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Reiseberichte

Goodbye, Lenin
16. Oktober 2004
Kuba - Insel zwischen Kapitalismus und Sozialismus, Armut und atemberaubender Lebenslust. Ständiger Begleiter sind Musik und bärtige Revolutionäre, die statt Models von Plakaten lachen.

Was? Fidel Castro ist da? Aufregung unter den Touristen im Hotel "Nacional" in Havanna. Fotoapparate werden gezückt und die drei schwarzen, gepanzerten Mercedes vor dem imperialen Hoteleingang bestaunt. Kubanische Militärs in olivgrünen Uniformen rauchen neben den Limousinen und warten geduldig, bis der "Jefe en general" sein Treffen mit der ausländischen Delegation beendet hat. Ebenso geduldig warten die Touristen in der Hotelhalle. Stundenlang. Wer will nicht einen Blick auf Castro erhaschen, ein Foto von dem Mann mit nach Hause nehmen, der der Geschichte Kubas wie kein anderer seinen Stempel aufgedrückt hat und seit der Revolution 1959 schon dem zehnten - vielleicht bald dem elften - US-Präsidenten trotzt? Fidel, die Touristenattraktion in einem Land, wo bärtige Revolutionäre und nicht glatte Models von den Plakaten lachen.

Wenig beeindruckt von dem Rummel ist Jorge. Er kennt den "Maximo Leader" seit Jahrzehnten. Jorge war der letzte Hoteldirektor des "Nacional" vor der Revolution und er war es auch, der den Luxusschuppen 1964 zu einem Studentenheim umfunktionierte. Ein Bild von Castro mit dem jungen Jorge hängt natürlich auch in dem Raum, in dem die Hotelgeschichte viele Gesichter bekommt.

Stolz zeigt der alte Mann auf die Bildcollagen, während die Musiker im Garten "Besame mucho" spielen. Josephine Baker, Frank Sinatra, Marlon Brando, der britische Premier Winston Churchill, Mafia-Boss Meyer Lansky. Die Liste ließe sich beinahe endlos fortsetzen.

Im "Nacional" traf Macht auf Glamour

Im "Nacional" trafen Glamour und Macht aufeinander. Mafiosi, Stars, Industrielle, Politiker. "Ich kannte sie alle", sagt der heute fast 90-Jährige, der in den 30er Jahren als Hotelbursche anfing. Mit Ava Gardner will Jorge sogar eine Woche lang durch Kuba gereist sein. Staunende Blicke. "Ich war ja einmal ein schöner Mann", betont er und sagt mit verklärtem Blick: "Ich werde mich immer an sie erinnern." Er grinst verschmitzt und schweigt diskret. Diskretion ist sein Markenzeichen. Meyer Lansky soll sogar so beeindruckt gewesen sein von der Verschwiegenheit des Kubaners, dass er ihm noch Jahre nach der Revolution angeboten hat, zu ihm nach Miami zu kommen. Das Angebot habe er natürlich abgelehnt, sagt der alte Mann. Zu sehr hänge sein Herz an Kuba.

Kubaner mit Leib und Seele ist auch Alejandro Robaina. Der 85-Jährige wäre im Westen mehrfacher Dollar-Millionär: Immerhin produziert er pro Jahr rund sechs Millionen Deckblätter - und zwar nur Deckblätter - für die besten Zigarren der Welt. Eine der exklusivsten Sorten wurde sogar nach ihm benannt. Hier auf Kuba aber lebt Robaina wie alle anderen ein sehr einfaches Leben: Der Mann mit den tiefen Lachfalten um die Augen wohnt auf einer baufälligen Finca mit seiner 90 Jahre alten Schwester, seinem Enkelsohn und dessen Familie.

Mitten im Paradies - zwischen fruchtbaren Tabakfeldern und Zuckerrohrplantagen. Nicht unweit vom Valle de Viñales, wo die sattgrün überwucherten Karstfelsen namens "Elefantenbuckel" aus Tabakfeldern und rotbraunem Erdboden senkrecht emporsteigen. Langsam wippt Robaina in seinem Schaukelstuhl vor und zurück, zieht an einer Zigarre und genießt, dass er an seinem Lebensabend auch über die Grenzen zur Legende wurde.

Der Tabak, der hier produziert wird, bringt Kuba Dollars und den Ruf, die Zigarren-Nation Nummer eins zu sein. Auch wenn die Ware auf Grund des Wirtschaftsembargos nicht in den USA landen dürfte - irgendwie finden die Zigarren dennoch ihren Weg dorthin.

Gerollt werden die Blätter in Zigarren-Fabriken, wo hunderte Arbeiter auf engstem Raum nebeneinander sitzen. Ganz vorne auf einem Podest sitzt der Vorleser. Romane der Weltliteratur, von Shakespeare bis Goethe, bekommen die Arbeiter hier ebenso zu Gemüte geführt wie - natürlich - die Parteizeitung "Granma". Die Zigarrenroller gehören zu den gebildetsten und bestinformiertesten Arbeitern Kubas, heißt es.

Die Tradition des Vorlesens ist übrigens fast so alt wie die Zigarrenproduktion selbst. Manche der berühmten Zigarrenmarken haben so auch ihren Namen erhalten: "Romeo y Julietta" oder "Montecristo". Die Arbeit ist zwar besser bezahlt als andere, und das zum Teil sogar in Dollar, zum Leben reicht es dennoch kaum. Auch wenn Wohnen, Strom, wenn er fließt, und Telefon für die Kubaner so gut wie nichts kosten.

Ohne Dollars geht auf Kuba gar nichts

Besser geht es denen, die im Tourismus arbeiten - da kann es schon sein, dass Physiker oder Historiker das Frühstück servieren. Illegaler Zigarren-Handel und Prostitution boomen - auch wenn die Regierung das mit allen Mitteln bekämpft. So müssen etwa Kubaner, die nicht in Varadero wohnen, den Badeort Abend für Abend wieder verlassen. Varadero, wo Luxushotels an langen weißen Stränden stehen, ist damit aber zugleich der unkubanischste Teil der Insel. Wer nur Varadero kennt, hat zwar den Palmentraum der Karibik erlebt, aber nicht Kuba.

Der hat Havanna nicht gesehen, dessen dekadenter Zerfall die 50er Jahre wieder lebendig macht und nicht die Oldtimer, die auf Kuba die normalste Sache der Welt sind. Vor allem aber hat er nicht die Lebenslust gespürt, die sich in der kubanischen Musik ausdrückt. Und er hat auch nicht in einem Paladar gegessen. Paladars sind kleine, privat geführte Familien-Restaurants. In einem Land, in dem alles verstaatlicht ist, eine kleine Sensation.

Dass Kuba nicht mehr das ist, was es einmal war, beweist wohl auch, dass beim jährlich in Havanna statt findenden Lateinamerika-Filmfestival die deutsche Komödie über die DDR mit dem vielsagenden Titel "Goodbye Lenin" gezeigt wurde.

INFO KUBA
Flug
Air France fliegt einmal täglich von Wien über Paris nach Havanna. Reiseveranstalter-Partner sind Ruefa-Reisen (Infos: www.airfrance.at, www.ruefa-reisen.at).

Hotels
Das "Parque Central" gilt als das Beste in der 5-Stern-Kategorie, was Havanna derzeit zu bieten hat. Wer es traditioneller will, sollte im "Nacional de Cuba" logieren. Denkmal aus den 30er-Jahren und Märchenschloss zugleich.

Essen
Außer staatlichen Restaurants gibt es so genannte Paladas: Kubaner dürfen bis zu zwölf Touristen zum Essen zu sich nach Hause einladen. Manche Paladas haben mittlerweile das Recht, mehr Menschen verköstigen zu dürfen. Zu den besten Paladas in Havanna zählen das "La Guarida" (Drehort für "Fresa y Chocolate") und das "La Esperanza " mit seinem einzigartigen Flair. Man isst meist viel besser als in den staatlichen Restaurants - von der Atmosphäre ganz zu schweigen.

Autor/in: Maria Zimmermann

© SN

 

diese seite | 18.10.2004 | 16:09

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