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Reiseberichte

Märchen von Abu Dhabi
3. September 2005
Ein Wüstenstaat, in dem tagtäglich Erdöl im Wert von 80 bis 100 Millionen Dollar sprudelt, zapft den Touristenstrom an.

Der sagenhafte Reichtum Abu Dhabis spiegelt sich in luxuriösen Hotelpalästen wider, die nun masterplanmäßig aus dem Boden sprießen wie die Bäume und Sträucher eines gigantischen Projektes zur Begrünung der Wüste.

Es war einmal in Liwa, am Rand der Rub al-Khali, der größten Wüste der Welt. Dort versammelten sich Jäger vom Stamm der Al-Bu-Falah, um eine Gazelle zu jagen. Die Wüstensöhne verfolgten das Tier bis an den Golf von Arabien, wo sie auf eine Frischwasserquelle stießen, eine Festung errichteten und damit den Grundstein legten für eine Stadt, die sie Abu Dhabi („Vater der Gazelle “) nannten.

Wer sich heute über die Muqta-Brücke Abu Dhabi City, der Hauptstadt des Emirates Dubai und der Vereinigten Arabischen Emirate, nähert, traut seinen Augen nicht. Wie eine Fata Morgana taucht entlang der Corniche aus dem Hitzeschleier die Silhouette einer Stadt auf, die binnen weniger Jahrzehnte ihr Antlitz völlig verändert hat.

Noch 1948 schilderte der britische Forschungsreisende Wilfred Thesiger, der die flache Sandinsel, auf der Abu Dhabi liegt, nur bei Ebbe und auf einem Kamelrücken erreichen konnte: „Eine große Festung beherrschte die kleine, verfallene Stadt, die sich am Ufer entlangzog. Es gab ein paar Palmen und in der Nähe einen Brunnen, wo wir unsere Kamele tränkten. Dann gingen wir zur Festung, setzten uns vor die Mauern und warteten darauf, dass die Scheiche aus dem Mittagsschlaf erwachten.“

Inzwischen wachen die Scheiche in luxuriös ausgestatteten Hochhäusern mit bis zu 42 Stockwerken auf. Der aus der Regierungszeit von Zayed dem Großen (1855–1909) stammende Al-Husn-Palast, Nachfolgebau der ursprünglichen Festung, erscheint winzig inmitten der ihn umringenden Wolkenkratzer. Die städtebauliche Revolution als einziges Gebäude überlebt zu haben, wies dem „Weißen Fort“ bis vor wenigen Monaten den Rang des bedeutendsten aller architektonischen Meisterwerke von Abu Dhabi zu.

Doch als sich die Regierung des Emirates am schönsten Sandstrand der Stadt ein pompöses Märchen aus 1001 Nacht leistete, musste der ehrwürdige Al-Husn-Palast kapitulieren. Das Emirates Palace – hinter heruntergelassenem Schleier kursieren Baukosten von drei Milliarden US-Dollar – ist heute das Objekt der Begierde von Geschäftsleuten und Urlaubern, die wissen, was sieben Sterne wert sind. Auf einen Kilometer Spannweite breitet der Luxustempel seine Pracht aus Marmor, Gold , Brokat und Kristall aus. Wer sich auf dem Weg von seiner Suite zu einem der 20 Restaurants oder Bars verirrt, oder ein Fahrservice benötigt, findet den Beistand bildhübscher philippinischer Hostessen, eifriger Butler und aufmerksamer Chauffeure.

In der Hauptstadt stellt Abu Dhabi Prunk zur Schau, in der Wüste fließen Milliardenbeträge in die Begrünung der Landschaft. Zentrum des gigantischen Projektes ist Liwa. Zwischen gelb- bis rötlichfarbenen Dünen bilden 30 besiedelte und bewirtschaftete Oasen einen Halbkreis.

Sir Bani Yas, ein noch vor 30 Jahren karges, gebirgiges Atoll vor den Traumstränden von Jebel Dhanna, hat Scheich Zayed bin Sultan Al-Nahyan, der im November 2004 verstorbene Herrscher, gar in ein üppig grünendes Wildtierparadies verwandelt. Giraffen stolzieren zwischen den mit Mangos, Feigen, Kokosnüssen, Äpfeln und Zitronen beladenen Bäumen. Pfauen schlagen bunte Räder, rosa Flamingos fischen in seichten Gewässern, im Schatten lüften Strauße und Emus ihr Gefieder. Herden von Oryxantilopen und Gazellen, ursprünglich über die ganze arabische Halbinsel verbreitet, dann fast ausgerottet, vollführen artistische Bocksprünge auf der „Arche Zayed“.

In kleinen Schritten entwickelt sich der Tourismus in Abu Dhabi. Das wohlhabende Emirat braucht nicht unbedingt ein zweites Standbein, solange das Erdöl reichlich fließt. Und das wird noch 100 Jahre so sein.

diese seite | 05.09.2005 | 10:26

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