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Reiseberichte

Mit Kat und Krummdolch
23. Juli 2005
Spätestens am Nachmittag hat jeder gestandene Jemenite eine dicke Backe. In den Suks der von der UNESCO unter Schutz gestellten Hauptstadt Sanaa breitet sich der aromatische Duft von Gewürzen aus.

Täglich gegen 11 Uhr machten sich bei Ali, unserem Fahrer, stärkere Entzugserscheinungen bemerkbar, die sich in ausgeprägter Nervosität und schlechter Laune äußerten. Immer wieder, wenn wir uns mit unserem Landcruiser durch kleine Ortschaften zwängten, war seine Aufmerksamkeit den Katmärkten gewidmet. Neue, grüne Blätter galt es rasch und günstig zu erstehen.

Von diesem Kraut, dem man verschiedenartigste Wirkungen nachsagt, sind für den Insider nur die jungen Katblätter, in denen verstärkt Cathin und Cathinon vorkommen, interessant. Durch Freisetzung von Noradrenalin steigen die Körpertemperatur, sowie Blutdruck und Puls. Schlechte, billige Sorten bzw. zu starker Genuss führen zum so genannten "Katkater", der sich in Appetit- und Schlaflosigkeit sowie in Depressionen äußern kann. Der durch das Kauen entstandene Saft wird geschluckt, die verbleibende Blattmasse wird, bis sie prall wie ein kleiner Ball ist, in eine der beiden Backen geschoben.

Wie lässt sich der Genuss dieses Rauschmittels mit den Geboten des Islams vereinbaren? Der Jemen scheint hier eine Sonderstellung einzunehmen. In anderen arabischen Ländern ist der Katkonsum nämlich strikt verboten.

Sanaa, die Hauptstadt des Landes, zählt heute ca. 1,4 Millionen Einwohner und wird vom Wadi As Saila in zwei Teile zerschnitten. Mittelalterliche Eindrücke hinterlässt die Stadt am ehesten am rechten Ufer des Wadis, wenn man durch das Bab al Jemen die alte Stadtmauer passiert und sich anschließend im Suk treiben lässt. Verschleierte Frauen in bunten Gewändern, lautstarke Verkäufer, die ihre Waren feilbieten, dann wiederum der Geruch von Pfeffer, Zimt und Nelken.

Unbedingt sollte man den Suk al Dshanabi aufsuchen, in dem die Krummdolche, das Statussymbol der Jemeniten, hergestellt werden. Die kunstvoll zugefeilten Griffe der Dolche aus Kuhhorn oder Elfenbein vergrößern den Wert der Waffe um ein Wesentliches. Man passiert viele, zu Lagerräumen umfunktionierte Karawansereien, mit etwas Glück kann man sogar die eine oder andere noch in Betrieb befindliche Sesammühle ausfindig machen.

Seit man im Jahre 1984 von Seiten der UNESCO die Altstadt von Sanaa zu einem erhaltensnotwendigen Kulturerbe der Menschheit erhoben hat, fließen Mittel zur Sanierung und Revitalisierung des Stadtkerns ins Land, denn etwa die Hälfte der architektonisch einzigartigen Häuser weist deutliche Verfallserscheinungen auf. Die sechs- bis achtstöckigen Wohntürme wurden früher jeweils von einer Großfamilie bewohnt.

Marib liegt am Rand der Rub' al-Khali, der Großen Arabischen Wüste. Der Reichtum der Stadt rekrutierte sich in erster Linie aus Einnahmen von Zöllen und Weggebühren, was sich durch ihre Lage am Kreuzungspunkt wichtiger Karawanenwege (Weihrauchstraße) ergab. Dazu kam noch die landwirtschaftliche Bedeutung dieser vor etwa 2200 Jahren gegründeten Stadt. Ein für die damalige Zeit ausgereiftes Wasserverteilungssystem am Ausgang des Wadi Adhana ließ am Wüstenrand Zitrusplantagen sowie großflächige Getreide- und Gemüsefelder entstehen. Heute allerdings dreht sich hier alles nur mehr um die Förderung des "Schwarzen Goldes". Kamelkarawanen haben kaum mehr eine Bedeutung - die alte Stadt Marib ist eine Geisterstadt geworden und dem Verfall preisgegeben. Überall lockt das Abenteuer. Unterwegs laden unzählige kleine Gaststätten zur Rast ein. Die Jemeniten essen grundsätzlich ohne Besteck. Das bewirkt, dass im Allgemeinen mehr neben als auf dem Blechteller liegt.

Abseits der größeren Städte sind die Unterkünfte einfachst und für Zimperliche ungeeignet, wie wir beispielsweise im Funduk in Shahara in Erfahrung bringen konnten, als wir in einem fensterlosen Miniraum mit zwölf weiteren Personen den Fußboden für die Nachtruhe teilen mussten. Trotzdem wurde der Ausflug auf den 2600 m hohen Djebel Shahara, dem ehemaligen Zufluchtsort des Imam, zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Heute kann man sich mit allradangetriebenen Pritschenwagen in etwa eineinhalb Stunden vom Dorf Al Gabei hochbringen lassen. Stehend auf der Pritsche, mit beiden Händen sich am Dach der Fahrerkabine festhaltend, wird man von Kopf bis Fuß regelrecht durchgeschüttelt. Die grandiose Aussicht auf die angrenzenden Höhen, die bis in die Gipfelregion besiedelt sind, lässt jedoch rasch alle Strapazen und Entbehrungen in Vergessenheit geraten.

INFO JEMEN
Lage
Die 1990 durch Vereinigung der Arabischen Republik Jemen, Nordjemen, und der Demokratischen Volksrepublik Jemen, Südjemen, gegründete Republik Jemen grenzt im Norden und Nordosten an Saudi-Arabien, im Osten an den Oman, im Westen an das Rote Meer und im Süden an den Golf von Aden (Indischer Ozean).

Landesnatur
An der Westküste beginnend, gliedert sich der Jemen in eine bis 70 km breite, halbwüstenartige Küstenebene (Tihama), die rasch in ein küstenparalleles Gebirge überleitet, das mit dem Jabal an-Nabi Shuayb (3760 m) die größte Höhe der Arabischen Halbinsel aufweist. Nach Osten fällt das Gebirge allmählich zur Wüste Rub' al-Khali ab. An die schmale südliche Küstenebene schließt nach Norden das bis zu 2000 m Höhe erreichende Arabische Tafelland mit tief eingeschnittenen Wadis an.

Währung
1 Euro entspricht 233,19 Rial.

Reisezeit
Die Wintermonate eignen sich vortrefflich für einen Besuch. Während der Sommermonate (Monsunzeit) sind weite Teile des Landes unpassierbar.

Zeitdifferenz zur MEZ
Im Winter + 2 Stunden, im Sommer + 1 Stunde.

Kleidung
Neben leichter Baumwollkleidung sollte bei Touren in die Gebirgswelt ein warmer Pullover mitgenommen werden.

Gesundheit
Es ind keine Impfungen obligat. Bei Fahrten in den Süden und an die Küste im Westen wird eine Malariaprophylaxe empfohlen.

Autor/in: HEIMFRIED MITTENDORFER

© SN

 

diese seite | 25.07.2005 | 11:21

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