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Reiseberichte

Gottesstaat im Wandel?
15. Oktober 2005
Der Wahlsieg des fundamentalistischen Revolutionärs Ahmadinedschad im Iran kann als Ausdruck der Unzufriedenheit mit einem Regime verstanden werden, ...

... das zwar dem Volk alles versprach, aber nur den privilegierten Familienclans und den korrupten Helfershelfern etwas gab.

Energisch tönte Lothars "Achtung Kopftuch" zum wiederholten Mal durch den Bus. Wieder einmal hatten wir uns einer der unzähligen Polizeistationen genähert, wo das gestrenge Auge der Staatsdiener nebenbei auch die Gelegenheit wahrnimmt, Touristen auf die Einhaltung der Bekleidungsvorschriften zu überprüfen. Längst hatten sich die Damen damit abgefunden, sich bis zur Unkenntlichkeit mit Kopftuch und knöchellangem Umhang verhüllen zu müssen.

In den größeren Ortschaften strahlen die Porträts von Märtyrern aus dem Krieg gegen den Irak in Übergröße von den Hausmauern. Jahrzehnte nach der Revolution ist vom Gottesstaat eigentlich nur mehr die Fassade intakt. Nach außen gibt man sich vorschriftsgemäß und zugeknöpft, hinter verschlossener Tür hat man sich bereits die erwünschte Freiheit genommen.

Eine zweite, friedliche Revolution, der totale Bruch mit den Verfechtern eines Staates von Gottes Gnaden, steht im Iran nicht erst bevor, nein, sie hat längst schon begonnen. Denn das Interesse am europäischen Fußballgeschehen und an westlicher Musik übersteigt bereits den augenblicklichen Stellenwert der religiösen Traditionen bei weitem.

Hat mit der Wahl des ultrakonservativen Machmud Ahmadinedschad zum Staatspräsidenten die iranische " Rolle rückwärts" begonnen? Denn mit Lockerungen die Bekleidungsvorschriften oder das Internet betreffend könnte nur dann zu rechnen sein, wenn sich daraus ein praktischer Nutzen für den Präsidenten ergeben könnte. Der Sieg des fundamentalistischen Revolutionärs Ahmadinedschad ist Ausdruck der Unzufriedenheit mit einem Regime, das dem Volk viel versprach, aber nur privilegierten Familienclans und korrupten Helfershelfern diente.

Der Iran als wichtiges Verbindungsglied zwischen dem Nahen Osten einerseits und dem süd- bzw. zentralasiatischen Raum andererseits war schon immer als Transitland von großer Bedeutung. Landschaftsbestimmend ist das zentrale Hochland mit Durchschnittshöhen zwischen 800 und 1000 Metern, es wird an den Rändern im Norden, Süden und Westen von gewaltigen Gebirgsketten begrenzt, die weit über 4000 Meter aufragen können und im Damavand mit 5671 Metern die höchste Erhebung des Landes erreichen. Begeisterung vermag die wilde Gebirgslandschaft Luristans auszulösen. Stundenlang passiert man Gebirgszüge jüngster Entstehungszeit, die einen tiefen Einblick in die Formenwelt der Erdkruste gewähren.

Im Osten gehen die Steppen und Wüstensteppen des Hochlandes allmählich in die Vollwüsten Kavir und Lut über, was anhand der zunehmenden Aridität dieser Zentrallandschaft nach Osten hin verständlich erscheint. Zu den wenigen vollnomadischen Stämmen, die sich aus den Glutnestern der Niederungen im Sommer in die kühleren Höhen der Zagrosketten mit ihren riesigen Schaf- und Ziegenherden absetzen, sind vor allem noch die Qashqai zu zählen, zu deren bevorzugtem Lebensraum die Provinz Fars im Süden des Landes gerechnet werden kann. Bewundernswert ist ihre Selbstsicherheit, mit der diese Nomaden bislang problemlos den allgemeinen Bekleidungsanliegen des Staates trotzen konnten. Die Buntheit und Auffälligkeit ihrer Kleidung bringt Kontrast in die karge Landschaft des Südens. Viel Staub wird aufgewirbelt, wenn sich die eine oder andere Familie mit ihren Großherden wieder einmal auf dem Trip zu den ersehnten Sommerweiden befindet. Der bescheidene Hausrat für die nächsten Monate befindet sich festgezurrt auf den Rücken der Packesel. Unvorstellbar für einen Mitteleuropäer, mit dieser Ausrüstung über längere Zeit das Auslangen finden zu müssen.

Unter der Herrschaft der Achämeniden, federführend unter Dareios I. (6. Jh. v. Chr.) begann die Grundsteinlegung für den äußerst weitläufigen Palastkomplex von Persepolis. Durch das Heranziehen von Kunsthandwerkern aus allen Landesteilen fanden verschiedenartigste Strömungen in Architektur und Dekoration ihren Niederschlag. Das Prunkstück bildet die zur Apadana hochführende Freitreppe, an der prachtvolle Reliefs den einstigen Einzug der 23 Delegationen des Reiches anlässlich großer Feierlichkeiten und Empfänge aufzeigen. An manchen Stellen hat der Stein, der auf Hochglanz poliert war, sein Leuchten bis heute erhalten.

Yazd, am Westrand der Wüste Lut gelegen, verdient es durchaus, "Stadt der Bagdire" genannt zu werden. Die zahlreichen Windtürme sorgen nicht nur für eine aufregende Horizontlinie, sondern erfüllen auch durch ihre senkrechten Luftschlitze die Funktionen einfacher Klimaanlagen, indem sie bereits die leisesten Luftbewegungen einfangen und über ein vielverzweigtes Schachtsystem auf ihrem Weg in das Turminnere darunter befindliche Räume abkühlen. Wie alle anderen Städte am Wüstenrand verdankt auch Yazd ihre Wasserversorgung einem sehr aufwändig gestalteten System. Diese so genannten Qanate führen das lebenswichtige Trinkwasser unterirdisch oft sogar über Distanzen bis zu 70 Kilometer heran. Wenn auch durch ihre Kurzlebigkeit (50 bis 70 Jahre) viele Qanate verfallen sind oder durch moderne Pumpen ersetzt wurden, so ist man in vielen Trockengebieten des Landes noch immer auf diese auf das 1. Jahrtausend v. Chr. zurück gehende Wasserversorgungtechnik angewiesen. Unweit der Stadt trifft man auf die Türme des Schweigens, zwei Bestattungstürme, in denen die Toten der Zoroastrier den Geiern zum Fraß ausgesetzt wurden.

Isfahan als absoluter Höhepunkt der Reise

Zum absoluten Höhepunkt einer Reise kreuz und quer durch den Iran gereicht ein mehrtägiger Besuch Isfahans. Immer wieder fühlt man sich vom Terrassenteehaus hoch über dem Nordtor des Königsplatzes regelrecht angezogen, denn von dieser Stelle aus ist der gesamte zentrale Komplex mit all seinen baulichen Kostbarkeiten leicht überschaubar. Eine doppelstöckige Arkadenanordnung umrahmt den mit viel Grün und Wasserfontänen ausgestatteten Meidan-e Imam. An jeder Seite dieses rechteckigen Platzes trifft man auf großartige Zeugnisse safawidischer Baukunst. Den Südflügel beherrscht die Masjed-e Imam, die eine typische persische Moschee verkörpert, wo sich vier Iwane zu einem Innenhof, der von zweistöckigen Arkaden umgeben ist, öffnen. Die vier Minaretts verteilen sich auf den Eingangs- und Südiwan und sind denselben aufgesetzt. Da der Auftraggeber, Shah Abbas I., möglichst rasch die Vollendung der Moschee erleben wollte, verwendete man mehrfarbig glasierte Fliesen als Wandschmuck, nur die wichtigsten Stellen der Moschee um den Mihrab sowie den Haupteingang erhielten eine kleinteilige Mosaikverkleidung.

INFO IRAN
Anreise
Von Österreich, der Schweiz und Deutschland kann man entweder mit Iran Air, Irans nationaler Fluggesellschaft, mit Austrian Airlines, mit Lufthansa oder mit Swiss direkt nach Teheran fliegen.

Kleidung
Reisende müssen sich ebenfalls an die Bekleidungsvorschriften halten. Laut islamischem Gesetz müssen alle Frauen alles außer das Gesicht in der Öffentlichkeit verdecken (ein Mantel und ein Kopftuch sind ausreichend). Männer sollten immer lange Hosen tragen.

Autor/in: HEIMFRIED MITTENDORFER

© SN

 

diese seite | 17.10.2005 | 14:00

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