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Reiseberichte

Mit Krawatte auf dem Lastkahn
4. März 2006
Der Yangtse zählt zu jenen Flüssen, die noch heute als Lebensader fungieren - auf 6380 Kilometern zwischen dem Hochland von Tibet und Schanghai.

Mao swam here, Mao Zedong", erklärt ein alter Chinese mit zittriger Fispelstimme und deutet mit seiner dünnen Hand, die nur aus gegerbter Haut und Knochen zu bestehen scheint, auf das gelblich braune Wasser des Flusses. Als der angesprochene Tourist aus dem Westen nicht gleich den Fotoapparat zückt, wirkt der Mann enttäuscht. "Here, here", fügt er noch einmal bekräftigend an und gibt sich erst zufrieden, als er das erlösende "Klick" hört. Gelöscht wird das nichts sagende Foto dann einige Augenblicke später hinter seinem Rücken.

Mao hat den Yangtse propagandistisch missbraucht, als er 1966 bei Wuhan in den Fluss stieg, um als 73-Jähriger seine Kraft öffentlich zu demonstrieren. Begleitet von 5000 vornehmlich jungen Chinesen trieb der in innerparteiliche Machtkämpfe verstrickte Führer eine Stunde lang schwimmend im "Langen Fluss". 15 Kilometer stromabwärts ließ er sich dann von seinem Schiff "Der Osten ist Rot Nummer eins" wieder aus dem Wasser fischen. Das Volk bejubelte Maos Mut, die Bilder von der berühmtesten Schwimmexhibition der Geschichte gingen um die Welt und die Schrecken der Kulturrevolution hatten begonnen.

Wenn das Wasser des Yangtse damals auch schon so dreckig war wie heute, dann bedurfte es wohl einiger Überwindung, sich in die Fluten zu stürzen. Die Lebensader Chinas scheint ökologisch stark belastet zu sein. Dennoch pulsiert das Leben auf ihr. Schiffe aller Art tummeln sich auf dem Strom, der trotz des wachsenden Flugverkehrs und des fortschreitenden Straßenbaus noch immer der wichtigste Transportweg zwischen Zentralchina und den modernen Wirtschaftszentren an der Küste darstellt.

Eine Reise auf dem Fluss, gleichgültig ob nun mit einem klapprigen chinesischen Linienschiff oder einem relativ luxuriösen Kreuzfahrts-Liner, bietet Schauspiele, die sich keineswegs nur auf die spektakulären Landschaften der berühmten Schluchten beschränken. Der "Lange Fluss", so die Übersetzung von Yangtse, gewährt tiefe Einblicke in den chinesischen Alltag. Und er gleicht manchmal einer Zeitreise - etwa bei Yichang, wo Männer Sand von der Transportfläche eines Lastkahns in Tragegestelle füllen, deren Konstruktion an die Waage von Justitia erinnert. Auf primitiven Holzbalken balancieren menschliche Kulis die Last dann akrobatisch auf neben dem Schiff abgestellte Lkw. Rund 30 Personen verrichten Schwerstarbeit, die anderswo längst von einem Bagger erledigt würde. Von seiner völlig vom Rost zerfressenen und verschmutzten Brücke aus überwacht der Kapitän das geschäftige Treiben - mit strahlend weißem Hemd, Krawatte und Sakko.

Langsam quält sich die "Qianlong" weiter stromaufwärts, doch vor dem Gezhouba-Damm heißt es vorerst einmal, sich in die Warteschlange verschiedenster Schiffe einzureihen. Mit diesem 1980 fertig gestellten Bauwerk sollte der Yangtse erstmals gezähmt werden. Mit ihren 45 Metern Höhe betragen die Ausmaße der Staumauer nicht einmal ein Viertel des umstrittenen Drei-Schluchten-Damms. Die Erwartungen der Planer hat jedoch das Gezhouba-Kraftwerk wegen technischer Probleme nie erfüllt. Es sollte Strom für Schanghai liefern, doch dort ist angeblich bis heute nicht ein einziges Kilowatt angekommen. Zumindest die Schleuse funktioniert problemlos und hebt acht Lastkähne gleichzeitig um 20 Höhenmeter an.

Anschließend wartet mit Xiling die längste der berühmten Drei Schluchten, die Touristen aus aller Welt anlocken. Wie sich der gigantische Damm letztlich auf diese einzigartige Naturlandschaft auswirken wird, lässt sich nur schwer abschätzen. Die Bauarbeiten an der 185 Meter hohen Staumauer dürften im Mai 2006 abgeschlossen werden - neun Monate früher als vorgesehen. 2009 soll die Anlage in Betrieb gehen und so viel Strom wie 18 moderne Kernkraftwerke produzieren. Ihre Wildheit werden die Yangtse-Schluchten dann wohl endgültig verloren haben. Der einzigartigen Schönheit der Landschaft kann wohl auch der höhere Wasserstand nichts anhaben.

Auf Grund der sehr hohen Luftfeuchtigkeit wirken die 40 Kilometer lange Wu Xia (Hexenschlucht) und die Qutang-Schlucht mit ihren steil aufragenden Felswänden weich gezeichnet. Eine Landschaft, die nur aus Pastelltönen zu bestehen scheint, zieht langsam vorbei. Das Deck ist dicht bevölkert, denn im Schiffsinneren herrscht drückende Schwüle. Draußen sorgt der sanfte Fahrtwind zumindest für etwas Linderung.

Am Ufer versuchen Männer, mit kescherartigen Netzen Fische zu fangen, doch Erfolg stellt sich nur selten ein. Frauen waschen im trüben Wasser ihre Wäsche und Kraftfahrer ihre Laster, die zu diesem Zweck so im Fluss geparkt werden, dass die Motorhaube knapp unter die Wasseroberfläche reicht.

Chongqing, die 30-Millionen-Einwohner-Metropole, erwartet sich vom Drei-Schluchten-Damm einen besonderen Aufschwung, denn hier sollen künftig Ozeanriesen anlegen: 2500 Kilometer von der Yangtse-Mündung in Schanghai entfernt! Die Aufbruchstimmung ist in der Stadt spürbar. In einem kleinen Laden werden "Mao-Devotionalien" angeboten - darunter die Reproduktion eines Fotos, das den "großen Vorsitzenden und Steuermann" vor seinem berühmten Bad im Yangtse zeigt: mit blütenweißem Bademantel und zum Gruß erhobenem Arm.

INFO YANGTSE
Mit dem Schiff
Die interessantesten Landschaften finden sich zwischen Chongqing und Yichang. Dauer: 3 bis 5 Tage. Das Spektrum reicht von einfachen Linienschiffen bis zu komfortablen Kreuzfahrtslinern.

Veranstalter
Kreuzfahrten auf dem Yangtse werden von vielen Veranstaltern angeboten und können in Reisebüros gebucht werden, z. B. bei Kneissl Touristik ab Salzburg vom 6.-26. 5. und 2.-22. 9. 06. Infos: Tel. 0662/877070 oder www.kneissltouristik.at.

Anreise
Nonstop-Flüge von Wien (Austrian Airlines) und München (Air China, Lufthansa) nach Peking und von dort mit Air China weiter nach Wuhan (Bus- und Schiffsverbindungen nach Yichang).

Visum
Für österr. Staatsbürger besteht Visumpflicht. Der Reisepass muss sechs Monate über das Ausreisedatum hinaus gültig sein.

Währung
Für 1 Euro gibt es 10,94 Yuan. 1 Yuan entspricht etwa 9 Cent.

Autor/in: MICHAEL STADLER

© SN

 

diese seite | 06.03.2006 | 13:00

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