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Reiseberichte

Ein ewiges Rätsel
18. März 2006
Die österreichischen "Seenomaden" Doris Renoldner und Wolfgang Slanec haben die Osterinsel auf eigenem Kiel besucht.

Nur wer mit der Segelyacht anreist, kann die wahre Abgeschiedenheit der Osterinsel, auch Rapa Nui genannt, erahnen. Knapp drei Wochen dauert unser Törn vom südamerikanischen Kontinent über den Stillen Ozean. Dann tauchen die runden Kuppen erloschener Vulkane auf, gegen die tosende Brandung anrollt. Vorbei an düsteren Lavafelsen segeln wir vorsichtig in die Anakena-Bucht. Da stehen sie, sieben in einer Reihe: die Moai, mysteriöse Giganten aus Stein. Ignorant drehen sie uns den Rücken zu.

Trotz ablandiger Brise rollt unser Segler "Nomad" schwer in der Ozeandünung. Wir sehnen uns nach festem Boden unter den Füßen und rudern an Land. Ehrfürchtig nähern wir uns der Steinplattform, auf der die meterhohen Statuen thronen. Von Angesicht zu Angesicht wirken ihre mächtigen Nasen und zusammengekniffenen Lippen arrogant. Verführerischer Duft lockt uns zur Imbissbude im Schatten des Palmenhains. Eine unglaublich dicke Polynesierin grillt Fleischspieße am Feuer. "Iorana", begrüßt sie uns strahlend, "nehmt euch kalte Getränke aus der Eisbox, das Essen ist gleich fertig!" Wir sind die einzigen Gäste.

Penetrantes Hupen reißt uns am nächsten Morgen aus dem Tiefschlaf. Am Ufer steht ein weißer Pick-up der Armada de Chile. Schlechtes Gewissen regt sich, wir haben noch nicht einklariert. Wir wollen den Obrigkeiten nicht auf der Nase herumtanzen und begeben uns daher 12 Seemeilen weiter an die Westküste zu Hanga Roas offener Reede, um den Behördenkram zu erledigen. Der Anker fällt auf 20 Meter Wassertiefe außerhalb des donnernden Tobens, eine halbe Meile von der Küste entfernt. Ein eindeutig schlechtes Vorzeichen für ein sicheres Anlanden mit dem Dingi sind die Jungs von Rapa Nui, die auf großen Brechern zum Ufer reiten. Surfen ist hier seit frühesten Zeiten Volkssport. Etwas ratlos kreisen wir mit dem Beiboot im tiefen Wasser, bis uns ein Fischerboot zwischen den gischtumtosten Klippen den Weg weist.

Geschützte Häfen sind nicht vorhanden

Hanga Roa, die einzige Ortschaft, hat etwa 3000 Einwohner. Ihretwegen muss man wahrlich nicht um die halbe Welt segeln. Petra ist auf Rapa Nui hängen geblieben, in ihrem Café Raa mit Internetzugang und Büchertausch bekommt man frisch gepresste Fruchtsäfte und den besten Inselkaffee. Zu Fuß erkunden wir das südliche Ortsende und inspizieren den Minihafen Hanga Piko.

Fischer würden uns für 100 Dollar in das felsige, enge Becken lotsen, doch es bedarf wenig Fantasie, sich diesen Hexenkessel bei auflandigem Starkwind auszumalen: Schwell und Sog würden den Liegeplatz in eine Mausefalle verwandeln. Das Fehlen geschützter Häfen und Ankerplätze ist und bleibt der Haken an der Osterinsel.

Mit der Hoffnung auf beständiges Wetter mieten wir für drei Tage einen Jeep. Auch ohne die etwa 800 langohrigen Moai wäre die Insel eine Reise wert. Es genügten die Vulkane und ihre schilfbewachsenen Kraterseen, den sanften Hügeln mit silbrigen Gras und die grünen Wiesen, auf denen unzählige Pferde weiden.

An den Flanken des Vulkans Rano Raraku befand sich die Werkstatt der Riesenstatuen, mittels Steinaxt wurden sie aus weichem Tuffstein herausgeschlagen. Wir sind völlig allein hier, eine gespenstische Atmosphäre. Überall unvollendete Kolosse, der größte misst etwa 21 Meter. Ohne jede Ordnung stehen die Figuren wie im Erdreich versunken, einige nachdenklich vor sich hinblickend, andere dem Nachbarn zugewandt, als würden sie auf ein Zeichen warten, um loszumarschieren.

Über eine Staubpiste rattern wir auf den Vulkan Rano Kau zum ehemaligen Zeremoniendorf Orongo, wo einst jedes Jahr im Frühling der Wettstreit des Vogelmann-Kults ausgetragen wurde. Junge Männer kletterten die steilen Klippen hinab, schwammen eineinhalb Kilometer zum vorgelagerten Inselchen Motu Nui, suchten dort ein Ei der schwarzen Seeschwalbe, legten es in ein Schilfkörbchen, das sie am Kopf befestigten, und schwammen wieder zurück. Der Sieger oder sein Sponsor war für das folgende Jahr Vogelmann und Herrscher über die Insel. Dieses Ritual existierte bis circa 100 Jahre bevor die ersten Europäer eintrafen.

Urbevölkerung wurde dezimiert

Das Wissen über die Frühgeschichte Rapa Nuis beruht zum größten Teil auf Mutmaßungen. Die ersten Siedler dürften in 30 Meter langen Doppelrumpfbooten von einer Insel im Westen gekommen sein. Ob von den Marquesas oder den Austral- Inseln, ob im Jahr 450, 1450 oder irgendwann dazwischen - in jedem Fall war die Osterinsel letzte Station der kühnen Völkerwanderung der Polynesier durch den Pazifik und bildet die östlichste Spitze des polynesischen Dreiecks.

Zu Ostern des Jahres 1722 sichtete der Holländer Jacob Roggeveen das Eiland und nannte es Osterinsel. Als er an Land ging, fand er lediglich eine unfruchtbare Steppe vor, etwa 2000 Menschen lebten hier in ärmlichen Verhältnissen. Doch es sollte noch schlimmer kommen. 1862 kidnappten peruanische Sklavenschiffe 1500 Eingeborene, eingeschleppte Infektionskrankheiten dezimierten in Folge die Urbevölkerung auf nur noch 110 Menschen. 1888 wurde die Osterinsel von Chile annektiert.

Im letzten Abendlicht warten wir bei der alten Kanurampe des Ahu Tahai, dass die Sonne hinter den Moai ins Meer plumpst. Im Dunkeln spazieren wir nach Hanga Roa zurück, der Ort ist wie ausgestorben. In der verwaisten Gartenbar des Hotels Manavai bestellen wir das chilenische Nationalgetränk Pisco Sour und schauen uns auf großer Leinwand Kevin Costners Hollywoodstreifen "Rapa Nui" an, der hier zwei Mal die Woche läuft. Am Ort des Geschehens wirkt er seltsam berührend.

Eines Morgens dreht der Wind auf Nordwest und brist immer stärker auf, bis "Nomad" hoffnungslos im auflandigen Seegang des offenen Ozeans schaukelt. Wissend, dass dies das Ende unseres Aufenthalts auf der entlegensten Insel der Welt bedeutet, lichten wir den Anker. Über 1000 Seemeilen bis zum nächsten Landkrümel liegen vor uns - Pitcairn Island ist unser Ziel. Wird fortgesetzt!

INFO
Rapa Nui
Große Insel heißt die Osterinsel in der Sprache der Einheimischen, Isla de Pascua auf Spanisch, politisch gehört sie zu Chile.

Lage und Größe
Die Osterinsel ist 2000 Seemeilen von Valparaiso und knapp 2300 Seemeilen von Tahiti entfernt, hat die Form eines Dreiecks und ist mit rund 20 mal 10 Kilometer ungefähr halb so groß wie Malta.

Anreise
Stop-Over sind mit der chilenischen Fluglinie Lan Chile über Santiago und Tahiti möglich.

Vortrag
Die Seenomaden sind derzeit auf Vortragstournee. Am 27. März (18.15 Uhr/20.15 Uhr) machen sie im SN-Saal Station. Karten bei Media Tours Salzburg und in jeder Bank Austria-Creditanstalt.Internet: www.seenomaden.at

Autor/in: DORIS RENOLDNER

© SN

 

diese seite | 20.03.2006 | 10:24

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