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Reiseberichte

Das Jesuskind heißt Santo Niño
24. Dezember 2005
Ati Atihan, das Fest des Jesuskindes, ufert auf Boracay auf den Philippinen alljährlich zum Gelage aus - Weihnachten einmal anders.

Türkisblaues Wasser, kilometerlang gleißend weißer Strand, fächelnde Palmen in kräftigem Grün vor strahlend blauem Himmel und am Abend ein knallroter Sonnenball, der in diesen Inseltraum fällt. Das ist Boracay, viel Klischee - aber wenig Philippinen. In den letzten Jahren sind eine Unzahl von Bungalows und Restaurants entstanden, die auch dem verwöhnten Touristen alles bieten.

Ein Mal im Jahr, kurz nach dem Jahreswechsel, wird die träge Idylle von einer undefinierbaren Unruhe gestört. Eine gewisse Spannung macht sich auf Boracay bemerkbar. In Kalibo auf der nahen Insel Panay findet das Ati-Atihan-Fest statt, ein Stück ursprüngliche Philippinen.

Am dritten Jännerwochen-ende bringen ganze Flotten weißer Auslegerboote Einheimische und Touristen hinüber auf die Nachbarinsel. Aber auch aus anderen Teilen des Landes strömen die Menschen herbei, um für drei Tage in das spektakulärste Festival der Philippinen hineinzutauchen. Von Hunderten geschlagener Trommeln und Xylophone vibriert die Stadt, steigert sich der Marschrhythmus farbenfroh gekleideter Fantasiegestalten allmählich zu einem schweißigen Inferno.

Wochenlang, monatelang haben die Filipinos an den farbenprächtigen Kostümen genäht, gefärbt, gestickt - nicht monströs mit Gold und Glitter, sondern mit den einfachsten Mitteln: So mancher umfrisierte Handfeger ist nun stolze Kriegermähne. Eingefärbte Kokosnüsse wogen heeresgleich glitzernd in der Sonne. Zerfranste Jutesäcke täuschen Federbüsche vor, in denen stattliche Caballeros zur Kirche tänzeln.

Das Krachen der Trommeln bestimmt den Schritt der Kostümierten - stundenlang, tagelang, zuerst geordnet, kontrolliert, dann fast ekstatisch tänzelnd, bis der ganze Körper wie eine Trommel vibriert und die Stadt in Trance verfällt, jeden mit sich reißend.

Die Anfänge dieses Festes liegen weit zurück: Anfang des 13. Jahrhunderts flohen unter der Führung des Ministers Datu Puti mehrere Familien aus Borneo vor dem Sultan Makatunaw, der die Bevölkerung tyrannisierte. Nordöstlich segelnd trafen sie auf Panay und auf die dort lebenden Ureinwohner, die Atis, kleine schwarze Negritos. Zum lächerlichen Preis eines Kopfschmuckes, einer Halskette und eines Schlüssels erwarben die hellhäutigen Neuankömmlinge gutes Land von den Atis. Die neue Freundschaft wurde mit einem Fest besiegelt und die Angelandeten färbten sich zum Zeichen der Verbundenheit die Gesichter schwarz.

Auf der Plaza herrscht unbeschreibliches Chaos. Immer wieder ruft man uns an: "Hey Joe", in der üblichen Anrede für Weiße. "Hey Joe - dance with us", und ehe wir uns versehen, sind unsere Gesichter mit Ruß beschmiert, werden wir am Arm in die Reihen der Tanzenden gezogen. Vom Rhythmus der Trommeln fast taub geschlagen, fassen die Augen noch klaren Blickes die mit Ruß geschwärzten Gestalten: Knallgelb, knallrot bahnen sich indianergleich stolze Kriegerscharen aus anderen Sphären ihren Weg. Kannibalen, fast nackt, mit Knochen im aufgesteckten Haar und Sonnenbrille, schrecken schweißig-schwarz die Leute. Büffelschädel tanzen mit Fantasiedoktoren, Feuerspeier zündeln in die Menge, Vampire umarmen zarte Blumenmädchen, wilde Rambos mit Holzgewehren lassen sich von Muschelomas küssen. Junge Mädchen, kurzberockt, tanzen durch die Straßen, Cowgirls im Sambaschritt.

Die scheinbar so profane Fiesta ist für den katholischen Filipino nicht ohne tiefen religiösen Sinn. Das Ati Atihan ist in der Hauptsache das Fest des Santo Niño, des Jesuskindes, und Santo Niños, als Püppchen getragen, gibt es viele. Der Glaube an die Wunderkraft des Jesuskindes ist bei den katholischen Filipinos ungebrochen, seit Ferdinand Magellan 1521 vor der Küste Cebus landete und dem König Humabon als Zeichen friedlicher Absichten eine hölzerne Santo-Niño-Figur schenkte.

So manche Legende spinnt sich um das göttliche Kind. So soll es den Spaniern einst gelungen sein, feindliche Moslems von der Eroberung Kalibos abzuhalten. Die Bewohner, die ihre Körper schwarz färbten, sich kriegerisch verkleideten und wild tanzten, wirkten auf die Sklavenjäger aus Mindanao so Furcht erregend, dass sie die Flucht ergriffen. Dass bei diesem Ereignis Santo Niño persönlich erschienen ist, wird von keinem Filipino ernsthaft in Zweifel gezogen.

Unter Geläut geht es hinein in die Kirche. Jeder schreitet oder tänzelt zum Altar, egal ob Fantasieazteke oder Transvestit in aufreizenden Dessous. Der Priester heilt sie alle an Leib und Seele, indem er mit dem Niño-Bildnis ihren Körper berührt. Drei Tage und Nächte kommt das bunte Treiben nicht zum Stehen. Am Sonntagmorgen geht das Fest seinem Höhepunkt entgegen.

Wie jedes Jahr betritt der Bischof von Panay am dritten Jännersonntag das hölzerne Podium und erhebt die Stimme: "In nomine patris, et filii, et spiritus sancti, amen!" Das tobende Volk verstummt, während der Geistliche die Festmesse zu Ehren des Santo Niño liest. Ehrfürchtig lauscht die Menge, bis der Oberhirte die Hände zum Segen erhebt und ausruft: "Viva kay Senor Santo Niño, es lebe das Heilige Kind!"

"Viva Santo Niño! Viva!" brandet es zurück. Erneut erbebt die Stadt von Trommeln und Instrumenten und alle Jesuskindstatuen, Figuren und Figürchen werden in festliche Kleidchen gehüllt in einer farbenprächtigen Prozession durch die Straßen getragen.

Und die Atis? Wo sind die kleinwüchsigen dunklen Ureinwohner geblieben, die heute im Hinterland siedeln? Nicht viele sind erschienen, nur ein kleines Grüppchen drängt sich an den Rand der Plaza. Sie, die eigentlich neben Santo Niño im Mittelpunkt des Geschehens stehen müssten, starren apathisch auf das Geschehen. Die Atis haben sich, auch noch von der Moderne überrollt, schon längst dem Trunk ergeben.

INFO BORACAY
Reisezeit

Am angenehmsten reist man von Dezember bis Mai, während der Trockenzeit.

Visum
Botschaft Republik Philippinen, Uhlandstr. 97, 10715 Berlin, Tel.030-8649500, Fax: 030-8732551, www.philippinischebotschaft.de; E-Mail: berlinpe@t-online.de.

Unterkunft
Für einen Besuch des Ati-Atihan- Festivals empfiehlt es sich, sich auf der Insel Boracay einzumieten, da die Zimmerpreise in Kalibo für die Dauer des Festes in Schwindel erregende Höhe steigen. Auf Boracay stehen zahlreiche Strandbungalows aller Preisklassen zur Verfügung - von 10 Euro bis 100 Euro für ein Doppel. Viele Bungalowbesitzer organisieren eintägige Touren zum Ati- Atihan-Fest.

Informationen
Philippinisches Fremdenverkehrsamt; Kaiserhofstraße 7, D-60313 Frankfurt; Telefon 069 208 93/ 94, Fax: 069 285 127.

Autor/in: JÖRG KERSTEN

© SN

diese seite | 27.12.2005 | 10:44

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