|
Die Riesenschildkröten der Seychellen sind Überlebenskünstler. Tierparadies auf dem größten Atoll im Indischen Ozean ist seit 1983 ein Weltnaturerbe. Aus Indien stammendes Inselverwalter-Ehepaar träumt von Europareise.
Julian mit seinen sechs Monaten dürfte wohl der jüngste Erdenbürger sein, der in freier Wild-bahn auf einer Riesenlandschildkröte gesessen ist. Es war auf Aldabra, auf einer Außeninsel der Seychellen, über 1000 km von der Hauptinsel Mahé entfernt. Eine der ältesten Tierarten hat sich dort erhalten - die Aldabra-Riesenschildkröte, eine Überlebenskünstlerin, die bis zu 200 Jahre alt werden kann. Schon vor 150 Millionen Jahren soll es ihresgleichen gegeben haben. Auf Aldabra lebt die weltweit größte Population ihrer Art in friedlicher Koexistenz mit der Grünen Meeresschildkröte, einer Langstreckenschwimmerin, auch Suppenschildkröte genannt, mit Riesenkrabben, Fregattvögeln und Flamingos.
Ein Tierparadies und seit 1983 ein UNESCO-Weltkulturerbe, aber nicht leicht zu erreichen - im Gegensatz zum Vallée de Mai auf der Insel Praslin, einem anderen paradiesischen, ebenfalls von der World Heritage Convention geadelten Ort, mit Fähre oder Kleinflugzeug nur einen Katzensprung von Mahé entfernt. In das Maiental kommen alljährlich Zehntausende von Besuchern. Sie wollen Coco-de-Mer-Palmen und ihre absonderliche, dem Beckenbereich des weiblichen Körpers ähnelnde Frucht in Augenschein nehmen, jene legendenumrankte Kokosnuss, die Briefmarken und T-Shirts der Seychellen schmückt.
Auf Besuch beim Inselverwalter
Aldabra, die Außeninseln sind eine andere Welt. Nicht markante Inselsilhouetten wie im Kreis der "Inner Islands", sondern ein dunkler Streifen taucht vor dem Kreuzfahrtschiff auf: Assomption, eine flache Insel, Ausgangspunkt für den Besuch auf Aldabra.
Am Rand eines Korallenriffes wird geankert. Ein Schlauchboot mit "Location Scouts" wird ausgesetzt, eine orangefarbene Flagge auf dem blendend weißen Strand aufgepflanzt. Philippinisches Schiffspersonal schafft Stapel von Liegestühlen auf die Insel, dazu Thermosboxen für ein Strandpicknick unter Kasuarinen. Vorher wird im seidenweichen, kristallklaren Wasser geschwommen, geplanscht, geschnorchelt.
Ein Traktor, das einzige Fahrzeug der Insel, befördert aus Mahé eingeflogene Fracht von der Flugpiste zum Bootssteg.
In einem Haus aus der englischen Kolonialzeit wohnt der Inselverwalter, auf der Veranda sitzen Mister Cheddy und seine Frau. Freundlich laden sie den Spaziergänger zum Tee ein. Sie seien für alles auf der Insel zuständig, sagen sie, doch es gebe nicht viel zu tun. Nur zwei bis drei Mal im Jahr komme ein Schiff, nur alle zwei bis drei Monate ein Flugzeug. "So alt sind die Zeitungen, die dann mit Lebensmittellieferungen ankommen. Wir würden uns weniger langweilen, gäbe es hier Fernsehen."
Elektrischen Strom beziehen sie tagsüber aus einem Generator, Trinkwasser aus Reservetanks. Sie halten sich Hühner, essen täglich frischen Fisch. Ein Mal im Jahr besuchen sie die Hauptstadt Victoria. Hin und wieder kommen Saisonarbeiter, um Kokosnüsse zu ernten, Wildwuchs zu beseitigen, junge Pflanzen zu hegen.
Auf Assomption wurde früher Guano abgebaut, der aus den Exkrementen von Seevögeln gewonnene Naturdünger. Die dichte Vegetationsdecke wurde größtenteils zerstört. Ein britisch-amerikanisches Projekt, Assomption und Aldabra zu einem Militärstützpunkt einschließlich Tiefseehafen auszubauen, konnte Mitte der Sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts von heftig protestierenden Umweltorganisationen verhindert werden. "Aber erst die Ernennung zur World Heritage Site hat Aldabra auf die Landkarte gebracht", meint das aus Indien stammende, von einer Reise nach Europa träumende Paar. Allerdings sollen die Besucherzahlen begrenzt bleiben, Massentourismus wie auf Praslin werde es nicht geben.
Im Schneckentempo nähert sich das Schiff am nächsten Tag den Kalksteinklippen des Atolls. Pilzförmige Korallenstücke, von Urgewalten emporgehoben und vom Wellenschlag in Jahrmillionen geformt, ragen aus dem Meer. Ein Kanal führt in die inselgesprenkelte Lagune, an ihrem Rand wachsen Mangroven, Euphorbien, Sisal-Agaven, vereinzelt Palmen. Auf der Insel Picard befindet sich die Aldabra Research Station, ein Bungalowkomplex für ein Dutzend Mitarbeiter. Alles andere ist naturbelassen.
Es wird angenommen, dass die abgelegenen Inseln schon in der Zeit der Entdeckungen aufgesucht wurden. Schiffsmannschaften sollen Riesenschildkröten, im Schiffsbauch rücklings übereinander gestapelt, als Reiseproviant mitgenommen haben, vorzugsweise die schmackhafte Suppenschildkröte, die einzige Vegetarierin der Spezies. Die sich langsam sich bewegenden, bis zu 300 Kilo schweren Riesenlandschildkröten können mehr als einen Monat ohne Nahrung bleiben, sie haben keine Zähne und trinken Wasser durch die Nase.
Artenschutz gegen Schildpattjäger
Eine Aldabra-Schildkröte legt jährlich bis zu 200 Eier im Sand des Strandes ab, an dem sie geboren wurde. Schlüpfen die Jungtiere zu früh aus, sterben sie an Austrocknung. Erwachsene Tiere bewahrt der Artenschutz vor Schildpattjägern. Naturschützer auf Aldabra haben an die 150.000 Riesenschildkröten gezählt - eine doppelt so große Population wie menschliche Bewohner im Inselstaat der Seychellen.
Von jungen Rangern beiderlei Geschlechts werden die seltenen Besucher durch das Habitat der gepanzerten Kolosse geführt. Erkundungsgänge sind nur in der Nähe der Forschungsstation erlaubt. Schon am Strand waren Spuren der Riesen zu sehen, wie Reifenabdrücke von Strandbuggys waren sie den Ausflüglern vorgekommen. Doch erst unter einem Busch wird eine Gruppe, zusammengedrängt und mit eingezogenen Köpfen, gesichtet.
In der Erkenntnis, dass die Sonne der größte Feind der Riesenlandschildkröten ist und der heiße Mittag die ungünstigste Tageszeit, sie ausfindig zu machen, kehren einzelne Ausflügler frühzeitig um. Und wie auf Bestellung wartet in der Nähe des Geräteschuppens ein Prachtexemlar - eine tolle Gelegenheit für die Eltern des kleinen Julian, ihren Sprössling auf dem Panzerrücken des Riesen abzulichten.
INFO SEYCHELLEN Landesnatur Die Seychellen-Inselgruppe im Indischen Ozean, etwa 1000 km östlich der Küste Kenias, besteht aus 32 Inseln. Zu den 17 höheren Inseln gehören Mahé, Praslin, Silhouette und La Digue. Die übrigen Inseln sind niedrige Korallenriffe. Die Inseln zeichnet ihre unverfälschte Natur mit üppiger Vegetation aus.
Einreise Gültiger Reisepass, Rückflugticket und Hotelnachweis. Kinder unter 16 Jahren benötigen den Eintrag im Pass eines Elternteils oder Kinderausweis.
Klima Ganzjährig tropisch-ozeanisch mit relativ hoher Luftfeuchtigkeit. Von Mai bis September ist es etwas kühler, von März bis Mai heiß, in dieser Zeit kommen vereinzelt Regenschauer vor.
Aldabra-Inseln Gehören zur Republik Seychellen. Aus vier Inseln besehendes Atoll, etwa 400 km nördlich von Madagaskar, auf Höhe von Tansania.
Autor/in: HANS DIETER KLEY
© SN
|