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Reiseberichte

N.Y. für Fortgeschrittene
27. August 2005
New York City ist so sicher wie lange nicht mehr. Auch in der Bronx, einst Inbegriff von Mord und Totschlag, werden "Insightseeing-Touren" für Touristen veranstaltet.

Das Grafitti, das einen getöteten Gangster rühmt, wäre ja ein tolles Fotomotiv. Wenn nur nicht diese finster blickenden Typen davor stünden. "Wichtigste Verhaltensregel in der Bronx: bloß niemanden fotografieren oder filmen -man könnte einen Drogendealer vor der Linse haben und dann kann es sehr, sehr unangenehm werden," warnt Bernd Obermann, der acht Touristen aus Österreich in einer "Walking Tour Bronx" durch den berühmt-berüchtigten New Yorker Stadtteil führt. Obermann führt auch näher aus, was er unter "unangenehm" versteht: "Schusswaffengebrauch und so." Das leuchtet jedem irgendwie ein. Und so werden die Digicams und Fotoapparate von jetzt an nur dann gezückt, wenn keine Passanten ins Bild laufen können.

In der South Bronx, an der Kreuzung 138. Straße und 3rd Avenue, beginnt die Walking Tour. Erster Höhepunkt: "Fort Apache", jenes New Yorker Polizeirevier im 40. Bezirk, das durch den gleichnamigen Film mit Paul Newman berühmt wurde. Ein am Portal lehnender Polizist lässt sich bereitwillig fotografieren, nachdem er seine Zigarette ausgedämpft hat. "Fort Apache" und Yankee Stadium Von jenem Belagerungszustand, wie er im Film geschildert wurde, sei man heute weit entfernt, erklärt der Officer. "Erst einen Mord hatten wir heuer im Vierzigsten", sagt er, "Das ist eigentlich gar nichts. 1993 gab es zusammengerechnet über 70."

Es ist die seit Anfang der 90-er Jahre stetig sinkende Verbrechensrate in New York, die ein Angebot wie die "Walking Tour Bronx" überhaupt erst möglich macht. In den 1980er Jahren wären Touristen vermutlich schon bei der Anreise in der U-Bahn auf der Höhe von Harlem überfallen worden; heute ist es durchaus möglich, sich mit ortskundiger Führung in der Bronx, diesem riesigen Stadtteil mit 1,3 Millionen Einwohnern vorwiegend hispanischer Herkunft, sicher zu bewegen. Vorausgesetzt, man fotografiert keine Leute auf der Straße. Und vorausgesetzt, man ist tagsüber unterwegs. "Die South Bronx", sagt Obermann, "gehört in der Nacht nach wie vor den Gangs."

Vom "Fort Apache" marschiert die Gruppe zu Fuß zum Lincoln Hospital (seit jeher führend in der Behandlung von Schusswunden) und anschließend geht's mit dem Bus zum riesigen klassizistischen Gebäude des Bronx County Building bei der Prachtstraße Grand Concourse. Etliche Correction-Cars - Gefängniswagen - geparkt in der Umgebung, zeugen davon, dass sich hier ein Justizpalast befindet.

Das in den 30er Jahren errichtete Gebäude ist literarischer Schauplatz in Tom Wolfes voluminösem New-York-Roman "Fegefeuer der Eitelkeiten". Larry Kramer, der melancholische Unterstaatsanwalt lässt da einmal von seinem Dienstzimmer aus seinen Blick südwärts auf einen Park schweifen. In dem sich interessanterweise ein Heinrich-Heine-Denkmal befindet. Das überaus hässliche Monument hatte Elisabeth von Österreich ("Sisi") der Stadt Düsseldorf geschenkt, doch die Stadtväter machten sich nichts daraus und gaben es an die jüdische Gemeinde in New York weiter, die es eigentlich im Central Park aufstellen wollte.

Nach der Abkehr Heines vom Judentum war die Gemeinde verärgert, weshalb das ungeliebte Denkmal schließlich in der Bronx aufgestellt wurde. Seit kurzem erstrahlt es wieder in ursprünglichem Weiß, nachdem ein Düsseldorfer Anwalt eine Reinigung gestiftet hat.

Nach einem Brunch bei einem McDonald's am berühmten Yankee-Stadium geht's weiter mit der Metro Nr. 4, die als Hochbahn verläuft. Die halbstündige Fahrt ist ein Sightseeing-Trip zehn Meter über der "tristen Sargassosee der Bronx" (Tom Wolfe): Mietskasernen wechseln sich ab mit Hinterhöfen und billigen Straßenmärkten. Wer hier entlang der Metro lebt, ist arm.

Wer hingegen am Woodlawn-Friedhof begraben ist, war meist reich. Der schönste Gottesacker New Yorks liegt gleich um die Ecke an der Endstation der Metro. Hier haben und hatten die reichsten Familien der Stadt ihre Mausoleen, hier sind viele Berühmtheiten aus Politik, Kunst und Show-Business begraben. Wer die Jazz-Größen Miles Davis, Duke Ellington und Lionel Hampton verehrt, findet ihre Ruhestätten nur jeweils einen Steinwurf voneinander entfernt.

Edgar Allen Poe und "Little Italy" Nach dem Rundgang im Friedhof führt die Tour mit der Metro North Richtung Süden zum Wohn- und Sterbehaus Edgar Allen Poes an der Fordham Road mit seinen im Originalzustand belassenen Räumen und anschließend ins "Real Little Italy", jenem Viertel, das für sich in Anspruch nimmt, längst italienischer zu sein als Little Italy nordwestlich von Chinatown in Manhattan.

Tatsächlich wirkt Belmont in der Bronx wie eine Vorstadt von Genua oder Neapel und auch der Retail Market in der Arthur Avenue ist ein typisch italienischer Markt. Dem Gangster Al Capone hat man hier sinnigerweise ein hölzernes Denkmal gesetzt und jene Havannas, die er sich gerne ins Gesicht steckte, werden hier in einer Manufaktur von Hand gerollt, zugeschnitten und verpackt.

Beim Bronx Zoo, dem größten der fünf zoologischen Gärten New Yorks und mit Sicherheit einem der schönsten Tiergärten der Welt, endet die Walking Tour nach etwa sechs Stunden. Die Teilnehmer sind schweißnass (nicht wegen der Angst, sondern von der für den New Yorker Sommer typischen tropischen Hitze) und haben nur eins im Sinn: downtown ins Hotelzimmer und unter die Dusche.

INFO NEW YORK
Anreise
Ab November 2005 fliegt LTU jeden Montag, Dienstag und Donnerstag von Wien direkt nach New York. Preise ab 149 Euro pro Strecke. Fünf wöchentliche Flüge (täglich außer Mi und Sa) nach New York bietet LTU in der kommenden Wintersaison ab dem Flughafen Düsseldorf. Zubringerflüge Wien-Düsseldorf sind buchbar unter Tel. 0662/40 88 60 oder www.ltu.at.

Gesamtpakete
New York-Pakete einschließlich LTU-Flug, Hotel (von eher einfach bis ziemlich luxuriös), Transfers und City-Tours schnürt man am besten über die erfahrenen Amerikaspezialisten Dertour und Meyer's Weltreisen. Lassen Sie sich in Reisebüros beraten. Hotels sind nie billig in New York, aber Dertour offeriert Hotelpauschalen für drei Übernachtungen schon ab 400 Euro.

Touren
Die "Walking Tour Bronx" ist in den New York-Paketen von Dertour buchbar und kostet 38 Dollar. Siehe unter www.insightseeing.com.
Andere empfehlenswerte Touren im Dertour-Programm sind:
Bootsfahrt mit Circle Line rund um Manhattan, 19 Dollar.
Walking Tour Brooklyn, 34 Dollar.
Sex and the City Tour, 34 Dollar.
Walking Tour Manhattan, 34 Dollar.

Autor/in: GERT DAMBERGER

© SN

 

diese seite | 29.08.2005 | 14:26

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