebote gibt es bei praktisch allen großen Veranstaltern. Genaue Informationen erhält man aber auch in jedem guten Reisebüro.

Auskünfte
Tunesisches Fremdenverkehrsamt, Opernring 1/R/109, A-1010 Wien, Tel. 01/585 34 80, office@tunesieninfo.at, www.tunesien-info.at

Autor/in: ANDREAS LESTI

© SN

 

diese seite | 18.04.2006 | 11:03

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