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Reiseberichte

Blues der Gelassenheit
9. Juli 2005
Die Drei-Millionen-Metropole Chicago trägt viele Klischees mit sich herum. Aber Klischees müssen ja nicht immer gleich etwas Schlechtes sein.

Man kommt am Lake Michigan recht schnell  einer  Stadt auf die Spur, die sich vor allem durch ihren Sound definieren lässt, der zwar ein monotoner, aber niemals langweiliger oder gar altmodischer Begleiter ist.

Manfred Honeck treibt das Chicago Symphony Orchestra durch Brahms Vierte Symphonie. Er will mehr Tempo. Das CSO, eines von drei, vier US-Orchestern von Weltrang,  lässt sich von dem deutschen Dirigenten aber nicht so schnell aus der Ruhe bringen.  Nur ein paar Schritte weiter östlich durch den Grant Park, der zwischen der Skyline und dem Lake Michigan eine grüne Lunge bildet, tun alte Blueser das Gleiche. Sie lassen sich nicht aus dem monotonen Takt bringen.

Dass sich in Chicago Urbanität und der Blues, der von den Baumwollfeldern des Südens heraufkam, ab den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu einer hypnotisierenden Einheit mischten, ist kein Zufall. Diese Stadt ist eine gelungene Mischung.

In dieser Stadt zählt der richtige Takt. In dieser Stadt kommt es auf den Sound an. Der El (für Elevated Train), die oberirdische U-Bahn rund um The Loop, wie  sie hier die Downtown nennen, rattert ihn. Es ist eine Songlinie, die der El auf alten, mächtigen Stahlgerüsten über den Straßen durch die Innenstadt legt. Einst rasten darunter die „Blues Brothers“ Jake und Elwood im Namen des Herrn. Sie gehören zu den zeitgenössischen Klischees der Stadt. Sie sind Welt-Popkultur.

Selbstbewusst, aber niemals aufdringlich

Aber Symphony Orchestra? Darauf kommt man nicht so schnell. Wer an Chicago denkt, denkt  an Blueser wie Muddy Waters, Howlin’ Wolf oder Buddy Guy. Er denkt an Al Capone, die Bulls mit Michael „Air“ Jordan  und Brechts Heilige Johanna der Schlachthöfe. Man hofft, ein Ticket für ein Cubs-Spiel zu bekommen, die auf dem Wrigley Field, neben Fenway Park in Boston der legendärste Baseball-Platz der USA, also der Welt, Homeruns schlagen. Es fällt einem der Brand von 1871 ein, eine der Aufsehen erregendsten urbanen Katastrophen der Neuen Welt.

Während anderswo solche Klischees bis zur Erstarrung gepflegt und touristisch ausgebeutet werden, gibt sich Chicago mit einem Gewinn bringenden Stillstand nicht zufrieden. Was man hat, wird angeboten. Es muss aber immer weitergehen. So wie damals, als hier die Züge aus dem Osten  eintrafen, was die Stadt zum Handelszentrum machte. Vor allem aber machte die Eisenbahn Chicago zum Portal für die Eroberung des Westens. Und auch als große Architekten kamen – allen voran  Bauhaus-Meister Mies van der Rohe – ging etwas weiter und meist war es von hoher Qualität. 

Dementsprechend selbstbewusst, aber niemals aufdringlich steht Chicago am nördlichen Ende der USA. Dass hier mit dem Sears Tower bis vor wenigen Jahren das höchste Gebäude der Welt stand, ist kein Zufall. Nicht der Größenwahn trieb den Tower in die Luft. Überblick wollte man haben.

Es gilt hier, wo der Mittlere Westen beginnt, immer auch die ungünstige geografische Position im Kräftemessen zwischen Ost- und Westküste wettzumachen. Chicago ist zwar mittendrin, aber selten vorn dabei –  auch  wenn es um die Unterhaltungsindustrie geht. Gut, Oprah Winfrey, die erfolgreichste Talkmasterin aller Zeiten, lebt hier und beliefert das Volk „nationwide“ mit großen Themen. Aber sonst?

Chicago preist halt nicht alles an, was es hat. Nicht jede Ecke, jedes Haus und jedes neue Restaurant wird so hysterisch gefeiert wie das in New York passiert. Die Stadt stößt den Besucher aber auch nicht so arrogant ab wie  Miami oder Los Angeles das tun. Chicago strahlt Gelassenheit aus. „Breitschultrig“, nennt das ein Bekannter. Hintergründig könnte man auch sagen.  Hier ist   so viel Amerika  daheim, dass es jeder vertragen kann. Es existiert aber so viel alte Kulturwelt, dass man sich nicht umgewöhnen muss. Tradition zählt  etwas, ohne dass sie verklärt wird.

Etwa draußen auf Wrigley Field. Seit 1976 wird dort bei jedem Heimspiel im  siebenten Inning der kleine, harmlose Song „Take Me Out To The Ballgame“ zu einer  Hymne.  Den Song hat Jack Norworth 1908 geschrieben. Es war das Jahr, als Jack Johnson aus Chicago  erster schwarzer Box-Weltmeister wurde.

Geburtsstunde der Legende Caray

Der Song wurde noch im selben Jahr ein Hit. Der legendäre Radioreporter Harry Caray, dem sie an der Magnificent Avenue auch ein überlebensgroßes Denkmal gesetzt haben, sang 1971 das Lied zum ersten Mal in seiner Übertragungskabine vor sich hin. Im Lauf der Jahre begannen Fans mitzusingen. 1976 montierten ein paar Leute heimlich ein Mikro bei Caray und übertrugen sein Singen ins Stadion. Eine Legende war geboren.
 „Go Cubbies“, schreit  einer aus einem vorbeifahrenden Auto  mit texanischem Kennzeichen. Er hat das rote „C“ auf der blauen Kappe erkannt. In New York würde keiner schreien, wenn er jemanden mit einem  Yankees-Kapperl sieht. Die Cubs sind Kultur, die Yankees dagegen nur ein Modegag.  Daniels Ausbruch ist also nicht nur  ein  außergewöhnlich emotionaler Akt, sondern auch das Dokument ehrlicher Verwurzeltheit, wie sie selten ist in diesem Teil der Welt.

INFO CHICAGO
Chicago ist mit einer Einwohnerzahl von 2,896.016 (Zählung aus dem Jahr 2000) die drittgrößte Stadt der USA. Der Name leitet sich aus dem Wort Checagou ab, mit dem die Potawatomi-Indianer das Marschland beschrieben, wo später die Stadt gegründet wurde. Das indianische Wort bedeutet sowohl wilde Zwiebeln wie auch Stinktier. Frei übersetzt bedeutete Checagou also so viel wie „Land, das nach Zwiebeln stinkt“. Die optisch durch die Bauten  großer Architekten wie Mies van der Rohe geprägte Stadt liegt im Bundesstaat Illinois, am Südwestufer des Lake Michigan. Im Volksmund wird Chicago auch „Windy City“ genannt. Das soll nicht nur von den bisweilen heftigen und im Winter von Kanada her extrem kalten Winden abgeleitet  werden können.  Eine andere Erklärung ist, dass die Chicagoens, wie sich die Bevölkerung nennt, eine Hang zum „heiße Luft“ reden habe (oder hatte).

Reiseinfo gibt es in Chicago etwa im Chicago Office of Tourism im Cultural Center (Michigan Avenue).  Dort starten  empfehlenswerte  Touren mit „Greeters“, die einem nach verschiedenen Aspekten die einzelnen Stadtteile zeigen.

Fluginfo
United Airlines, deren Heimatflughafen Chicago ist, bieten zu zwei  täglichen Verbindungen ab Frankfurt seit Anfang Juni auch eine tägliche Direktverbindung von  München nach Chicago O’Hare International Airport an. Infos, Preisauskunft und Buchung im Internet:  www.united.com.

Autor/in: BERNHARD FLIEHER

 

diese seite | 08.07.2005 | 11:36

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