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Reiseberichte

Schönheit an der Seidenstraße
4. Februar 2006
Samarkand, Kulturzentrum und Touristenmagnet Mittelasiens, hat eine bewegte Vergangenheit, deren Zeugen aufwändig rekonstruiert werden.

Am Grabmal Tamerlans herrscht babylonisches Sprachgewirr, auch staunen Reisegruppen und ihre lokalen Führer über einen anrollenden Rotel-Tourenbus aus Passau. Das Mausoleum steht in einer gepflegten Anlage, nicht weit von einem verschachtelten, verstaubten Wohnviertel. Der hinkende Despot Tamerlan, der nach einem seiner Siege die Köpfe von zwanzigtausend Feinden zu einer Pyramide aufschichten ließ, liegt unter einem dunkelgrünen Jademonolithen in der Krypta eines mittelgroßen Kuppelbaus, umgeben von anderen Grabmälern. Lange war das Mausoleum geschlossen, angeblich prophezeite eine Inschrift großes Unheil, sollte Tamerlans Grab geöffnet werden. Die Warnung erfüllte sich: Am 22. Juni 1941, einen Tag nach der Öffnung, marschierten deutsche Truppen in Russland ein.

Tamerlan, alias Timur Lenk, der "Lahme", Gründer des Zweiten Mongolenreichs, hatte Samarkand zu seiner Hauptstadt bestimmt. Er beschäftigte Architekten und Künstler aus ganz Asien, um Samarkand zum "Zentrum des Universums" zu machen. Die Nachfolger Tamerlans verlegten die Hauptstadt nach Buchara; aus Samarkand wurde eine Art Geisterstadt. Wiederbelebt wurde sie erst durch die Russen, die bei ihrem kontinuierlichen Vordringen in Mittelasien eine Eisenbahn bauten und Samarkand zu einem neuen Verkehrsknotenpunkt machten.

Die Busfahrt vom Bahnhof ins Zentrum führt durch eine russifizierte Stadtlandschaft, die nichts Märchenhaftes hat. Samarkand wirkt auf den ersten Blick moderner, weniger geschlossen als Buchara und Chiwa, die beiden anderen von der Unesco als Weltkulturerbe erkorenen Touristenmagneten Usbekistans.

Am Stadtrand liegt Schah-e-Sende, eine andere berühmte Nekropole. Dicht nebeneinander stehen die aufwändigen Gräber der Aristokratie, deren Nachkommen die künstlerisch aufs Feinste ausgestalteten Bauten nicht mehr unterhalten konnten. Ausländische Geldgeber und die Unesco mussten einspringen. Auch hier sind Baugerüste aufgestellt, wird konserviert, restauriert, rekonstruiert.

Für Nichtmuslime unzugänglich ist das Grabmal des heiligen Kusam ibn Abbas, eines Verwandten des Propheten Mohammed. Abbas wurde angeblich von Häretikern enthauptet, doch wunderbarerweise soll er seinen Kopf an sich genommen haben und in einen Brunnen eingetaucht sein, wo er noch heute lebe. Es ist - ebenso wie das Tamerlan-Mausoleum - wieder ein viel besuchtes Wallfahrtsziel.

Die staatliche Reiseorganisation "Uzbektourismus" spart nicht mit Superlativen über Samarkand: Eine der ältesten Städte der Welt, größtes Kulturzentrum Zentralasiens, Paradies des Orients. Alexander der Große soll gesagt haben, die Stadt sei noch schöner als er sie sich vorgestellt habe. Auf Alexander, der die Perserherrschaft ablöste und alle Stämme in den eroberten Gebieten zu einer Völkerfamilie vereinen wollte, folgten die Seleukiden und Türk-Mongolen, die Seldschuken und Araber, die Samaniden und im Jahr 1220 Dschingis Khan, die "Geißel Gottes". Er ließ Samarkand zerstören und den größten Teil der Bewohner umbringen. Der Wiederaufbau an anderer Stelle erfolgte schnell, schon fünfzig Jahre später erschien Marco Polo die Stadt "sehr groß und herrlich". Als Handels- und Karawanenzentrum an der Seidenstraße gelangte Samarkand zu fabelhaftem Reichtum.

Angeregt von der Großen Moschee in Delhi befahl Tamerlan den Bau der Bibi-Khanim-Moschee, sie sollte zehntausend Gläubige aufnehmen können. Schon bald nach der Fertigstellung zeigten sich gefährliche Risse, 1887 stürzte die Moschee bei einem Erdbeben ein. Heute sind die Ruinen von Gerüsten und Baukränen umgeben - Bibi Khanim soll in früherer Größe wiederauferstehen.

Auf der Stadtrundfahrt wird das Ulughbek-Observatorium besucht, ein Werk des Enkels von Tamerlan. Ulughbek widmete sich lieber den Künsten und Wissenschaften als den Regierungsgeschäften, vor allem der Astronomie. Auf einem Hügel bei Samarkand ließ er einen Sextanten in den Fels schlagen und darüber eine dreistöckige Sternwarte errichten. Sein Forscherdrang brachte ihn in Konflikt mit den religiösen Fundamentalisten seiner Zeit, und es war sein eigener machthungriger Sohn, der ein Komplott gegen den Vater organisierte und ihn ermorden ließ. Das Observatorium wurde zerstört und zugeschüttet. Erst 1908 wurden die Relikte von russischen Archäologen wieder entdeckt.

In der seit 1991 unabhängigen Republik Usbekistan hat man Tamerlan neuerdings zu einem Symbol des usbekischen Nationalstolzes erhoben. Am Hauptboulevard, wo einst Lenin stand, zeigt ihn ein imposantes Denkmal in der Pose des Eroberers. Frischvermählte und Schulklassen stellen sich vor ihm für Fotos auf - als gäbe es nicht die weit imposantere Fotokulisse des Registan.

Auf dem "sandigen Platz", inmitten der Stadtmärkte und Karawansereien, hatte Ulughbek um 1420 eine nach ihm benannte Medrese erbauen lassen. Die islamische Baukunst erreichte hier ihren Höhepunkt. Für die Ausschmückung der gewaltigen Spitzbogenportale, der azurblauen Kuppeln und der Minarette wurde erlesenstes Baumaterial verwendet, leichte Fayencen und Mosaiken in Türkis, Ocker und Gold. Nach dem Vorbild dieses herrlichen Monumentalbaus ließen spätere Herrscher noch zwei ähnliche Medresen auf dem Platz errichten. Er ist zweifellos einer der schönsten, am besten proportionierten Plätze der Welt.

Jetzt ist der Registan oft mit Stuhlreihen vollgestellt. Auf den Terrassen vor den Portalen setzen sich Folkloretänzer, Sänger, Akrobaten, Estradenorchester und manchmal auch Politiker in Szene. "Man sollte den Registan zu verschiedenen Tageszeiten sehen, um die Wirkung von Sonne und Schatten zu genießen", empfiehlt der Reiseführer. Fürwahr, allein dieser Platz wäre die Reise nach Mittelasien wert.

In den zellenartigen Räumen der Innenhöfe haben sich Kunsthandwerker und Souvenirhändler niedergelassen, auch eine Seidenmanufaktur. Von den Gängen des zweiten Stockwerks hängen Teppiche, Bettdecken und Gewänder herab, darunter die gefragten Buchara-Teppiche, die vielfach aus den Nachbarländern Turkmenistan und Tadschikistan kommen. Nicht weniger bunt ist das Angebot von Kopfkissenbezügen, Schals, Blusen und Krawatten. Die Händler nennen ihre Preise in US-Dollar und in Euro, nicht in der schwachen Landeswährung Sum. Beim Seidenkauf gilt die gleiche Devise wie beim Kauf von Mineralien und Metallobjekten: Es ist nicht alles Naturseide, echte Jade, hochkarätiges Silber oder Gold, was glänzt. Wäre es anders, müssten die kunstseidenen, fluoriszierenden Kleider der Usbekinnen, ihr Schmuck an Ohren, Hals und Armen wie auch die Goldgebisse für viele unbezahlbar sein.

INFO SAMARKAND
Veranstalter

Das Reisekontor mit Sitz in der Schrannengasse 2, 5020 Salzburg, Tel. 0662/88 01 85, offeriert vom 28. April bis 5. Mai 2006 eine Usbekistan-Rundreise mit Direktflug von Linz nach Samarkand. Außerdem werden Pauschal-, Einzel- und Gruppenreisen in die zentralasiatischen Republiken u. a. von Kuoni, Studiosus und Windrose angeboten. Nähere Infos in den Reisebüros.

Klima
Beste Reisezeit ist im Frühjahr und Herbst. Im Sommer und Winter muss mit extremen Temperaturen gerechnet werden.

Zahlungsmittel
Begehrt ist harte westliche Währung, bei Einkäufen und in vielen Restaurants. Kreditkarten werden in der Regel nur von führenden Hotels akzeptiert. Geldumtausch auf der Straße meiden!

Autor/in: HANS DIETER KLEY

© SN

 

diese seite | 06.02.2006 | 13:21

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