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Äthiopien? Man denkt an Karlheinz Böhm, allenfalls an den "Negus". Die Königin von Saba könnte einem einfallen, filmisch dargestellt von Elizabeth Taylor, und ihr Lover, der König Salomon, den Yul Brynner mimte.
Die über dreitausendjährige Geschichte des Landes ist bewegt, spektakulär und medienbewährt. Als Reiseland ist Äthiopien wenig bekannt. Doch wer diesen kleinen Teil Afrikas, zwischen Sudan, Kenia und Somalia gelegen, betrachtet, entdeckt eine christliche Hochburg, die noch vor Europa ins Zeichen des Kreuzes getreten ist.
Unterwegs begegnet man oft kleinen Menschengruppen, die sich in Kolonnen auf den engen Pfaden bewegen. Die Reihenfolge ist streng hierarchisch geregelt. Die Wichtigkeit der Fußgänger nimmt von der Spitze nach hinten ab. Die Frauen folgen immer zum Schluss.
Genau so ist es beim großen christlich-orthodoxen Timkat-Fest, das alljährlich am 19. Jänner an die Taufe Jesu im Jordan erinnern soll. Und so war es beim Osterfest in Lalibela, einem Fünftausend-Seelen-Dorf auf einer Hochebene von 2600 m, das früher Roha geheißen hat. Man kommt in diese entlegene Streusiedlung, um das "Achte Weltwunder" zu sehen - die elf Felskirchen mit ihren unzähligen Kultobjekten.
Herrscher "von den Bienen erkoren"
Wir befinden uns am Fuß des 4190 m hohen Mount Abune Yosef, haben ein Hotel bezogen, uns bereits an die abessinische Bergwelt gewöhnt, essen Fladenbrot mit vielen Gewürzen, werden mit Hirsebier gelabt und hören die berühmte Geschichte. König Lalibela, ein Mitglied der Zagwe-Dynastie, "der von den Bienen erkorene Herrscher", schuf vor 800 Jahren in Roha Kirchen, wie sie die Welt noch nie erblickt hat: Die Felskirchen von Lalibela, Weltkulturdenkmal und zugleich eine Festung des Glaubens.
Die turmartigen Gebäude sind unmittelbar aus dem Felsen, auf dem sie stehen, herausgebrochen worden. Einige liegen fast verborgen in tiefen Gräben, andere stehen in Höhlen, die aus dem Felsen gehauen sind.

Lalibela selbst besteht großteils aus Lehmhütten, mit Stroh oder Blech bedeckt, so ruhig, als wäre hier die Zeit stehen geblieben. Nur zu hohen kirchlichen Feiertagen, wie am Palmsonntag, ziehen unendlich lange, knallbunte Prozessionen in Richtung Felskirchen, denn an diesem Abend feiern die Christen den triumphalen Einzug Jesu in Jerusalem. Manche Wallfahrer sind in den beiden Wochen vor Ostern fünf Tagesmärsche zu dem Heiligtum unterwegs. Dann drängen sich Pilger und Bettler zu den Gottesdiensten, die bis zu fünf Stunden dauern.
Hier hat sich seit den Anfängen der christlichen Ära nichts geändert. Eine Reise nach Lalibela ist für Christen und Kopten aus ganz Äthiopien mit dem Besuch am Grab Christi gleichzusetzen. Man hat hier das plätschernde Bächlein natürlich Jordan genannt und auch ein Berg Tabor ist vorhanden. Also gilt der Wallfahrtsort Lalibela als "äthiopisches Jerusalem".
Priester mit Nebenberuf
Natürlich erlebt man in Lalibela andere Liturgien als bei uns. Außerdem haben fast alle Priester Nebenberufe, z. B. Schneider, was sehr praktisch ist, denn sie fertigen die kostbaren Kirchengewänder selbst an. Die Osterrituale gehen am Karfreitag nachmittags, als Christus starb, in die Endrunde. Die Gläubigen werfen sich 50 Mal auf die Knie. Nachts von Samstag auf Sonntag beginnen Osterzeremonien mit Kerzen, Gesängen, Trommeln, Rasseln, Umzügen und Fackeln.
Wenn alle Pilger heimgezogen sind und es wieder ruhig wird in den Schluchten zwischen den Gotteshäusern, denkt man an den König, den manche für verrückt gehalten haben. Seine Kirchen liegen in zwei Gruppen, südlich und nördlich des Jordan. Jede hat drei oder vier Eingänge. Der östliche führt zum Allerheiligsten und ist nur für die Priesterschaft bestimmt, der südliche ist den Frauen, der nördliche den Männern vorbehalten. In Verzückung kann man über die Wandmalereien verfallen.
Verrückt kann König Lalibela, der von einem Heer von Steinmetzen und Schreinern dieses Wunder vollbringen ließ, nicht gewesen sein. Er erwarb das nötige Bauland, verschaffte sich Werkzeuge, setzte Löhne fest und vollendete die Kirchen nach einer Bauzeit von 20 Jahren. Der Sage nach haben ihm die Engel nachts geholfen. Aber wie ein weiser Spruch aus Äthiopien besagt: Wahrheit ist ein Wertgegenstand, und Schweigen hilft ihre Entäußerung umgehen.
INFO ÄTHIOPIEN SN-Leserreise Erlebnisreisen "Einzigartiges Äthiopien" 5. bis 20. Juni 2005, 9. bis 24. Oktober 2005. Besichtigung der Felsenkirchen von Lalibela und der Klöster am Tanasee, aus dem sich der Blaue Nil donnernd seinen Weg bahnt. Im Süden beherrschen die wilde Natur des Mago-Nationalparks und die Völker der Mursi, Hamer und Dorze das Land.
Veranstalter Geo Reisen, Zentrum Herrnau, Alpenstraße 48, 5020 Salzburg; Tel.: 0662/63911-0 E-Mail: salzburg@geo.at Internet: www.geo.at.
Autor/in: MARIA GORNIKIEWICZ
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