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Reiseberichte

Kreolische Farbenpracht
14. Mai 2005
Rodrigues liegt 550 Kilometer östlich von Mauritius, ein Stecknadelkopf auf der Seekarte. Die geruhsame Liebenswürdigkeit der durchwegs kreolischen Bevölkerung erinnert an das Paradies.

Rodrigues ist 8 mal 18 Kilometer winzig, doch das starke Relief lässt die Insel größer erscheinen. Der zentrale Gebirgsrücken erhebt sich 400 Meter über der größten Lagune im Indischen Ozean. Zwischen den Falten verbergen sich sehr unterschiedliche Landschaften, saftige Täler, dürre Weiden, Maisterrassen, unzählige Hütten und Siedlungen. In den Urwäldern duften Zitronengras, Vetiver und Vieille-Fille-Blüten.

An der Ostküste erschließt ein oft unkenntlicher Pfad die Seiten eines Postkartenalbums: kilometerlange, blendende, feine Sandstrände, unterbrochen nur von Flussmündungen und Filaowäldchen, schwarze Basaltklippen und Wolken weißer Paille-en-Queue-Vögel vor den Wänden tiefer Schluchten, Wasserfälle, Palmenhaine, dekorative Vacoa- und Ravinala-Bäume. Strandseen und Lagune haben Badewannentemperatur und draußen am Riff donnern die Brecher. Von Rivière Banane nach Anse Mourouk begegnet man bestenfalls einem Fischer, der sein Boot an Land zieht. Mehr kann niemand von einer Insel verlangen.

"Das Ideal ist ein gedeckter Tisch, ein roter Faden jenem der sich rührt." Dieser Vers stammt nicht von Shakespeare, sondern von Sophie Perrine. Ich machte die Bekanntschaft der jungen Frau, als ich ihre Mama fotografieren wollte, wie sie sich zwischen den Bohnenstangen abschwitzte. Ein Bild wie aus dem Film "Onkel Toms Hütte", gerahmt von regenglitzerndem Urwald. "Sophie, Sophie", ruft sie nach ihrer Tochter, denn sie versteht nur Kreol. Sophie kommt also durch den Garten gelaufen, ein Tönnchen mit einem Gesicht wie ein Honigtopf. "Sie würde lieber Sonntags fotografiert werden", übersetzt Sophie, "nach der Kirche, wenn sie was Schönes anhat."

Kolonialvillen und alte Gassen

Eine Frau bleibt eben immer eine Frau, auch wenn sie barfuß bis über die Knöchel im Dreck steht. "Hast du keinen Hut?", fragt mich Sophie, "ich bekomme Kopfweh von der Sonne ohne Hut. Bei uns sind überall Bäume. Auch der Fußballplatz ist unter Bäumen. Fußball ist wichtig. Seit der Autonomie von Mauritius können wir uns viel besser verwirklichen, vor allem im Sport und in der Kunst." Wir setzten unsere Plauderei fort bei Zitronenwasser mit Eiswürfeln, in gediegenen Fauteuils. Als der Herr Papa hereinschaut meint er: "Einem Mann kannst du keinen Zitronensaft anbieten. Frag ihn, ob er was Ordentliches zu trinken möchte."

Die Hauptstadt Port Mathurin präsentiert sich nur als ein etwas größeres Dorf im Grünen. Kolonialvillen, alte Gassen mit chinesischen Buden und einige wenige Kommunalbauten wie Polizei und Post halten sich mit Parks und Gärten die Waage. Der Samstag gehört dem Markt. Viele Händler kommen von weit her, brechen zu Fuß in der Nacht auf um ihr Geschäft zu machen. Als Zaungast reicht es, um sechs Uhr früh im ersten Bus zu sitzen um voll dabei zu sein. Dann quellen die Tische über vor Gemüse und Fisch, vor Honig und buntem Flechtwerk, die Gassen sind voll vom Klang der Stimmen und kreolischer Farbenpracht.

Kreolen sind Christen. Die schwarzen Lavasteine für ihre riesige Kirche haben sie auf dem Rücken quer über die Insel getragen. Der Sonntag verwandelt den Kirchgang zum Laufsteg. Was nicht T-Shirt heißt, ist selbst geschneidert, oft mit einfachsten Mitteln aber auch echte Couture, gekrönt von den Perlen eines ozeanischen Lächelns.

Kreolische Küche verzaubert Fisch mit Vanille, Hühnchen mit Honig, Torten mit Maniok. Und den Neugierigen mit Tectec. Was das genau ist war nicht herauszukriegen, ein Aphrodisiakum jedenfalls aus irgendwelchen Meeresfrüchten - oder sollte es aus geographischer Sicht "Afrodisiakum" heißen?

Nachts am Meer ist mir dann schwindlig geworden. Das kam aber von den Sternen am schwarzen Samt über der Lagune.

Autor/in: STEFAN KALMAR

© SN

 

diese seite | 17.05.2005 | 12:45

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