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Blumeninsel mit M? - Kreuzworträtsel-Fans tippen spontan auf Mainau oder Madeira. Dass auch ein karibisches Eiland diesen Titel trägt, ist kaum bekannt. Aber wegen der Blumen reisen ohnehin nur wenige nach Martinique.
Die Welt ist voller Missverständnisse - auch an ihren abgelegensten und gleichzeitig schönsten Ecken und Enden. Der zur Begrüßung angebotene Tea Punsch erweist sich nicht als das erwartete alkoholfreie Getränk aus schwarzem Tee, Trauben- und Grapefruitsaft sowie Ginger-Ale, sondern als hochprozentiger Mix aus viel Rum, etwas Zuckerrohrsirup und einer Limonenscheibe.
Der Rum hat auf Martinique den Tee besiegt, und zwar - historisch verbürgt - im Jahr 1806. Damals wollten die Briten den Franzosen die Antilleninsel abjagen und eroberten den vor der Südwestküste Martiniques steil aus dem karibischen Meer ragenden Rocher du Diamant, der heute zu den meist fotografierten Attraktionen von Martinique zählt. An die 200 britische Soldaten sollen damals 18 Monate auf dem unwirtlichen Felsen ausgeharrt haben. Für die Rückeroberung benötigten die Franzosen angeblich nicht einen Kanonenschuss. Sie füllten ein kleines Holzboot mit Rum und ließen dieses an der Küste des Rocher du Diamant stranden. Der Alkohol brach offenbar die Kampfmoral der Briten, die wenig später abzogen.
Martinique blieb französisch, weshalb Royal Tea Punch wohl auf der ganzen Insel nicht serviert wird. Dafür gilt "Ti Punch" als eine Art Nationalgetränk. Das "Ti" hat auch nichts mit Tee zu tun, sondern resultiert aus der kreolischen Verkürzung von "petit punch". Allerdings sind die Gläser, in denen der Cocktail serviert wird, alles andere als klein und besonders am Rum wird nicht gespart.
"Das bezauberndste Stückchen Erde"
Kolumbus wurde jedenfalls, als er Martinique 1502 entdeckte, mit Sicherheit nicht mit "Ti Punch" begrüßt. Die Arawaks, die Ureinwohner des Eilands, kannten nämlich keinen Alkohol - dafür aber Pfeil und Bogen, mit denen sie sich den Eindringlingen entgegen stellten. Möglicherweise ahnten sie, dass die seltsamen Fremden eine Gefahr für ihre "Madinina" (Insel der Blumen) darstellten. Kolumbus selbst, der sich auf bereits seiner vierten Westindien-Reise befand und schon entsprechend viel gesehen hatte, zeigte sich trotz der feindseligen Begrüßung tief beeindruckt. Der für seine nüchterne Betrachtungsweise bekannte Entdecker bezeichnete Martinique in seinem Reisetagebuch enthusiastisch als das "fruchtbarste, süßeste, das mildeste und bezauberndste Stückchen Erde", das er je gesehen hat. Das Paradies im Karibischen Meer lockte auch viele andere Besucher an, unter anderen den französischen Maler Paul Gauguin, der 1887 fünf Monate auf Martinique verbrachte und hier zwölf seiner berühmten Gemälde schuf. Der Künstler hielt sich vornehmlich in der Region um St. Pierre auf und bezeichnete die damalige Hauptstadt der Insel als "Paris der Antillen". Heute findet sich in den Reiseführern jedoch ein ganz anderes Attribut für die Stadt am Fuß des Mont Pelée: "Pompeji der Karibik". Am 8. Mai 1902 um 7.45 Uhr brach der Mont Pelée aus und begrub Martiniques Hauptstadt unter sich. Heute dokumentiert ein kleines Museum mit Exponaten wie geschmolzenen Kirchenglocken, durch die Hitze zusammengeschweißte Nägel, Lavabrocken sowie mit zahllosen Vorher-Nachher-Fotos die damalige Katastrophe.
Innerhalb von nur wenigen Sekunden fanden die 30.000 Bewohner von St. Pierre den Tod. Louis Cyparis überlebte als einziger das Inferno. Er hatte am Vorabend des Ausbruchs zu tief ins Rumglas geblickt und war zur Ausnüchterung ins Gefängnis von St. Pierre gesteckt worden. Die meterdicken Mauern hielten der tödlichen Wolke aus Feuer, Giftgas und Asche stand. Drei Tage nach dem Ausbruch des Vulkans wurde der Trunkenbold entdeckt und gerettet. Er verbrachte den Rest seines Lebens damit, seine Brandwunden im Zirkus und auf Jahrmärkten zur Schau zu stellen. Er war auch das leibhaftige Beispiel dafür, dass Alkohol nicht zwangsweise der Gesundheit schaden muss - ganz im Gegenteil.
Reizvoll: das Pompeji am karibischen Meer
St. Pierre hat sich von der Katastrophe nicht mehr erholt. Regierung und Behörden wurden in die neue Hauptstadt Fort-de-France, heute die geschäftig hektische Metropole Martiniques, verlegt. Im einstigen "Paris der Antillen" leben gegenwärtig gerade einmal 5000 Einwohner. Dennoch zählt das am Fuß des pittoresken Mont Pelée und auch direkt am Meer gelegene Städtchen zu den reizvollsten der gesamten Insel. Zu besichtigen gibt es nicht nur das Vulkan-Museum, sondern auch den renommierten Rum-Produzenten Depaz. Der Besuch einer solchen Brennerei zählt ohnehin zum touristischen Pflichtprogramm einer Martinique-Reise, denn keine andere Insel der östlichen Karibik weist eine derart große Anzahl an Destillerien auf.
Der "Rhum Agricole" gilt als das flüssige Wahrzeichen Martiniques, auf den die Insulaner stolz sind. Sie destillieren nicht Melasse, das süße Abwasser der Zuckerproduktion, wie dies in der Karibik üblich ist, sondern verwenden reinen, frisch gepressten Zuckerrohrsaft. Daraus resultiert feiner, aromatischer Rum, der mit dem hochprozentigen Freibeutergesöff aus Zuckerrohr so überhaupt nichts gemein hat. Was nicht ins Mutterland Frankreich exportiert wird, das landet zumeist im "Ti Punch", der auf Martinique vor und nach dem Essen sowie während des Essens getrunken wird.
Der Cocktail eignet sich aber auch vorzüglich als Abschiedstrunk, etwa um ein letztes Mal den atemberaubend schönen Sonnenuntergang am Plage des Salines, einem klassischen Bilderbuchstrand, zu genießen. Mit seinen windschiefen Palmen ist er die ideale Kulisse, um eine Martinique-Reise ausklingen zu lassen. Der im Meer versinkenden Sonne kann der Finger am Auslöser einfach nicht widerstehen. Der insgesamt 30. Dia-Film ist rasch voll geknipst. Erst zu Hause wird offensichtlich, dass sich unter den gut 1000 Aufnahmen kein einziges Blumenbild befindet.
INFO MARTINIQUE Anreise Per Flugzeug: von Salzburg mit Styrian Spirit nach Paris und von dort mit Air France nahezu täglich direkt nach Fort-de-France.
Klima Ganzjährig Temperaturen zwischen 25 und 30 Grad; von Mai bis November etwas mehr Regen.
Einreise Martinique gehört zu Frankreich, ist also Teil der Europäischen Union. Zur Einreise genügen Personalausweis bzw. Reisepass. Impfungen sind keine erforderlich.
Währung Euro; Kreditkarten werden in Hotels, Restaurants und größeren Geschäften akzeptiert; Bankomaten in den Städten.
Sprache Amtssprache ist Französisch; die Einheimischen sprechen untereinander Créole.
Informationen Maison de France Argentinierstraße 41a, 1040 Wien, Telefon: 01 /503289218, Fax: 01 /5032872, Internet: www.franceguide.com
Autor/in: MICHAEL STADLER
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