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Reiseberichte

Lucy und das achte Weltwunder
5. November 2005
Äthiopiens historische Route von Addis Abeba nach Lalibela, Axum, Gondar und Bahar Dar ist keine Urlaubs-, sondern eine Erlebnisreise.

Die zaghafte Öffnung Äthiopiens durch das derzeit herrschende Regime läßt Hoffnung auf Normalität aufkeimen. Immerhin besuchten im Jahr 2004 über 200.000 Touristen das geschichtsträchtige Land.

Ausgangspunkt der Rundreise ist die Hauptstadt Addis Abeba. Die rasch wachsende Millionenstadt bietet einige wenige Sehenswürdigkeiten, eine davon ist das Nationalmuseum mit "Lucy", dem Skelett des ersten Menschen, zwischen 2,9 und 3,8 Millionen Jahre alt. Auch ein Besuch des Mercato, Afrikas größtem Markt, lohnt sich, allerdings nicht für Menschen mit schwachen Nerven: Ein unbeschreibliches Wirrwarr von blauweißen Minibussen - den lokalen Taxis -, Eselskarren, Menschen und Lastwagen beherrscht hier das Geschehen.

Während des Fluges von Addis Abeba nach Lalibela, der Heiligen Stadt, breiten sich unter der zweimotorigen Fokker-50 der Ethiopian Airways menschenleere, sich ständig verändernde Landschaften, tiefe Schluchten und riesige Plateaus aus. Nur vereinzelt funkelt das Blechdach eines einsamen Farmgebäudes in der Sonne. Übrigens: Auf Inlandsflügen gibt es keine Platzvergabe. Wer einen der begehrten Fensterplätze ergattern will, muss wohl seine Ellbogen gebrauchen, um als erster im Flugzeug zu sein.

Der relativ neue Flughafen Lalibelas liegt eine knappe halbe Stunde mit dem Bus vom Dorf entfernt. Die asphaltierte Straße windet sich hinauf auf 2630 Meter, vorbei an terrassenförmig angelegtem Farmland mit strohgedeckten Rundhäusern, so genannten Tukuls. Vereinzelt blockieren Viehherden die Straße. Wie aus dem Nichts strömen plötzlich Kinder herbei, winken und rufen den Fremden fröhlich zu und begleiten den Touristenbus für eine kurze Zeit. Die hügelige Landschaft präsentiert sich kurz nach Ende der Regenzeit noch in sattem Grün, gesprenkelt mit grellroten Blumenfeldern.

In Lalibela angekommen, schockiert zuerst die Armut der Einwohner. Die Straße geht in ein holpriges Stöckelpflaster über, links und rechts gesäumt von armseligen Hütten, in und vor denen sich viele teils in Lumpen gekleidete Menschen aufhalten. Doch es gibt auch Fortschritte: Kinder gehen in zwei Schichten zur Schule, Aids-Präventivstellen und weltweite Hilfsorganisationen haben hier Niederlassungen errichtet.

Felsenkirchen gelten als Weltwunder

Die elf beeindruckenden Felsenkirchen Lalibelas mit ihren farbenfrohen naiven Malereien im Inneren wurden nicht gemauert, sondern mit Äxten aus dem Fels gearbeitet. Sie werden mit Recht als achtes Weltwunder bezeichnet. Im Gebet versunkene Mönche leben in den Felshöhlen rings um die Kirchen. Sie ungefragt zu fotografieren, wird als äußerst unhöflich empfunden.

Eine Flugstunde von Lalibela entfernt liegt Axum, das "Rom Äthiopiens", in 2150 Metern Höhe. Hier soll Makeda, die legendäre Königin von Saba, residiert haben. Axum war einst die Hauptstadt Äthiopiens, ihre Kathedrale, Marjam Tsion, ist angeblich im Besitz der Heiligen Bundeslade mit den Tafeln der Zehn Gebote. Das Original wird jedoch streng verschlossen aufbewahrt, da der Legende nach jeden sofort bei seinem Anblick der Tod ereilen soll - man kennt das ja von Indiana Jones. Eine Replik der Lade wird bei religiösen Festen von prächtig gekleideten und beschirmten Würdenträgern in einer Prozession durch den Ort getragen.

Die eigentliche Attraktion Axums sind jedoch die Stelen, den ägyptischen Obelisken vergleichbar. Sie sind Denkmäler verstorbener Herrscher aus dem 4. und 5. Jahrhundert vor Christus, deren höchstes mit 34 Metern bei der Errichtung umgestürzt ist. Sie kann heute noch im Stelenpark liegend bewundert werden. Vom staatlich geführten Yeha-Hotel hoch über Axum hat man den besten Blick über das Gräberfeld.

Eine kurze Flugstrecke entfern liegt Gondar, zu Zeiten Kaiser Fasilidas' im 17. Jahrhundert Hauptstadt Äthiopiens. Blickfang ist hier der teils verfallene und derzeit in Restaurierung befindliche Palastbezirk aus dem 17. und 18. Jahrhundert, er umfasst etwa 7000 Quadratmeter Fläche und beherbergt sieben Gebäude der verschiedenen Gondar-Kaiser. Auch das etwa drei Kilometer entfernte Bad des Fasilidas und die Kirche Debre Berhan Selassie mit ihrem berühmten Deckengemälde, das die abgeschlagenen Köpfe von Engeln zeigt, sollten im Besuchsprogramm nicht fehlen.

Gondar ist aber auch eine aufstrebende Industriestadt mit vielen kleinen Geschäften und aktivem Nachtleben. Der Besuch einer der vielen Azmari-Bars ist ein Muss; Azmaris sind eine unseren Gstanzlsängern und Schuhplattlern nicht unähnliche Tanz- und Singtruppe, die sich in nicht immer ganz stubenreinen Reimen über die Gäste lustig machen. Zum Abendessen gibt es die Spezialität des Landes: ein schwammartiges Fladenbrot, bedeckt mit verschiedenen scharfen Soßen und Fleischgerichten, dazu wird Honigwein getrunken.

Die vierstündige Busfahrt nach Bahar Dar am Tana-See, dem Ursprung des Blauen Nils, führt über 187 Kilometer durch eine Hügellandschaft, die man eher in der Toskana vermuten würde. Die breit angelegte Asphaltstraße wird von wenigen Motorfahrzeugen, dafür von um so mehr Menschen mit ihren Viehherden und Eselskarren frequentiert. Man hat den Eindruck, dass sich die Einwohner Nordäthiopiens auf ständiger Wanderschaft befänden. Das Mannesvolk geht voran, den Hirtenstab quer über die Schulter gelegt, gefolgt von den Kindern, und am Schluss die Ehefrauen, die sich schwere Lasten mit den Tragtieren teilen.

Bahar Dar ist eine moderne Stadt am Rande des Tana-Sees mit fast mediterranem Flair, palmengesäumten Boulevards und einem pulsierenden Marktgeschehen. Die Hauptattraktion sind jedoch die 44 Inselklöster im Tana-See; einige davon sind mit abenteuerlich anmutenden Touristenschiffen zu erreichen.

Der Ausflug zum Ursprung des Blauen Nil ist schon wegen der halbstündigen Wanderung dorthin reizvoll. Die früher spektakulären Wasserfälle haben sich allerdings durch ein vorgelagertes Kraftwerk auf ein Drittel ihres ehemaligen Umfangs reduziert.

INFO NORDÄTHIOPIEN
Veranstalter
Intertravel bietet im Februar und März 2006 eine einwöchige Rundreise "Historische Route" mit wöchentlichen Direktflügen von Österreich nach Addis Abeba an, und zwar am 3. 2. ab Wien, am 10. 2. ab Salzburg, am 17. 2. ab Graz und ab 24. 2. bis 24. 3. jeweils wöchentlich wieder ab Wien. Preis inkl. vier Inlandsflügen ab 1790 Euro exkl. Steuern. Buchungen: Tel. 0662/88922, 01/5330660 oder unter www.intertravel.at.

Klima
Beste Reisezeit ist von September bis April mit Temperaturen im Hochland zwischen 20 und 30 .

Währung
Die äthiopische Währung ist der Birr. Ein Euro sind umgerechnet ca. 10,2 Birr.

Impfungen
Es sind keine Impfungen vorgeschrieben, empfehlenswert Hepatitis A und B, Typhus und Cholera. Malariaprophylaxe.

HERBERT HILZENSAUER

© SN

Äthiopien Info-Abend: hier klicken

 

diese seite | 07.11.2005 | 16:52

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