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Tunis ist das Bermudadreieck von arabischer, afrikanischer u. europäischer Kultur. In den Souks der Altstadt blüht der Handel. Nur wenn im Ramadan, in der Fastenzeit der Muslime, die Sonne untergeht u. das Abendessen beginnt, ist die Medina menschenleer.
Um 17.20 Uhr gingen die Lichter aus. Mitten in der Medina von Tunis, wo vor einer halben Stunde noch ein buntes Drängen, Treiben und Feilschen geherrscht hat, ist es plötzlich stockdunkel und mucksmäuschenstill.
Es ist Zeit zum Essen. Den ganzen Tag über haben die gläubigen Moslems in der Hauptstadt von Tunesien keine Nahrung und kein Getränk zu sich genommen. Nicht einmal einen Schluck Wasser.
Jetzt, nach Sonnenuntergang, darf geschlemmt werden. Allerdings ist der Tisch während des vierwöchigen Ramadan, der Fastenzeit der Muslime, auch am Abend nicht so reich gedeckt. In dem Nobelrestaurant Dar Belhadj, 17, Rue des Tamis in der Medina von Tunis, gibt es ein dreigängiges Menü – und Wasser. Wein wird während des Ramadan in traditionellen Gaststätten auch nach Sonnenuntergang nicht ausgeschenkt. Auch nicht an Touristen, die sich als Zaungäste am Rande des Ramadan bewegen.
Allerdings kennt auch der muslimische Fastenmonat längst seine Ausnahmen. In der Atmosphäre der Stadt ist der Ramadan aber trotzdem an allen Ecken und Enden zu spüren. Weit mehr jedenfalls, als in hiesigen Breiten der Aschermittwoch oder der Karfreitag, die zwei strengsten christlichen Fasttage.
Tunis lebt seine arabische Tradition, auch wenn die Öffnung zur westlichen Moderne nicht zu übersehen ist und täglich voranschreitet. Es ist köstlich zu beobachten, wie die jungen Töchter in kurzen Jeansröcken ihre Mütter und Großmütter, die teils noch das Kopftuch tragen, von Geschäft zu Geschäft weisen. Frei nach dem Motto: Schau, was es da tolles Neues gibt.
Die jungen Leute sind ganz offensiv westlich, genau gesagt europäisch – orientiert. Auch dort, wo Tunesien selbst längst den Anschluss gefunden hat. Stolz zeigt der junge Mann sein T-Shirt mit der Aufschrift „Olympique de Marseille“. Die Nationalmannschaft von Tunis ist Jänner 2004 afrikanischer Fußballmeister geworden. Im Finalspiel gegen Marokko waren die tunesischen Kicker überraschend siegreich geblieben.
Für den jungen Tunesier mit dem gelockten schwarzen Haar ist das Vorbild trotzdem in Frankreich zu Hause: In Marseille, der Stadt mit dem erfolgreichsten französischen Fußballklub. Und zugleich jener europäischen Stadt, die der Hauptstadt von Tunesien am ähnlichsten ist: als ein Schmelztiegel der Kulturen.
Europäisch, arabisch, afrikanisch: Tunis hat von allem etwas, und das in einem erstaunlich friedlichen Nebeneinander oder sogar Miteinander. Der ständige Wechsel von Völkern und Kulturen hat ein offenes Klima geschaffen. Das Verhältnis zu Frankreich ist so ungezwungen, als wäre Paris hier im Norden Afrikas nie als Kolonialmacht aufgetreten. Ein Indiz: Die Hauptgeschäftsstraße ist die Rue Charles de Gaulle mit der Kaufhalle Monoprix.
Römer, Araber, Türken, Franzosen: Sie alle haben Tunis ihren Stempel aufgedrückt. Auf kleinstem Raum findet der Besucher daher eine überwältigende Vielfalt von archäologischen, kunsthistorischen und städtebaulichen Stilen. Die großzügigen römischen Badeanlagen an der Meeresküste setzen einen starken Kontrast zu den engen Souks der Medina.
Dort, im historischen Zentrum der Stadt, geht es zu wie im Advent in der Getreidegasse in Salzburg. Der Unterschied ist nur, dass sich in einem Souk genau so viele Menschen vorwärts drängen, aber die Gasse um die Hälfte schmäler ist als in Salzburg.
Längst bevor in Europa die ersten großen Einkaufszentren entstanden sind, hat die Idee des Flanierens und Staunens, des Suchens und Findens, des Kaufens und – vor allem – des Feilschens in den Souks lebendige Gestalt angenommen.
Traditionell war eine arabische Altstadt nach Geschäftszweigen gegliedert, nach denen die engen, labyrinthartigen Gassen benannt sind. Die meist winzigen Räume, nachts von einem schweren Holztor verschlossen, dienen als Werkstatt und Verkaufsladen zugleich. Der Händler sitzt auf einem Teppich inmitten seiner Waren, der Mützenmacher im Souk El-Chechia kämmt das filzige, rote Modell und verkauft es zugleich.
Die Orientierung fällt dem Tunis-Neuling in den engen und teils verwinkelten Gassen schwer. Am besten ist es, sich von der wogenden Menge treiben zu lassen. Zumal die Medina von Tunis nicht unendlich groß ist. Am Ende führt der Weg immer irgendwo ins Freie, in einen Teil der modernen Stadt, die sich unter anderem mit Regierungsgebäuden an den Altstadtkern schmiegt.
Wert ist es, sich in den Souk Leffa durchzufragen. Dort befinden sich die großen Teppichgeschäfte – Musée des Turcs, Maison d’Orient und Palais d’Orient – in früheren Offiziers- und Kaufmannshäusern. Die gekachelten Dachterrassen, die ehemals den Damen des Hauses zum ungestörten Aufenthalt vorbehalten waren, bieten reizvolle Ausblicke auf die Altstadt und die kontrastierende Neustadt. Dieses Erlebnis ist durchaus die Geduld wert, die beim anschließenden „Verkaufsanbahnungsgespräch“ über den einen oder anderen Teppich erwartet wird.
Handeln und verhandeln, anbieten und feilschen – das ist das Lebenselixier im Souk. Der Besucher lässt sich die Ware zuerst anbieten und setzt dann am besten deutlich unter der Hälfte des genannten Preises an. Hat man das Stück am Ende etwa bei 50 Prozent des ursprünglichen Preises erworben, darf man zufrieden sein. Und der Verkäufer ist es auch.
INFO TUNIS Der Ramadan dauerte heuer für die Moslems vom 15. Oktober bis 15. November. Das Datum für das Fest des Fastenbrechens ändert sich von Jahr zu Jahr, weil es sich nach den Mondmonaten richtet.
Die Hauptstadt Tunis liegt im Nordosten am Golf von Tunis. Der Villenvorort Karthago ist als Ausgrabungsstätte berühmt. Daneben befindet sich der Präsidentenpalast. Unbedingt einen Ausflug wert ist das Künstlerdorf Sidi Bou Said mit dem Museum für arabische und afrikanische Musikinstrumente.
Wellnessurlauber finden in Tunesien ein Dutzend Thalasso-Zentren. Der französische Arzt Bonmardière entwickelte diese Meerwasserkur vor 100 Jahren und benannte sie nach dem griechischen Wort für Meer „Thalassa“. Doch schon die Römer und die antiken Griechen hatten die gesundheitsfördernde Heilkraft des Meerwassers entdeckt und die Thermalquellen von Nefta und Gafsa in Tunesien zu schätzen gewusst. Zum Wellnessurlaub in Tunesien gehören auch Hammam, Sauna und Massagen.
Die Wüste lässt sich in Tunesien per Geländewagen, Motorrad oder Mountainbike hautnah erleben. Einladende Stationen sind die Höhlendörfer Matmata oder Tataouine sowie die Oasen Tozeur, Nefta und Douz.
Auskünfte erteilt das Tunesische Fremdenverkehrsamt in Wien. Internet: www.tunesien-info.at; Tel. : 01/5853480
Autor/in: JOSEF BRUCKMOSER
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