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Reiseberichte

Ariane im Regenwald
20. November 2004
Französisch-Guayana, der Fleck auf den Euro-Banknoten, ist Europas Tor zum All. Die Teufelsinseln waren der „Hochsicherheitstrakt“ der einstigen Strafkolonie. Im Karneval steigen ausgelassene Touloulou-Bälle.

Haben Sie sich beim näheren Betrachten der Euro-Geldscheine schon einmal gefragt, was das eigentlich für ein kleiner Fleck auf der Seite mit der Landkarte gleich neben dem Omega-Buchstaben der griechischen Währungsbezeichnung mit den ungefähren Konturen von Vorarlberg ist? Ein Stück Europa, da ja, allerdings auf dem südamerikanischen Kontinent, keine 500 Kilometer vom Äquator und von der Amazonas-Mündung entfernt: Französisch-Guayana, Übersee-Departement  des 8000 Kilometer fernen Mutterlandes, ein wenig größer als die Fläche Österreichs, aber nur von 160.000 Menschen bewohnt, in ethnisch bunter Mischung.  Ein Territorium von großer ökologischer Bedeutung, sind doch neun Zehntel des Landes unberührter tropischer  Regenwald.

Ökonomisch bedeutend ist Französisch-Guayana wegen des Weltraumhafens von Kourou, wo wegen der günstigen Preise   mehr als die Hälfte aller kommerziellen Raketenstarts weltweit durchgeführt werden, im Schnitt jeden Monat einer. Dazu kommen die der Forschung dienenden Weltraummissionen der European Space Agency (ESA), an der auch Österreich beteiligt ist. Auf den Triebwerken der Ariane-Raketen ist die österreichische Flagge wegen der alphabetischen Reihung  („Autriche“) die erste der 15 Mitgliedsländer.

Gemüsebauern kommen aus Laos

Fährt man die Küste entlang, zwischen Kourou und der Hauptstadt Cayenne sogar auf einer bestens ausgebauten Autobahn, so sieht man nirgendwo Anzeichen von Landwirtschaft, obwohl es in Guayana mehr als genug regnet und mehrere Ernten pro Jahr möglich wären. Eine einzige Bevölkerungsgruppe baut Gemüse und Blumen an und beherrscht die Wochenmärkte: Die erst 1977 eingewanderten Hmong, ein katholisches Bergvolk aus Laos, die nach dem Ende des Vietnamkriegs ihrer Heimat den Rücken kehrten und ihre Dörfer im Dschungel Südamerikas neu aufbauten. Die kreolische Bevölkerungsmehrheit, Nachkommen der aus Afrika verschleppten Sklaven, hat fast durchwegs Verwaltungsjobs  oder lebt von staatlicher Unterstützung. Der Einzelhandel ist in der Hand chinesischer Greißler, und alle ungeliebten Arbeiten werden von Gast- oder Schwarzarbeitern aus den beiden Nachbarländern Surinam und Brasilien erledigt.

Ein Leben für sich  führen einige Indianerstämme  sowie als kolonialgeschichtliches Kuriosum auch die Nachfahren geflohener aufständischer Sklaven im Regenwald, die in dieser Abgeschiedenheit  zu ihrem traditionellen afrikanischen Stammesleben zurückgekehrt sind.

Der Tourismus spielt keine große Rolle: Um die 70.000 Ankünfte werden  pro Jahr gezählt, und bloß 1200 Hotelbetten stehen zur Verfügung.  Neun Monate im  Jahr herrscht Regenzeit, die Küste ist dicht mit Mangroven bewachsen, das Meer ist wegen der  vielen Flüsse – der Landesname „Guayana“ bedeutet auch „Land der Flüsse“ –   kilometerweit von kaffeebrauner Farbe. Ein Land für abenteuerlustige Tourismuspioniere, denen es in erster Linie am  Erlebnis des Regenwaldes gelegen ist.

Etwa 15 Dschungelcamps, die durchwegs von Franzosen aus dem europäischen Mutterland betrieben werden, stehen für solche Ökotouristen zur Verfügung. Tagsüber gibt es geführte Touren durch das Waldesdickicht oder auf dem Fluss. Man beobachtet Vögel, entdeckt die  Spuren von Jaguaren und Tapiren, und wenn man Glück hat, erblickt man auch die Königin des Amazonasdschungels, die Anakonda, die bis zu sechs Metern lang werden kann. An plätschernden Urwaldbächen demonstriert der Führer die Kunst des Goldstaubwaschens – groß ist die Ausbeute  freilich nicht (mehr), die Zeit des guayanischen Goldrausches liegt  hundert Jahre zurück. Übernachtet wird in Hängematten unter Palmstrohdächern. Zu den fleisch- und früchtebetonten Mahlzeiten werden französischer Rotwein und surinamesischer Rum der Marke „La Cayennese“ ausgeschenkt.

Zwölf Kilometer vor der Küste von  Kourou liegen im Meer drei kleine Eilande, die jeder Besucher Französisch-Guayanas gesehen haben muss: Die berühmt-berüchtigten Teufelsinseln. Mehr als anderthalb Jahrhunderte, von 1797 bis 1946, bestand die wesentlichste Bedeutung Französisch-Guayanas für das Mutterland darin, ein Gefängnis zu sein, ein Deportationsort für Schwerkriminelle und für politische Häftlinge, für die Revolutionäre der Pariser Commune und für Alfred Dreyfus. An eine Flucht aus der „grünen Hölle“ war nicht zu denken, nur wenige wie „Papillon“ Henri Charriere – dessen Lebenserinnerungen später mit Steve McQueen in der Hauptrolle verfilmt wurden – schafften das Unmögliche. Die Teufelsinseln wiederum spielten innerhalb des Landes, das ein Gefängnis war, die Rolle eines Hochsicherheitstraktes  für die ganz hart gesottenen Burschen oder für die ganz heiklen politischen Gefangenen.

Kapitän Serge Colin bringt täglich mit seiner Katamaranfähre Gäste von Kourou auf die Ile Royale, die größte der Teufelsinseln. Hier befanden sich bis 1946 die Verwaltungsgebäude des Gefangenenlagers, die heute einen gewissen patinierten Charme des Alters angenommen haben. Auch die feuchttropische Vegetation ist eifrig dabei, alles zu überwuchern, und halbzahme Agutis (eine Nagetierart) und Leguane trippeln über die Gehwege.

Im Karneval vertauschte Rollen

Der Kontrast zum harten Leben der Deportierten von einst sind die ausgelassenen Karnevalsfeiern von heute. Französisch-Guayana liegt nicht nur im Schnittpunkt der Karibik und Brasiliens, wo der Karneval das wichtigste Fest des Jahres ist, es gibt auch eine eigene Tradition, die ursprünglich aus Afrika stammt und die man nur hier findet: die Touloulous.

Jede Samstagnacht während der Karnevalszeit steigt ein Touloulou-Ball, bei dem die Geschlechterrollen vertauscht sind: Die weiblichen Ballgäste, zu Touloulous verwandelt, übernehmen im Ballsaal die Initiative, und die Männer müssen sitzend warten, bis sie aufgefordert werden.  Um wen es sich bei der betreffenden Touloulou handelt, bleibt ein   Geheimnis:  Die Frauen sind nämlich vollständig verhüllt.

 Die halbe Stadt ist   auf dem Ball, und tags darauf wirkt Cayenne wie ausgestorben. Erst spätnachmittags beleben sich die im Schachbrettmuster angelegten Straßen wieder, wenn der sonntägliche Karnevalsumzug beginnt. Bei jedem Wetter – und das kann gerade in der Faschingsregenzeit eine sehr feucht-fröhliche Angelegenheit werden.  


INFO  FRANZÖSISCH-GUAYANA
Auskünfte erteilt das Französische Fremdenverkehrsamt, Argentinierstr. 11 a, 1040 Wien, Internet: www.tourisme-guyane.gf

Air France fliegt täglich mit einem Airbus 340/33 von Paris-Orly nach Cayenne,  Flugzeit 9 Stunden. Die Ankunft erfoflgt nachmittags, bei vier Stunden Zeitunterschied. Da es Paris-Flüge von Wien   aus nur zum    Airport   Charles de Gaulle gibt, muss in der französischen Hauptstadt der Flughafen gewechselt werden.

Zum Trip in den Regenwald ist das Camp Cisame zu empfehlen,  von der Ortschaft Regina  in zwei Stunden über den Fluss Approuague erreichbar.

Klimatisch ist die beste Reisezeit von August bis Oktober, wenn es kaum regnet. Das sonstige Jahr über muss unter Umständen mit tagelangen Regengüssen gerechnet werden.

Bezahlt wird in Frz.-Guayana  mit dem Euro, die Sprache ist  Französisch, mit Englisch kommt man nicht weit.

HARALD STEINER

 

diese seite | 22.11.2004 | 11:38

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