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Reiseberichte

Perle im lauten Chaos
19. März 2005
Schon im ursprünglichen Namen schwingt die ganze Exotik Indiens mit: Bombay. Doch mittlerweile heißt die Stadt Mumbai und das ist nicht der einzige Widerspruch in dem 16-Millionen-Einwohner-Moloch.

Mit der ersten Frage an den Taxifahrer geben wir gleich unsere europäische Herkunft zu erkennen. Wie weit es denn vom Flughafen in das Hotel sei, wollen wir von dem Mann mit dem mächtigen Schnauzbart hinter dem Volant wissen. Für solche "Blödheiten" hat der Taxifahrer gerade ein mildes Lächeln und ein Schulterzucken übrig. Wir fragen weiter, immerhin steckt der Flug in den Knochen und der Durst in der Kehle. Da wird unser Fahrer konkreter. "Sicher nicht länger als zwei Stunden", sagt er. Heute sei nämlich ein guter Tag, es ist Sonntagabend, kein zusätzlicher Stoßverkehr, nur der normale Verkehrswahnsinn in einer 16-Millionen-Einwohner-Stadt, deren Verkehrsstrukturen von den Engländern im 19. Jahrhundert angelegt worden sind. Seither ist Bombay vor allem gewachsen, und dies in einem Tempo, das atemberaubend ist.

Die Slumsiedlungen ziehen sich mitunter bis an den Pannenstreifen der Schnellstraßen. Kleinkinder hocken am Straßenrand unter Zeltplanen, keine eineinhalb Meter davon entfernt donnern Laster vorbei. Hier bekommt der Kampf um den Lebensraum eine neue, noch zynischere Dimension. Willkommen im indischen Wirtschaftswunder, in der Stadt, die allein für unglaubliche 40(!) Prozent des indischen Bruttonationalprodukts sorgt.

Die nach der wirtschaftlichen Öffnung Indiens im Jahr 1991 einsetzende Industrialisierung und der Handel führten zu einem weiteren Anstieg der Landflucht. Obwohl Indien bereits heute zu den größten Wirtschaftsräumen der Welt zählt, leben noch 70 Prozent der Inder von und durch die Landwirtschaft. Doch genau die vage Hoffnung auf Fortschritt und Einkommen lockt viele davon täglich in die Millionenstädte. Was man hier unter Fortschritt versteht, wird zum nächsten massiven Problem für das ganze Land und speziell für die Ballungszentren. Das Verkehrsaufkommen ist explodiert, die Straßen sind praktisch dauernd verstopft und auch über Mumbai liegt ein beißender Gestank aus Industrie- und Verbrennungsmotorabgasen . Dass Umwelttechnik zu den ganz großen Wachstumsmärkten in Indien gehören wird, ist unbestritten. Und doch stellen sich hier ganz andere Fragen. Welchen Wert darf ein Katalysator in einem Land haben, in dem weit über zwei Drittel der Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben? Willkommen in Mumbai, dem Anschauungsbeispiel für die Auswirkungen der Globalisierung.

Die Annäherung an die wechselvolle Geschichte Mumbais beginnt fast zwangsläufig im prächtigen Hotel "Taj Mahal", das sich gegenüber dem Wahrzeichen "Gateway of India" befindet. Weil ihm einst die Briten ständig den Zutritt zu ihren luxuriösen Hotels und Herrenklubs verweigert hatten, baute der Geschäftsmann J. N. Tata 1903 dieses Hotel - prachtvoller und luxuriöser als jene der Briten. Just in diesem Hotel feierten die Kolonialherren ihren letzten Abschied im Jahr 1947, bevor sie wenige Meter entfernt durch das "Gateway" auf ihre Schiffe schritten. Das Gateway wurde einst für den Besuch des britischen Königs George V. gebaut, doch wurde es erst Jahre nach dessen Visite fertig - aber früh genug für einen stilvollen Abschied.

Was die Engländer Indien hinterlassen haben, das kann man gut vom Prunkbau an der Südspitze Mumbais aus zu Fuß besichtigen. Karmaveer Bhurao Patil Marg heißt die Prachtstraße heute etwas sperrig, kein Wunder, dass sie nach wie vor als Mayo Road bezeichnet wird. Umgeben von Dutzenden Kolonialbauten, hat man plötzlich das Gefühl, den Kontinent gewechselt zu haben. Der neogotische Bahnhof Victoria Station, das aus 1829 stammende Münzamt, der High Court, der 1879 erbaute Oberste Gerichtshof oder die wunderbaren Bauten der Universität und der Bücherei (ab 1857 entstanden) wirken wie eine Stadttour durch Inner London. Wer es bis zur Victoria Station geschafft hat, der sollte unbedingt den nahe liegenden und ebenfalls von den Briten erbauten Markt, später nach Mahatma Gandhi benannt, besuchen. Die umgerechnet 40 Cent für eine Taxifahrt dorthin sind wirklich gut investiertes Geld, zumal man sich die Überquerung dreier Hauptverkehrsadern erspart. Kunstvoll in Kreisen aufgetürmte Ananas, exotische Früchte aller Art und natürlich die Vielfalt indischer Gewürze machen den Besuch zu einem sinnlichen Erlebnis.

Womit wir bei der Gastronomie wären: Weil man bei Indien-Reisenden ja annehmen darf, dass sie angesichts indischer Gerichte wohl nicht das Gesicht verziehen, sei auch auf den Klassiker der indischen Küche, den Curry, eingangen. Dabei handelt es sich nicht - wie hier oft fälschlich angenommen - um ein einzelnes Gewürz, sondern um eine aufwändig verarbeitete Gewürzmischung. Es gibt vermutlich ebenso viele Currymischungen wie weltweit indische Köche. Kardamom, Ingwer, Kurkuma, Koriander, Muskat oder für die Schärfe auch eine Prise Chili sind darin enthalten. Den Namen hat er vom Gewürzblatt Karipatta, von dem die Kurzform Kari (und so die englische Abwandlung Curry) stammt. Die glücklichen Inder können das Blatt frisch verkochen, in Österreich erhält man es in gut sortierten Läden getrocknet. Und dass ein Curry nur echt ist mit diesen Blättern, weiß der aufgeklärte Hobbykoch seit Jamie Oliver.

INFO
Bombay wurde
nicht von den Engländern, sondern Ende des 15. Jahrhunderts von portugiesischen Seefahrern gegründet. Es fiel nicht durch Krieg, sondern durch Heirat 1663 an die Briten. Mahatma Gandhi wirkte hier viele Jahre. Das ihm gewidmete, in einer Seitengasse etwas versteckt liegende Museum ist absolut sehenswert. 1947 verließen die Briten Indien über Bombay, das seine Bedeutung vor allem als Handelshafen erlangt hat.

Mit dem Aufkommen nationaler Strömungen wurden die alten Kolonialnamen ausgewechselt, so wurde aus Bombay Mumbai - benannt nach Mumbadevi, der Göttin der Koli-Fischer und ältesten Einwohner. Die auf 16,4 Millionen Einwohner angewachsene Stadt (offizielle Angabe des Jahres 2001) ist das Wirtschaftszentrum Indiens und Sitz der indischen Börse. Zugleich ist sie auch Hauptstadt des Bundesstaats Maharashtra, der knapp 100 Millionen Einwohner zählt und mit einer Fläche von 307.690 Quadratkilometern etwa vier Mal so groß wie Österreich ist.

Fast alle großen Fluglinien fliegen Mumbai an, etwa die Lufthansa von Frankfurt direkt oder die AUA ab Mai von Wien. Vom Flughafen sind es rund 30 Kilometer in die Innenstadt.

Autor/in: MICHAEL SMEJKAL

© SN

 

diese seite | 21.03.2005 | 10:16

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