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Die Einsamkeit Westaustraliens beherbergt versteinerte Wälder, die älteste Lebensform der Erde und so manche Überraschungen.
Voll in die Bremsen. Schon wieder bricht der allradgetriebene Toyota Landcruiser leicht nach rechts aus, doch dieses Fahrverhalten überrascht nicht mehr sonderlich. Bereits zwei weitere Male war das Manöver in der vergangenen halben Stunde als nötig erachtet worden. Es entlarvt den Lenker wohl als Touristen, denn Australier vertrauen ihrer an der Wagenfront montierten „roo protection“ (Känguruschutz) und denken zumeist nicht daran, wegen eines lebensmüden Beuteltiers zu bremsen. Die Angst, sich mit dem europäischen Fahrstil zu blamieren, ist allerdings unbegründet: weit und breit kein anderes Fahrzeug zu sehen.
Mick hatte gestern in der „Brass Monkey Bar“ in Perth nach dem dritten „Brass Monkey Stout“ noch ausdrücklich davor gewarnt, in der Dämmerung zu fahren, weil die „goos“ in dieser Zeit besonders „crazy“ seien. Dass Micks Warnung in den Wind geschlagen wurde, lag nicht an der herrschenden Windstille, die seit Tagen die Hitze im Westen Australiens als unerträglich erscheinen lässt, sondern vielmehr an der Reiseliteratur. Diese beschreibt nämlich die bizarren Felsformationen der „Pinnacles“ in der Morgen- und Abendsonne als besonders reizvoll. Und der Nambung Nationalpark mit dem berühmten „steinernen Wald“ liegt mehr als 200 Kilometer nördlich von Perth.
Das frühe Aufstehen und die durch die halsbrecherischen Mutproben einzelner Kängurus recht anstrengende Fahrt haben sich gelohnt: Die dichte Ansammlung von bis zu vier Meter hohen Felsnadeln, Türmen, Obelisken und Säulen, die auf einer Fläche von rund vier Quadratkilometern in den Himmel ragen, beeindruckt im warmen Morgenlicht.
Die Aborigines halten die bizarren Felsformationen für versteinerte Geistwesen und meiden den Platz – ganz im Gegensatz zu den Touristen. Eine Besichtigung der „Pinnacles Desert“ darf bei keiner Reise durch Westaustralien fehlen, handelt es sich doch um eine der faszinierendsten Landschaften in diesem abgeschiedenen Teil des fünften Kontinents.
Die markanten Kalksteinsäulen finden sich in einer wüstenähnlichen, nahezu vegetationslosen Sandebene. Inmitten dieser wirken die Felsen wie die Reste einer vor mehreren hundert Jahren verlassenen Stadt, an welcher der Zahn der Zeit eifrig genagt hat. Die wissenschaftliche Erklärung des Phänomens klingt vergleichsweise nüchtern. Es handelt sich um das Wurzelsystem eines vor langer Zeit abgestorbenen Waldes, dessen Boden einst sehr säurehaltig war. Das versickernde Wasser mischte sich mit Quarzsand und lagerte sich zwischen den Wurzeln der mächtigen Bäume ab. Nachdem der Wald später abgestorben war, wurden die weicheren Bodenteile Opfer der Erosion. Die versteinerten Wurzeln trotzen hingegen noch 30.000 Jahre später zu tausenden Wind und Wetter.
Im Lauf des Vormittags tauchen die ersten Busse mit Touristen im 1956 gegründeten Nambung Nationalpark auf. In Perth bieten verschiedene Veranstalter Tagesausflüge zu den „Pinnacles“ an und davon wird offenbar ziemlich rege Gebrauch gemacht. Bald knattern auch die ersten Helikopter mit fotografierwütigen Passagieren über den „steinernen Wald“ hinweg. Am späten Nachmittag ist der Spuk dann wieder vorbei. Wenn die Sonne die seltsamen Felsgebilde rot leuchten lässt, dann sind die Gruppenreisenden längst wieder in Richtung Perth unterwegs. Dabei hat der Nambung Nationalpark auch noch eine andere Attraktion zu bieten: die „Stromatolites“.
Die wenigen Kilometer zum Lake Thetis genügen, um die vermutlich älteste existierende Lebensform, die es auf der Erde gibt, zu bewundern. Aus dem brackigen Wasser des Binnensees ragen kleine, runde Inseln. Diese felsähnlichen Gebilde, die sich aus Kleinstorganismen zusammensetzen, können weltweit nicht allzu oft lebend beobachtet werden. Zugegeben, so imposant wie die „Pinnacles“ sind die Stromatholithen nicht, aber der kleine Abstecher lohnt sich durchaus.
Der Nambung Nationalpark beherbergt noch eine weitere Besonderheit, nämlich die rotgrüne Kängurupfote. Der Name täuscht, denn mit dem Beuteltier hat der Strauch nicht viel zu tun. Die roten Blüten erinnern vielleicht bei einiger Fantasie oder nach mehreren Gläsern „Brass Monkey Stout“ an die Pfoten eines Kängurus. Bei „Anigozanthus manglesii“, so der botanische Name, handelt es sich um die Wappenpflanze des Bundesstaats Westaustralien. Deren touristisches Potenzial ist allerdings begrenzt, denn sie blüht zumeist nach Regenfällen. Geregnet hat es in der Region seit Wochen nicht mehr. Wahrscheinlich ist dies der Grund, dass die Kängurupfotensuche im Outback trotz Naturreiseführers in der Hand erfolglos bleibt.
Am Rand der Straße, die durch eine unglaubliche Einsamkeit zurück nach Perth führt, liegen immer wieder die Reste von Kängurukadavern. Die riskanten Mutproben der Beuteltiere fordern offenbar ihre Opfer. Warum die Tiere immer extrem knapp vor den Autos die Fahrbahn überqueren müssen, bleibt ein Rätsel. Lebensraum abseits der wenigen Straßen hätten sie jedenfalls genug. Mit 2,5 Millionen Quadratkilometern ist der Bundesstaat Westaustralien zwar sieben Mal so groß wie Deutschland, doch leben hier nur 1,6 Millionen Menschen – und eine Million davon wohnt in Perth.
Die Lichter der Metropole tauchen in der Ferne auf. Die Tour zu den „Pinnacles“ hat hungrig gemacht. Weil es schon spät ist und es regnet (!), bekommt dieses Mal das Restaurant im Novotel Langley Perth eine Chance. Auf der Speisekarte findet sich ein Gericht namens „Trio of Bushtucker“ mit Filets von Büffel, Emu und Känguru. Nein – das ist jetzt nicht die Rache für die morgendlichen Reaktionstests, aber im Vergleich zum ziemlich zähen Büffel und zum eher geschmacksneutralen Emu schmeckt das Känguru wirklich sehr gut.
INFO WEST-AUSTRALIEN Veranstalter
U. a. bietet Kneissl Touristik eine Auswahl an Australien-Specials. Information und Buchung bei Kneissl Touristik Salzburg, Linzer Gasse 40, Tel. 0662/877070, www.kneissltouristik.at.
Klima Als ideal für Westaustralien gelten die Monate März, April, September, Oktober und November. Angenehm im Dezember, Jänner und Februar. Von Mai bis Juli muss mit kühlem, regnerischen Wetter gerechnet werden.
Währung 1 australischer Dollar kostet rd. 0,63 Cent, d. h. für 1 Euro gibt es 1,60 austral. Dollar. Gängige Kreditkarten werden fast überall akzeptiert. Flüge Perth wird von vielen Fluggesellschaften angesteuert, allerdings kaum direkt. Anreisezeit zwischen 20 und 22 Stunden.
Visum Europäer benötigen ein Touristenvisum (Short Stay Visa, 20 €)
© SN/MICHAEL STADLER
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