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Noch nicht vom Winde verweht: Georgias romantische "Southern Belle" verzaubert mit ihrem kolonialen Altstadtkern.
Sie sind prächtig herausgeputzt, die beiden weißen, in der Sonne glänzenden Flussdampfer mit ihren Promenadedecks, den kokardenartig gerafften Fahnentüchern an der Reling und den Ofenrohrschornsteinen, die flammenförmige Goldkronen tragen. Sie gleichen den Riverboats entschwundener Zeiten, mit traditionell rot lackierten Schaufelrädern am Heck, die allerdings bloß Attrappen sind.Zwischen März und November warten sie jeden Nachmittag am Kai der River Street auf Kundschaft für ihre eineinhalbstündigen Ausflüge, etliche hundert Gäste finden sich immer ein. Dann sitzen die Passagiere im Schatten an Deck, einen Styroporbecher aus der Bar mit schaumlosem Bier oder Cola in der Hand, und lassen die Ufer von Savannah in Georgia an sich vorübergleiten - in jenem Staat, der nördlich an Florida anschließt. Denn der Ort genießt den außerordentlichen Ruf, eines der besterhaltenen historischen Stadtviertel der Vereinigten Staaten zu besitzen, im völlig altmodischen Spaziergängerformat . Und im Original, nicht von Walt Disney inszeniert.
Die Flussfahrt auf dem Savannah River gedeiht freilich eher zu einer Industriehafentour; die City liegt ungefähr 25 Kilometer landeinwärts von der Atlantikküste am Ende des Flussdeltas, und man sieht nichts vom Meer.
Aber nein, Fabriken zählen nicht zu den vordringlichen Sehenswürdigkeiten, derentwegen sich massenweise Reisende ins 140.000 Einwohner große Savannah aufmachen. Sie fallen ein, um jenem von gesellschaftlichen Hierarchien bestimmten, melancholischen Lebensgefühl des "tiefen Südens" nachzuspüren, das Margaret Mitchell in "Vom Winde verweht" verewigte. Damals, als sich elf Südstaaten, um ihre Sklavenhaltung zu verteidigen, von den USA abspalteten und damit 1861 den vierjährigen, mörderischen amerikanischen Bürgerkrieg anzettelten: Tatsächlich begann er ja kaum 150 Kilometer weiter im Nordosten mit der Beschießung des Forts Sumter vor Charleston, und Georgia gehörte zu den Sezessionisten, deren damalige Plantagenwirtschaft ohne schwarze Leibeigene zusammenbrechen musste.
Auch die Savannahians haben ihre altehrwürdigen Forts Jackson und Pulaski draußen am Fluss, seinerzeit allerdings gegen etwaige spanische Überfälle errichtet. Doch den beträchtlichen Tourismus danken sie dem Umstand, dass der Nordstaatengeneral Sherman ihr schon 1733 bei der Gründung durch englische Kolonisten schachbrettartig angelegtes Stadtzentrum nach der Eroberung im Bürgerkrieg aus sentimentalen Gründen nicht brandschatzen ließ und dass es den Gemeindevätern gelang, den Stadtkern überdies vor den Abrissbirnen der Neuzeit zu retten.
Geglückter Denkmalschutz
Nun steht er komplett unter Denkmalschutz, der zahllose viktorianische Villen aus dem 19. Jahrhundert zu erhalten vermochte. Sie säumen bis heute die Alleen im Karree sowie nicht weniger als 21 idyllische Plätzchen, auf welchen sich ausladende immergrüne Eichen drängeln, dazu üppige Magnolienbäume, Azaleen-sträucher und eine große Zahl von Denkmälern und Parkbänken.
Eine davon wurde weithin bekannt, denn auf ihr saß Tom Hanks in dem Film "Forrest Gump", während er sein Leben erzählte; jetzt stehen die Bank und der schäbige Koffer, den er mit sich trug, im zum Historischen Museum verwandelten Stationsgebäude der "Central of Georgia Railroad", denn Züge verkehren hier schon lange nicht mehr. Dort lässt sich zudem das Modell eines Schiffs bestaunen, das in die Geschichte der Technik einging: Es hieß "Savannah" und war nicht etwa nur ein beliebiger Dreimaster, sondern mit einer Maschine im Bauch und seitlichen Schaufelrädern das erste Dampfschiff der Welt, das 1819 den Atlantik überquerte - von Savannah nach Liverpool und zurück.
In diesen Straßen hatten auch die Plantagenbesitzer ihre Stadtresidenzen, hier klapperten ihre Equipagen über das Kopfsteinpflaster, für das sie seinerzeit keinen müden Dollar ausgeben mussten: Das Geröll diente ursprünglich den Segelschiffen als Ballast, die aus Europa kamen, um hier Indigo, Tabak und Reis zu laden - vor allem aber Baumwollballen für englische Spinnereien, denn Savannah war zeitweise größter Baumwollexporthafen der Welt.
Jeder Spaziergang wird unvermeidlich zum historischen Lehrpfad. Hier der Chippewa Square mit einer Statue des Stadtgründers James Oglethorpe, da der Wright Square mit dem griechisch anmutenden Grabdenkmal für Häuptling Tomochichi von den damals dort ansässigen Yamacraw-Indianern; er schloss mit Oglethorpe und den weißen Siedlern Freundschaft und besuchte sogar den englischen König George II. in London. Und auch der Forsyth Park mit seinem Monument für die Toten des Bürgerkriegs und der schwelgerisch dekorierten Fontäne, deren Vorbild ehedem im Londoner Kristallpalast plätscherte.

Gleichermaßen setzen einige Gotteshäuser Marksteine in die Stadtgeschichte. Meist gehören sie evangelischen Freikirchen wie den Methodisten, die hier als erste eine Kapelle bauten; ihr englischer Gründer John Wesley predigte alsbald selbst in Savannah. Dort fand sich überdies 1773 die älteste unabhängige Kirchengemeinde der farbigen Plantagenarbeiter in den nordamerikanischen Kolonien zusammen, die "First African Baptist Church", deren jetziges Gebetshaus am Franklin Square steht.
Schrilles Outfit ist genau so wenig wie aufregendes Nachtleben angesagt; die Boutiquen und esoterischen Läden, die Straßenlokale und Bars am City Market und an der Riverfront locken ein Publikum an, das eher Eichhörnchen füttern würde als Drogen zu nehmen. In Savannah gehen die Uhren langsamer, und wenn man jemanden nach dem Weg fragt, der sich zufällig als Pastor erweist, erhält man nicht nur erschöpfende Auskunft, sondern zudem die Visitenkarte und eine Einladung zur nächsten Sonntagspredigt. Denn der Herr ist auch in der Fremde mit denen, die sich als seine Kinder fühlen.
Jedenfalls vertraute eine Gruppe armer Auswanderer auf religiöse Toleranz in der Ferne, die 1734 den Savannah River hinaufsegelte: Protestanten aus dem Salzburger Land, ihres Glaubens wegen von Haus und Hof vertrieben. Nun erinnert im Emmet Park ein Gedenkstein an sie, gestiftet von "Hans Katschthaler, Governor, State of Salzburg, dedicated to the Georgia Salzburger Society, 1993".
INFO SAVANNAH Veranstalter Die meisten großen Reiseveranstalter haben Savannah im Programm, viele Angebote findet man auch im Internet-Reiseportal www.expedia.at.
Klima Maritim-tropisch, Durchschnittstemperaturen im Winter zwischen elf und 15 Grad, im Sommer 27 bis 29 Grad. Das ganze Jahr über muss mit Regenschauern gerechnet werden, besonders in der Zeit von Dezember bis April und im Juli.
Autor/in: HEINZ HARTMANN
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